Zum Oscar-Gewinner "The Hurt Locker" Die Aussage im großen Wumm
Kathryn Bigelow gewann mit ihrem Film "The Hurt Locker" sechs Oscars. Ein Kassenschlager war er nicht, doch viele Kritiker feierten ihn. Warum eigentlich?
Actionfilme werden in der Regel nicht von den wenigen überhaupt in Hollywood tätigen Regisseurinnen gemacht. Mit dem Oscar für die beste Regie an Kathryn Bigelow wird eine Regisseurin ausgezeichnet, die in Hollywood immer schon als "one of the boys" galt, ohne je an deren Ressourcen heranzukommen. Ob ein Film von einer Frau, der keine Männerfantasien – selbst in Form von Ängsten – zum Thema gehabt hätte, ebenso gekürt worden wäre, kann gefragt werden. Unvermeidlich wird immer wieder von der Schönheit der Regisseurin oder ihrer kurzen Ehe mit dem Oscar-Konkurrent James Cameron gesprochen, der mit Avatar am Sonntagabend den Kürzeren zog. Dass der Erfolg von The Hurt Locker allerdings mit eher antiquiert anmutender Häme im sexistischen Stil der siebziger Jahre (als Frauen anfingen "großes Kino“ zu machen) quittiert wird, verblüfft. Tatsächlich hatte die Süddeutsche Zeitung Bigelows Interesse an Männlichkeit und ihr "Regieamazonentum" mit ihrer "Menopause" in Verbindung gebracht.
Bigelow demonstriert seit ihrem Abschlussfilm als Studentin (The Set-Up, USA 1978) in allen ihren Filmen ein vehementes und unverhohlenes Interesse an Männlichkeit. Als Regisseurin hat sie alle Macht die Jungs vortanzen zu lassen: Sie schickt sie boxen, surfen, Blut saugen oder eben in den Krieg. Es sind immer hübsche, attraktive Männer. Doch Bigelows voyeuristische Inszenierungen zeigen auch kleine Blickverschiebungen, Gewichtsverlagerungen, Perspektivwechsel, minimale, aber spürbare Abweichungen vom Konventionellen. Programmatisch für ihre Einstellung, in Zeiten von smart bombs und ebenso omnipräsenter wie omnipotenter Überwachung, buchstäblich am Boden zu bleiben, das Blickfeld einzuschränken und Sichtbarkeiten zu testen ist in The Hurt Locker die Ästhetik der Perspektive. Schon in der Eingangssequenz verfolgt die Kamera auf Bodenhöhe einen kleinen Roboter, dessen Technik versagt. Die Männer müssen von nun an dem menschlichen Maß folgen.

Hollywood ist Show und die Oscar-Verleihung jedes Jahr der Gipfel aller Schauen
Militärische Einrichtungen bilden Einheiten, die besonderen Ritualen der Kontrolle, Geheimhaltung, Überwachung, Absicherung unterliegen. Sie sind eine Lebensform, die mit Gefahr, Tod und Gewalt assoziiert und vom öffentlichen, politischen Leben abgeschirmt wird, eine Gemeinschaft, die trotz moderner Armee, immer noch männlich bestimmt ist. Bigelow ergötzt sich mit Wollust daran. Den Sprachgebrauch pointiert sie in einem Eingangsdialog, der die Gefahrenzone – das mit Bomben "verunreinigte", explosive Gebiet – weiblich konnotiert. Darin kann durchaus ein Kommentar zur Rolle des Militärs in der US-amerikanischen Außenpolitik gegenüber "Drittländern" gesehen werden.
Es geht um das Verhältnis der Soldaten zu den Technologien des Krieges einerseits und zu ihrer eigenen, physischen, auch geschlechtsspezifischen Existenz andererseits. Weiter und weiter entfernen sich die Soldaten in modernen Kriegen von ihren Mitteln der Zerstörung wie Präzisionsbomben. Diese Kluft wird auch vermittelt durch die teils orgiastischen Inszenierungen nächtlicher Bombardements auf internationalen Fernsehschirmen. Diese Trennung hebt Bigelow in ihrem Film auf ungemein körperliche Weise auf. Vielleicht liegt darin jenseits eines politischen Statements das Politikum des Films.
