Eine auffällige Gemeinsamkeit der chinesischen Regisseure auf der Berlinale ist der Versuch, archaische Traditionen und die rasante gesellschaftliche Entwicklung in ihren Filmen greifbar zu machen. Apart Together wurde dafür kritisiert, die Geschichte um drei Achtzigjährige habe mit dem modernen China nichts zu tun. Aber auch das greift zu kurz. Gerade die neue Generation chinesischer Filmemacher beschäftigt sich verstärkt mit dem Leben alter Menschen. So gehören zwei der zentralen Szenen in Yang Ruis semidokumentarischem Film Crossing the Mountain einer alten Frau. Sie erzählt, wie ihr Mann einst getötet und enthauptet wurde.

Vom "Mittelalter" der Kulturrevolution, die bis 1976 ging, bis zum rasanten Wirtschaftswachstum der Gegenwart ist den Menschen kaum Zeit geblieben ist, über die ferne Vergangenheit nachzudenken, weil ihnen allein die jüngste Vergangenheit so viele Veränderungen gebracht hat. "Ein Europäer hätte 400 Jahre leben müssen", sagt der chinesische Schriftsteller Yu Hua, "um eine ähnlich große Veränderung zu erfahren, wie sie ein Chinese in 40 Jahren durchgemacht hat."

Auch positive, etwa im Hinblick auf die Zensur? "Alles ist offener geworden", sagt der Regisseur Wang im Interview mit ZEIT ONLINE. "Das Problem ist nicht mehr die Zensur, sondern die riesige Kommerzwelle. Das kann dem chinesischen Film viel mehr schaden." Diese Sätze hört man inzwischen häufig von Regisseuren, die in China produzieren. Sie mögen zum Teil eine Schutzbehauptung sein, in einzelnen Fällen kann man aber tatsächlich eine Lockerung der Vorschriften erkennen. Jia Zhang-Kes Film Still Life etwa, der über den umstrittenen Drei-Schluchten-Stausee berichtet, ging bei den Zensoren trotz zahlreicher staatskritischer Szenen durch.

Natürlich findet Zensur statt. Gefragt, wie sein Drama Amphetamine über die Liebe zweier junger Männer in China aufgenommen wird, lächelt der Hongkonger Regisseur Scud zurückhaltend. Sein Film könne wohl erst in fünf bis zehn Jahren in seinem Heimatland gezeigt werden, sagt er. Bei Scud ist das Verhältnis zwischen Zensur und Kommerz genau umgekehrt. Sein letzter Film Permanent Residence sei in keinem offiziellen Kino in China gelaufen, sagt der Regisseur. "Aber er ist dennoch überall. Alle meine Freunde haben ihn gesehen." Illegal, auf Raubkopien.