Dokumentarfilm Alkohol, der tägliche Begleiter

Carolin Schmitz stellt in ihrer Dokumentation "Portraits deutscher Alkoholiker" Menschen vor, die im Film wie auch in der Realität unsichtbar für uns sind: heimliche Alkoholiker.

"Mir wurde klar, dass er mich irgendwann vielleicht nicht mehr lieben könnte", sagt die Frau im Off. Sie erzählt davon, wie ihr zum ersten Mal die Schwere ihrer Krankheit bewusst wurde: Alkoholismus. Danach schweigt sie und das ganze Kino mit ihr.

Die Regisseurin Carolin Schmitz hat in ihrer Dokumentation Portraits deutscher Alkoholiker sechs Menschen aus der Mittelschicht über ihr Leben als Süchtige befragt. Sie wolle mit ihrem Film kein Mitleid erregen, sagt die 42-jährige Filmemacherin – und das tut sie auch nicht. Ihr Film erschüttert vielmehr dadurch, dass Menschen offen und reflektiert darüber sprechen, welche Strategien sie entwickeln, um ihre Sucht parallel zum normalen Leben führen zu können. In ihrem Wunsch, im Alltag besser zu funktionieren, gehen sie fast unbemerkt verloren.

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Carolin Schmitz
Carolin Schmitz

Geboren 1967 in Wiesbaden, studierte sie von 1997 bis 2002 an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Für ihren Film 4 min 3 sec erhielt sie 2000 auf den Oberhausener Kurzfilmtagen den zweiten Preis und 2006 den Deutschen Kurzfilmpreis für Benidorm. Heute lebt und arbeitet sie in Köln.

In ruhigen Kamerafahrten führt die Regisseurin durch öffentliche und private Lebensräume, in denen Menschen nur zufällig vorkommen. Von den Protagonisten, für die Alkohol ein täglicher Begleiter geworden ist, sieht der Zuschauer nichts. Er kann ihnen lediglich zuhören, wie sie von ihrem Leben mit der Sucht erzählen. Wie ein illustriertes Hörspiel zeigt der 78-minütige Film mit perfekt angeordneten Bildern von Wohnsiedlungen, Bibliotheken und Landschaften eine vermeintlich intakte Gesellschaft. Doch hinter diesen Fassaden stecken Menschen, die im Film wie auch im realen Miteinander unsichtbar für uns sind: heimliche Alkoholiker.

Es geht nicht um gescheiterte Persönlichkeiten, die außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft leben. Vielmehr erzählt der Film davon, wie Trinker versuchen, den Balanceakt zwischen Alltag und Sucht zu halten. Sei es eine junge Mutter, die direkt nach der Geburt ihres ersten Kindes eine Sektflasche ordert oder der Strafverteidiger, der alkoholisiert Gerichtsverhandlungen führt. Jeder Gang in den Keller wird fürs heimliche Trinken genutzt. Nichts wird ohne Hintergedanken gemacht, jede Minute alleine wird ausgenutzt – und sei es nur für einen kleinen Schluck. Die Geschichten machen deutlich, wie sehr ihr Leben mit der Sucht für die Protagonisten zum Leidensweg wird. Bis die Betroffenen sich selbst als Alkoholiker sehen, hat es zum Teil Jahre gedauert.

Leser-Kommentare
    • remail
    • 19.02.2010 um 15:33 Uhr

    Solche Beiträge sollte es schon seit Jahren geben. Leider fällt gerade jungen Leuten das Abgrenzen gegen diese grausame Droge sehr schwer.

  1. Es wäre sehr gut, wenn dieser Film zur besten Sendezeit mal bei RTL oder SAT 1 laufen würde. Wird aber wohl nicht passieren, denn da herrschen andere Interessen vor.

    Wenn man sich aber mal überlegt, wieviel Theater um sog. Drogenmissbrauch gemacht wird und wie sehr diese Thema vernachlässigt wird, wird man schnell herausfinden, woran das liegt.

    • TDU
    • 19.02.2010 um 19:51 Uhr

    Scheint ja wirklich ein Highlight zu sein dieser Film. Verzichtet er doch, wenn man der Besprechung glauben kann, und warum auch nicht, auf klischeehafte Schuldzuweisungen und vor allem auf das Übliche "So sind doch wir alle".