In der Action geht es Bigelow weniger um die Handlung als Erzählung als um die kinetische Dimension, die Choreografie der Körper, die sinnlich erfahrbare Realität des Erlebten. Entscheidend ist für sie aber im Unterschied zum Gros der gegenwärtigen Actionfilme immer noch die räumliche Verortung des Geschehens. Ihr Film orchestriert Bewegungen im Spannungsfeld zwischen Ort und Raum, zwischen Landschaft, Architektur und körperlichen Details.
The Hurt Locker wurde von vier Kamerateams aufgenommen. Gedreht wurde auf 16mm Material, ein Filmformat, das im Aussterben begriffen ist, aber an den Ursprung und die Verbreitung des Materials durch die Militärberichterstattung und -aufklärung während des zweiten Weltkriegs erinnert. Es erlaubt eine hohe Beweglichkeit der kleinen Teams, die mit dieser Technik selbst jeweils stark körperlich agieren. Nur das Zeitlupenmaterial wurde digital mit einer Phantom-Kamera erstellt, die in der Lage ist 10.000 Bilder pro Sekunde zu erzeugen. So existieren im Film alte und neue Technik, analog und digital nebeneinander, und reflektieren in diesem Mix das implizite Thema einer Koexistenz von Überwachungstechnologie und Bodenkrieg. Dabei verschmilzt der Film mit seiner stilistischen Anlehnung an das direct cinema der sechziger Jahre den politischen Impetus der Form mit der Flüchtigkeit weltweit live gesendeter TV-Berichterstattung.
So nimmt The Hurt Locker jenseits thematischer Fokussierung und politischer Haltung Partei für den Film als Massenmedium, das in der Lage ist, Perspektiven ästhetisch mitzuteilen und Erfahrungen körperlich zu vermitteln. Das funktioniert am besten im Kino auf der großen Leinwand (und nicht als Download). Und es geht ohne große Special Effects, ohne Stars, ohne Hochglanzmaterial und ohne Riesenbudget. Das ist vielleicht die politischste Aussage von Bigelows Film – und die gewinnt in der Gegenüberstellung mit dem ökonomisch schwergewichtigen Blockbuster Avatar unverhofft Brisanz und Stoßkraft. Es geht um die Politik des Films als Medium und den Appell an die Sinnenlust eines Publikums jenseits von 3 D, das nicht von immer schneller werdenden Schnittfrequenzen ermüdet und digitalen Effekten erschlagen werden möchte. Haben sich zeitgenössische Actionfilme einer rasenden Fragmentierung von Ort und Zeit verschrieben, so bleibt Bigelow nachgerade klassisch in ihrer Überzeugung, dass geografische Parameter und materielle Konkretion eine wichtige Funktion innehaben, da sie den Körper als Erfahrungsmedium würdigen. Das ist – auch jenseits der Feigenblattfunktion, die der Film durch die Academy Entscheidung für das schlechte Gewissen amerikanischer Außenpolitik einnehmen mag – eine wichtige Mitteilung in einer scheinbar ortlos gewordenen Welt.
Annette Brauerhoch ist Professorin am Lehrstuhl für Film- und Fernsehwissenschaft der Universität Paderborn
- Datum 10.03.2010 - 10:56 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 8
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aber mein Gott haben Sie teilweise eine Sprache drauf. Muss das sein?
dass das die Sprache ist, die dem Film gerecht wird, denn Bigelow ist nunmal kein Mainstream und braucht daher auch mehr als eine Mainstream-Kritik.
der Ausdruck der Komplexität der Analyse. Sie erschöpft sich daher auch nicht in der Inhaltsangabe des Films sondern reflektiert den Film und seinen Oscar-Gewinn in einem größeren Kontext. Fremdwörter, die das Lesen erschweren, finde ich in dem Text nicht.
