Chasepino twittert: "Justin, iss einfach dein Müsli und leg dich auf die Couch. Wechsel auch mal die Hose." Ja, es stimmt, Justin trägt schon seit Längerem dieselbe Jeans. Das weiß die Welt. 56 Kameras filmen seine Hose und den ganzen Rest. Die Kameras stehen in einem Haus in den Hollywood Hills, hier wohnt Justin in einer Art Luxus-WG für gesangliche und sonstige Talente. Die Kameras sind Tag und Nacht angeschaltet. Und die real existierende Welt kann online zusehen. Sofern man über ein soziales Netzwerk oder eben über Twitter mit Justin und seinen Mitbewohnern verbandelt ist, kann man auch kommentieren, was man sieht. Die Bekleidung der Teilnehmer ist so ein Thema.

Was wie eine totalitäre Abart von Big Brother anmutet, ist für die WG-Bewohner die größte Chance ihres Lebens. Sie sind die Mitglieder eines neuen Showformats namens If I can dream. Der Erfinder ist der britische Casting-Show-Messias und Großjuror Simon Fuller. Er dachte sich auch schon Pop Idol aus, das wir in Deutschland als DSDS kennen. Justin (begabter Songwriter), Amanda und Kara (aufstrebende Schauspielerinnen), Giglianne (talentiertes Model) und Benjamin (noch ein begabter Schauspieler) haben sich in einem Casting-Prozess durchgesetzt, dessen Zeuge die Öffentlichkeit glücklicherweise nicht werden musste. Jetzt wohnen sie im verkabelten Haus – und das nicht etwa so lange, bis einer weint, die Segel streicht, oder rausgewählt wird: Ein Kandidat geht dann, wenn er einen ordentlichen Job hat. Dazu sollen ihm oder ihr diverse Vortanz-, Vorspiel- oder Vorsingtermine bei den Großen der jeweiligen Branche helfen, die das Showteam organisiert hat.

Das Ganze geht fast ohne Fernsehen: Auf ihrer eigenen Website ist die WG dauernd kostenlos on air und jede Woche gibt es ein Best-of bei hulu.com, einer Website, die verschiedenen amerikanischen Medienunternehmen gehört, unter ihnen Fox und NBC. Nutzer aus den USA können auf hulu.com kostenlos Fernsehserien und Shows der beteiligten Sender in hoher Qualität ansehen, wann immer sie wollen. Dieses Konzept des Video-on-demand schlägt YouTube in mancherlei Hinsicht; zwei Folgen Dr. House mögen eine bessere Abendunterhaltung abgeben als das x-te selbst gedrehte Video bei YouTube. Hulu verdient viel Geld mit Werbung.

Simon Fullers If I can dream wird hulu.com noch populärer machen als es ohnehin schon ist. Beim Videoportal überlegt man, nach Europa zu expandieren. Die Verlierer dieser Konstellation sind bisher die amerikanischen Kabelanbieter. Wer seine Lieblingssendungen kostenlos im Netz sehen kann, fragt sich irgendwann auch, ob er seinen Kabelanschluss eigentlich noch braucht. Wenn das Fernsehen der Zukunft web-basiert und interaktiv ist, dann ist If I can dream Avantgarde. Vielleicht werden demnächst die Begriffe web-basiert und Fernsehen aber auch obsolet sein, weil ein Endgerät alle klassischen Medien vernetzt in sich vereinen wird. In jedem Fall wirft eine Zeit, in der alle immer und überall online sein können, ihre Schatten in Gestalt der 24-stündigen Allgegenwart von If I can dream voraus.

Simon Fuller bezeichnet If I can dream als "post-reality show". Das ist verwirrend, denn sie ist so sehr Realityshow wie nichts zuvor. Sie schafft sogar eine Art Superrealität. Das lässt sich am Fall von Justins Jeans exemplifizieren: Noch während Justin im realen Los Angeles mit seiner Jeans durch die Kamera läuft, reagieren Zuschauer in der virtuellen Welt bei Twitter oder Facebook kommentierenderweise darauf. Justin wiederum nimmt dies in seiner Jeans vor seinem Laptop sitzend auch wahr. Und kommentiert zurück. Dabei können wir ihm zusehen – denn er wird ja gefilmt. Hier verwischen die Grenzen zwischen virtueller und, nun ja, wirklicher Realität. Die beiden bedingen und beeinflussen sich unmittelbar gegenseitig, man kann selbst dabei zusehen und daran teilnehmen.

In dieser Superrealität besetzt der Web-Zuschauer den bequemen Stuhl des Regisseurs. Amerikanische Kommentatoren fühlten sich nach dem Besuch der If-I-Can-Dream-Website nicht umsonst an den Film Truman Show erinnert. Auf der Seite gibt es den Button "All Cams", er führt zu einem Panorama aus allen verfügbaren Kameraeinstellungen. Sogar der WG-eigene Ford Fiesta ist verwanzt. Man wird zum Überwachungskameraregisseur. Hoffentlich empfinden die Insassen das nicht so. Ihre einzige Chance, diesem Horror-Haus zu entkommen, ist ein Jobangebot. Indes: Dann wird ein neuer Kandidat nachrücken. Bewerbungen werden jederzeit auf Myspace entgegengenommen.