Berlinale Wettbewerb Jagdszenen aus dem Wiener WaldSeite 2/2
Der Regisseur als Verhaltensforscher (ja, er ist der Enkel des Physikers Werner Heisenberg): Sein erster Spielfilm, Schläfer von 2005, beobachtet einen Mann, dem in einer Zwangslage die Moral verloren geht. Der Räuber beobachtet einen Mann , der keine Moral kennt (und fast keine Eigenschaften), einen Täter, der mit unserer Lebensart "nix zu tun“ hat.
Heisenberg gelingt der seltene Fall von Introspektion ohne Identifikation, einer Annäherung ohne vorschnelle Empathie. Man mag ihn nicht, diesen Rettenberger, aber man begreift genau, warum er läuft und wie er tickt, wenn er sich in einer Kleingartensiedlung zwischen zwei Hecken in die Enge getrieben sieht und zuschlägt. Man bemerkt mit Schrecken, dass man sie eine Sekunde lang nachvollziehen kann, die Gewalt, die Obsession, das Entkommenmüssen, dieses innere Trommelfeuer, das manchmal auch über die Tonspur peitscht. Der letzte deutsche Täterfilm, der etwas Ähnliches auslöste, war Matthias Glasners Der freie Wille.
Heisenberg, Jahrgang 1975, hat nach einem interessanten Debüt einen zweiten Film von fast erschreckender stilistischer Präzision realisiert, ein starkes Stück Kino. Andreas Lust als "Der Räuber“, sein athletischer Körper, seine Angespanntheit, das bleiche, maskenhafte Gesicht: Es fräst sich einem ins Gedächtnis. Also doch ein Zeichen der Zeit? Man wird es jedenfalls so schnell nicht mehr los. Ein Bären-Kandidat? Unbedingt.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 16.02.2010)
- Datum 16.02.2010 - 10:15 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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