    Eine Leser-Empfehlung
    • JUKOS
    • 19.02.2010 um 20:45 Uhr

    Dieser Film erinnert mich an die Zeit als ich 4 Monate in einem Getraenkemarkt gearbeitet habe. Da gab es eine gewisse Stammkundschaft.
    Dazu zaehlte beispielsweise eine Frau, die kurz vor Ladenschluss kan, eine Flasche Schnaps kaufte, sie unter der Jacke versteckete und rausging. Seitdem achte ich auf Menschen mit glasigen Augen und grossen Traenenbeuteln. Andere hatten immer eine gute Erklaerung parat, wie z.B. "Na hoffentlich haben wir heute gutes Wetter zum Grillen." Ander kamen ca um 9 Uhr und kauften die erste Flasche Korn und kamen manchmal schon um 11 wieder um die naechsten 2 zu kaufen, wobei sie sich kaum noch auf dem Fahhrad halten konnten. Dazu nur: "Die Unterschicht versauft das Kindergeld!" Andere kamen um 7 Uhr frueh um sich 2-3 Sechserpacks Kuemmerling oder Bitterling Mini-Flaeschchen zu kaufen, die man gut heimlich trinken kann. Kleine Sektflaschen waren morgens auch immer gefragt. Manchmal kam auch ein Bankangestellter von der Bank nebenan mittags um billigen Wein fuer seine Weinschorle zu kaufen. Manche kamen auch 4-5 mal am Tag um sich nur eine Flasche Bier zu kaufen um damit spazieren zu gehen. Einige waren so dreist und schickten ihre Kinder mit irgendwelchen Ausweisen. Streng riechende Obdachlose gabs auch manchmal u.s.w... Das waren nur die "Ausnahmeerscheinungen", vom allgemeienen Alkoholkonsum mal abgesehen. Erwaehnte ich das in meinem Freundeskreis, hiess es: "Ihr Russen seid doch die Sauefer." Aber wenigstens mit Anstand und Stil und nie allein.

  2. ... nicht wirklich an.

    Am interessantesten erscheint mir die vordergründige Trennung von Bild und Ton, die über die Filmlänge den gewünschten Effekt, eine hintergründige Zusammengehörigkeit im Unterbewussten zu verankern, bewirkt. Ähnliche suggestive Konzepte sind aus Propagandafilmen oder auch von psychologischen Experimenten/Heilverfahren bekannt.

    Ich würde mir diesen Film nur alleine oder mit ausgesuchter Begleitung anschauen, da ich sicher bin, dass er eine stärkere Wirkung erzielt, als die Kommentare (auf die Beschreibung hin!) hier andeuten.

    Alles Gute
    Kai Hamann

  3. Alkohol reduziert die Wahrnehmung und das "Denken" auf die primitiven Ebenen der triebhaften Zone, wo unsere Biologie das Zepter schwingt und die Impulse unser persönliches Wertesystem ignorieren können, ohne das es uns weiter auffällt. Dieses "Freiheits"gefühl ist eines der entscheidenden Momente, die das Betrunkensein so angenehm anfühlen lassen.
    Betrunken ignorieren wir die Hemmungen, die unser Selbstwertgefühl und der Respekt vor Mitmenschen zwngsläufig auslösen.
    Unsere Risikobereitschaft gleicht der eines Kleinkindes, dass noch kaum eine Gefahr kennt.
    Alkohol lässt die Werte, die uns zu Menschen machen, im Dunst verschwinden.
    Alkohol lässt uns gleichgültig werden für die Liebe und ihre hohen Kriterien. Er lässt uns gleichgültig werden für die Botschaften unserer Seele und unsere Mitmenschen.Sie lässt uns sonst geliebte Menschen wie Nützlinge behandeln.
    Alkohol kann dafür sorgen, dass eine Gesellschaft, deren Lebensfreude davon abhängt, in eine dumpfe Primitivität versinkt und anfällig wird für die unmenschliiche Barbarei eines Nationalsozialismus.
    Alkohol lässt die Grenzen, wo es von angenehm zu gefährlich übergeht,übersehen, weil wir für die entsprechenden Kriterien kein Interesse mehr haben.

    • rabin
    • 21.02.2010 um 7:40 Uhr

    Ein beeindruckendes Beispiel für den gesellschaftlichen Umgang mit Problemen.Durch Alkolismus entstehen jährlich Milliardenschäden, unzählige Menschen werden ins Elend gestürzt,keinesfalls nur die Alkoholiker,sondern deren Angehörige, das trägt die Allgemeinheit, vor allem,diejenigen, die mit einem Alkoholiker zusammenleben.

    Verdienen daran tut der Staat selbst und diejenigen, die diese Angebote machen.Mächtig genug sind sie, wirksame Maßnahmen zu ergreifen.

    Jeder, der damit verdient, sollte zum Ausgleich nur einen Monat in dem Bereich arbeiten,die Folgen dieser Sucht auszubaden. Und sich dann einer Diskussion mit den Opfern dieser Sucht stellen müssen....

    • JUKOS
    • 21.02.2010 um 19:14 Uhr

    so siehts aus, alles andere waere zu kompliziert.

    Alkohol ist schon seit vielen hundert oder sogar tausend Jahren der Schmierstoff des Getriebes, welches menschliches Zusammenleben heisst.

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