Film "In ihren Augen" Erfolg trotz Schwächen
Der argentinische Film, der zu Zeiten der Diktatur spielt, gewann einen Oscar. Darin bildet das Politische nur den Rahmen für eine persönliche Geschichte voller Rätsel.
Er war der Underdog, der Streifen mit den geringsten Chancen auf einen Oscar. El secreto de sus ojos war ein klarer Outsider neben der deutschen (Das weiße Band), der peruanischen (Eine Perle Ewigkeit) und der israelischen (Ajami) Oscarhoffnung. Ähnlich wie sich mit The Hurt Locker ein weitestgehend unbekannter Film in den Hauptkategorien (Bester Film und bester Regisseur) durchsetzte, so setzte sich auch der argentinische Film El secreto de sus ojos (auf Deutsch: In ihren Augen) gegen alle anderen Favoriten durch. Und so wie Kathryn Bigelows Film eher den Linien eines klassischen Actionstreifens folgt, zeichnet sich auch der beste ausländische Film 2010 eher durch ein herkömmliches Drehbuch aus.
Um was geht es? Benjamín Espósito sitzt am Schreibtisch und wühlt in den Erinnerungen seiner jungen Jahre. Er denkt an 1974 zurück, damals war er Gerichtsangestellter in Buenos Aires und für die Aufklärung des Mordes an einer jungen Frau zuständig. Die Bilder des blutüberströmten, leblosen Körpers quälen ihn noch 25 Jahre später. Den zunächst nicht aufgeklärten Mordfall versucht der Pensionär nun in einem Buch zu verarbeiten. Dazu kehrt er an seine alte Arbeitsstätte zurück. Dort trifft er Irene Menéndez Hastings, seine Vorgesetzte von damals. Er bittet sie um Hilfe bei dem Blick zurück in die Vergangenheit. Espósito will jedoch noch mehr von ihr: seine unerfüllte Liebe endlich wahr werden lassen.
Die Zeit vor der argentinischen Militärdiktatur bildet den Rahmen der Erzählung. Die Justiz wird zunehmend politisiert, gefangene Verbrecher werden freigelassen, damit sie an der Jagd nach „subversiven Elementen“, also politischen Gegnern, teilnehmen können. Die Geschichte vor dem Ausbruch der sich anbahnenden Gewalt einsetzen zu lassen, wäre ein Verdienst, wenn sich das Politische nicht in bloßer Rahmensetzung erschöpfen würde. Die Konflikte dieser Zeit werden lediglich angedeutet, sie sind nicht der Kern der Erzählung. Den bildet ein alternder Mann, der dem Zuschauer in seiner Besessenheit ein Rätsel bleibt. Dabei vermischt sich die Frage, wieso Espósito sich noch so lange Zeit danach mit dem Fall der ermordeten Frau befasst, mit der Frage, wieso er seine heimliche Liebe Irene Menéndez Hastings offenbart.
Beide Fragen bleiben ungeklärt. Sie bereiten Esposito auch 25 Jahre später Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte. Auf die Unterstützung von Hastings kann er im Mordfall nicht setzen. Als er ihr Teile seiner Novelle zum Lesen gibt, sagt sie: "Mein gesamtes Leben habe ich stets nach vorne geschaut. Für die Vergangenheit bin ich juristisch nicht zuständig.“ Und ob sich beide am Ende zu einer Romanze hinreißen lassen, erfährt der Zuschauer nicht. Vieles bleibt auch ihm ein Geheimnis.
Es ist wohlgemerkt kein Stoff, den es in verschiedenen Variationen nicht schon vorher gegeben hätte. El secreto de sus ojos eröffnet kein neues Feld, wie der peruanische Film Eine Perle Ewigkeit oder der israelische Streifen Ajami. Und die Zeit der argentinischen Diktatur wird in anderen Filmen eindrucksvoller verarbeitet. Kamchatka wäre etwa so ein Film.
Das argentinische Kino hat diese Ehrung gleichwohl verdient. Es ist die zweite Oscar-Nominierung für Juan José Campanella. Sein Film Der Sohn der Braut war bereits 2001 nominiert. Damals wie heute spielte Ricardo Darín, einer der bekanntesten Gesichter des argentinischen Kinos, die Hauptrolle. Campanella hat zu ihm eine ähnlich musenhafte Beziehung wie beispielsweise Pedro Almodóvar zu seinen Hauptfiguren. Damals wie heute verkörpert Darín den alternden Mann, der den Blick rückwärts richtet. Das Beharren der Vergangenheit und die ungelösten Probleme der Erinnerung sind wiederkehrende Motive in Campanellas Filmen, die in Hollywood ansonsten eher seichtem Stoff verarbeiten. Campanella hat mehrere Folgen von Dr. House und Law & Order gedreht.
Im Herbst soll In ihren Augen in die deutschen Kinos kommen. In Argentinien strömten fast drei Millionen Zuschauer in die Säle, um Campanellas Film zu sehen. So viel wie noch nie seit Rückkehr der Demokratie 1983.
- Datum 11.03.2010 - 16:54 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Die Stärke des Films ist gerade, dass der Regisseur nicht mehr für notwendig hält, alltägliche Ereignisse wie Mord und Betrug in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Militärdiktaturen und Politik zu erzählen, nur noch weil die Ereignisse in der 70 Jahre in Argentinien stattgefunden haben. Die spektakulären Bilder des Fussballstadiums und der Appeal auf "subversive Elementen" sind offensichtliche Andeutungen auf eine bleierne Zeit. Statt aufzuklären filmt er, dabei bricht er mit einigen Merkmalen der Genre. Zum Beispiel, dass im Laufe der Zeit und nach einer sorgfältigen und spannenden Untersuchung eines Mordes Tatsachen geklärt werden, ist das wenige Interessante an diesem Film. Es geht um Geheimnisse, Trauer, Freundschaft, Obsessionen, Humor eben während einer Militärdiktatur.
In der Tat bleibt die Politik in diesem Film wohltuend im Hintergrund. Das Leben besteht nicht nur aus Politik! Allerdings spielt die Handlung - was offenbar die meisten hierzulande gar nicht bemerken - keineswegs in der Zeit der letzten Militädiktatur Argentiniens sondern v.a. in der Zeit nach der Rückkehr Perons, seinem Tod und der Präsidentschaft seiner 2. Frau Isabel. Das Chaos dieser Regierungszeit mit Gewalt von links und rechts führten ja gearde zum Militärputsch. Es ist gut, dass der Film diesen, heute gern vergessenen oder verdrängten (?) politischen Hintergrund nutzt. Argentiner wissen das durchaus zu schätzen !
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