Ich verstehe DonFuegos Kommentar gut. Mir erging es ähnlich. Es ist wirklich zum Teil nicht einfach zu verstehen, was Frau Brauerhoch schreibt. Das der Film kein Mainstream ist (oder spätestens jetzt wird) sei mal in den Raum gestellt. Ich persönlich lese solche Texte recht gern, sie fordern einen doch irgendwie auch heraus und regen an.
Ich bin der Ansicht, dass der Inhalt und nicht die Sprache der Rezension zu beanstanden ist.
Frau Brauerhoch hat meines Erachtens nach in diesen Film wesentliche Aspekte ihrer Kritik hineininterpretiert, die beim Betrachten des Films schlichtweg nicht auffindbar sind, geschweige denn auch nur im Ansatz dem -selbst geneigten- Zuschauer einfallen wuerden.
Ihre fast schon romantische Verknuepfung zu diesem Film mag an mangelnder Erfahrung und Profilierungsnot liegen, bleibt dem Zuschauer jedwegen Alters und Stilrichtung allerdings groesstenteils verborgen.
Der Film an sich, basierend auf dem Irak-Krieg, hat leider wenig mit der Realitaet von Soldaten in diesem Einsatz zu tun. Dazu Paul Rieckhoff, der Gruender von Iraq and Afghanistan Veterans of America: "...for Hollywood to glorify this crap is a huge slap in the face to every soldier who's been on the front line."
Mir ist bewusst, dass eine positive Kritik dieses Filmes nichts mit der Unterstuetzung des Krieges zu tun hat. Aber eine falsche Darstellung der echten Umstaende eines Kriegseinsatzes, verbunden mit der in den USA (in denen ich lebe) ueblichen, patriotischen Unterstuetzung jeder auch noch so sinnfreien Kriegsaktivitaet darf nicht kritikfrei in der Zeit stehen bleiben.
Wem, wie Barbra Streisand bei der Verleihung, die Tatsache, dass eine Frau diese Auszeichnung nun endlich auch mal erhalten darf, als Begruendung ausreicht, diesen Film hochzuloben, sollte dies auch so schreiben und keine Pseudobegruendungen finden.
das übersieht Badenmic. Frau Brauerhoch macht aber sehr einsichtig klar, daß hier eben kein Hollywood vorliegt und damit auch nicht die übliche Überhöhung. Ich finde daß der Text sehr interessant ist und im Unterschied zu vielen anderen eben mal richtige und nachvollziehbare Begründungen vorliegen - so gar nicht pseudo, sondern sehr schlüssig und schlau. Daß der Film offenbar durch seine Machart auch als eine Auseinandersetzung mit Hollywood gesehen werden kann wird ganz deutlich.
Ich fand der Film vermittelte den üblichen Hurra-Patriotismus, den ich aus dem Land mit den "Super" Marines erwartete. In irgendeiner Kritik hatte ich was von Realismus gelesen und war dann herb enttäuscht ob des Ramboartig draufgängerischen "Ich-bin-kein-Superheld" Superhelden. Möglicherweise hab ich die Kritik falsch interpretiert, aber ein Film der unverholen auf Realismus macht und einen lebensmüden Antihelden feiert ist für mich kein großes Kino sondern genau was ich persönlich von Hollywood erwarte. Keine Spezialeffekte einsetzen und auf 16mm filmen reichen für mich nicht aus, um den Film als "Anti-establishment" zu verstehen.
Vielen Dank für den sehr guten Artikel. Dinge, die gut sind oder einen Schritt weiter gehen, als das bisher allseits bekannte, sind häufig nicht sofort massentauglich. Das trifft anscheinend sowohl auf den Film als auch auf diesen Artikel zu. Umso schöner, dass der Film Oscars gewann.
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