Berlinale 2010 Dem Nachwuchs geht's gut
Auf der Berlinale zeigen junge Regisseure, was in den kommenden Jahren vom deutschen Kino zu erwarten ist. Die Auswahl der Filme ist ein Glücksfall.
Dem deutschen Kino scheint es auf der Leinwand besser zu gehen als draußen am Potsdamer Platz. Dort, auf den Empfängen der Filmförderungen, mühsamen Agenturfrühstücken oder Partys stehen Hunderte junger deutscher Regisseure und Schauspieler herum und suchen Arbeit. In Deutschland, vielleicht ist es in der Filmbranche weltweit nicht anders, ist es jahrelange, harte Arbeit, auf der Leinwand präsent zu sein – überhaupt als Regisseur oder Schauspieler ins Kino zu kommen.
Damit ein Film richtig gut und sehenswert ist, muss diese Mühe natürlich verborgen bleiben. Im Schnitt dauert es sieben Jahre von der Idee eines unabhängigen Films bis zur Premiere. Und dann, wenn das Schicksal gut gelaunt ist und das Sujet geglückt, findet diese vielleicht auf einem Filmfestival mit Publikum statt, im besten Fall in Berlin.
Die Sektion "Perspektive Deutsches Kino" gibt nicht nur einen Überblick über das, was gerade zwischen Ludwigsburg und München aus den Filmhochschulen kommt, sondern zeigt in diesem Jahr, dass hier hervorragende, zarte, originelle Filme zu sehen sind und, ja, sogar Witziges entstanden ist. Und da spielt es fast keine Rolle, ob Spiel- oder Dokumentarfilm.
Die Haushaltshilfe von Anna Hoffmann, die bereits 2009 für den First Steps Award nominiert war, begleitet mit der Kamera den Alltag einer Haushaltshilfe, die zwei Pflegebedürftige alte Menschen in ihrer Wohnung betreut, bekocht, mit Gesellschaft und Ordnung versorgt. Und das immer unter dem rigiden, prüfenden Blick der alten Dame. Alles wirkt bei dieser Dokumentation, die auf wenigen Quadratmetern alles aufsaugt, jede Mine, jedes Zucken um den Mundwinkel einfängt, schon Spielfilmhaft, beinahe fiktional, wobei sie an Glaubwürdigkeit in keiner Sekunde einbüßt.
Um das Spiel der Fiktion, der Projektion, um genau zu sein, dreht es sich im Film Cindy liebt mich nicht. Eigentlich der Name einer Bar im Film, für die Geschichte aber leider symptomatisch. Zwei junge Männer, natürlich ganz gegensätzlich ein Rechts-Referendar und Barmann suchen das gleiche Mädchen und bilden sich ein, die große Liebe in ihr zu finden. Dieses Roadmovie bekommt dann zeitweise surreale Züge, wenn die beiden in der Psychiatrie, wo sich Maria aufgehalten haben muss, auf den seltsame grinsenden, fetten Pfleger Olaf stoßen. Einmal von den Stereotypen abgesehen (lockerer Stiefel-Barmann, verklemmter krawattenlastiger Referendar, geheimnisvolles Mädchen) hat der Film eine wunderbare Dramaturgie. Sogar eine Autofahrt wirkt relativ unverbraucht und dankbar ist man auch, wenn ein Film mal nicht in Berlin, sondern in der Provinz spielt. Die Regisseurin Hannah Schweier eröffnete schon vor zwei Jahren mit ihrem Film Aufrecht Stehen die Sektion und wird unter anderem vom ZDF und Produzent Nico Hoffman unterstützt.
Es geht aber auch ganz archaisch: Sibel Kekilli trägt als Hauptfigur mit einer unheimlichen schauspielerischen Kraft den leider etwas länglich geratenen Film Die Fremde, in dem es um Ehre und Rache in türkischen Familien geht. Als fremd fühlen sich in Deutschland Kinder jenen Familien, die wiederum in der Türkei als Deutsch gesehen werden. Die Regisseurin Feo Aladag erfindet sehr genaue Charaktere, zeigt eben nicht das Klischee vom Rachesüchtigen großen Bruder, zeigt vielmehr, dass ein Ehrenmord, auch in dieser Gesellschaft, keine Lebensanleitung ist.
- Datum 17.02.2010 - 11:25 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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