Filmvorführer auf der BerlinaleMein Leben im 20-Minuten-Takt

Das Rattern des Filmprojektors begleitet Alexander Viktorin zwölf bis 14 Stunden am Tag. Er ist Filmvorführer auf der Berlinale, wo dieser Beruf noch etwas Romantisches hat.

Der Vorführraum unter dem CinemaxX Potsdamer Platz ist der Arbeitsplatz von Alexander Viktorin für die Dauer der Berlinale. Während des Festivals wird er fast 50 Filme dort zeigen

Der Vorführraum unter dem CinemaxX Potsdamer Platz ist der Arbeitsplatz von Alexander Viktorin für die Dauer der Berlinale. Während des Festivals wird er fast 50 Filme dort zeigen

Drei – Zwo – Eins. Lichtklappe auf: Der erste Akt. Ich stelle die Anfangstitel scharf. 60 Jahre Berlinale. Auf dem Jubiläumsplakat befinden sich alle 15.000 Filmtitel, die dort seit 1951 gelaufen sind. Würde sich jemand die Mühe machen, das gesamte Filmmaterial aneinander zu kleben, reichte dieser Film einmal um den gesamten Erdball. Ganz schön viel Geratter.

"Du bist Filmvorführer? Toll, dann kannst du dir ja ständig Filme ansehen!" Das ist das häufigste Vorurteil, das mir begegnet, wenn ich von meinem Job erzähle. Früher waren Filmvorführer alte und gemütliche Menschen wie Alfredo aus Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso. Ich selbst habe noch von dieser letzten analogen Generation gelernt.

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Heute bedient ein einziger Vorführer bis zu acht Säle. Einlegen, Starten, Kontrollieren, Zurückspulen, nächster Saal und wieder von vorne. Ein Dauerlauf. Da bleibt wenig Zeit, einen Film anzusehen. Danach noch ins Kino? Wer bleibt nach Feierabend schon freiwillig am Arbeitsplatz?

Bei der Berlinale ist das anders. Hier arbeitet mindestens ein Vorführer pro Saal – weil es gar nicht anders geht. Wie vor 60 Jahren werden hier 35-Millimeter-Kopien gezeigt. Sie bestehen aus mehreren Akten und befinden sich jeweils auf einer eigenen Spule. Die Filme werden Akt für Akt abgespielt, dazwischen finden Überblendungen statt.

Für den Bruchteil einer Sekunde – genauer gesagt, einer Fünftelsekunde – leuchtet ein weißer Punkt in der rechten oberen Ecke der Leinwand auf. Ich starte den zweiten Projektor und zähle bis sieben. Der weiße Punkt leuchtet noch einmal auf. Das ist mein Zeichen, die Lichtklappe des zweiten Projektors zu öffnen. Überblendung. Zweiter Akt. Das Ende der Filmrolle knattert durch den ersten Projektor. Im Kinosaal hat niemand etwas davon gemerkt, dass der Film nun von einer anderen Maschine projiziert wird. Es bleiben etwa 20 Minuten bis zur nächsten Überblendung.

Dieser Aufwand wird in den normalen Kinos schon lange nicht mehr betrieben. Dort schneidet man von jedem Akt Start- und Endband ab und klebt die einzelnen Akte einfach aneinander. Das ist nicht sehr schonend für den Film und die riesigen Rollen sind kaum zu transportieren.

Viele meiner Bekannten sind überrascht, dass im Kino überhaupt noch Projektoren eingesetzt werden. Die meisten denken, dass ohnehin schon alles über DVD läuft. Tatsächlich sind in Deutschland weniger als zehn Prozent der Säle mit digitalen Projektoren ausgerüstet. Der Rest wird analog projiziert, von 35-Millimeter-Film.

Leserkommentare
  1. So ist es ja meist - ober der Glamour, all die Schönen, Prominenten und das ganze illustre Publikum, Scheinwerfer, Presse, rote Teppiche - unten und nicht zu sehen das Fußvolk, ohne das oben nix gehen würde. Eigentlich müssten all diese Zuarbeitenden nach so einem Festival zu einer Party eingeladen werden, gesponsert durch einen Obulus, der in den Eintrittkarten ausdrücklich enthalten wäre. Aber vielleicht gibt es das ja schon, eine schöne Geste wär's allmal!

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