Dokumentarfilmer Peter Benedix "Es herrschte ein permanenter Psychodruck"

Für seine Dokumentation "Heimat auf Zeit" hat Peter Benedix drei Dörfer beobachtet, die vom Tagebau bedroht sind. Im Interview erzählt er vom Kampf der Bewohner.

Der Dokumentarfilmer Peter Benedix

Der Dokumentarfilmer Peter Benedix

ZEIT ONLINE: Ihr Film Heimat auf Zeit dokumentiert den Kampf der drei brandenburgischen Dörfer Kerkwitz, Atterwasch und Grabko, die wegen Tagebau-Projekten vom Abriss bedroht sind. Wie haben Sie von diesen Fällen erfahren?

Peter Benedix: Das war Zufall. Ich saß im Auto und hörte eine Radiomeldung, dass in Brandenburg drei neue Braunkohle-Tagebaue errichtet werden sollten. Über einen Zeitraum von einem Jahr sollte entschieden werden, ob dafür drei Dörfer abgerissen werden. Ich erinnere mich noch, wie ich während der Autofahrt dachte: Das kriegen die nie durch, das verstößt doch gegen das Grundgesetz.

ZEIT ONLINE: Was passierte dann?

Benedix: Das Thema ging mir nicht aus dem Kopf. Nach zwei Wochen beschloss ich, nach Kerkwitz zu fahren. In dem Dorf leben 300 Menschen. Ich sprach das erste Mal mit Menschen, die sich damit konfrontiert sahen, dass ihre Heimat verschwinden soll. Die Bewohner waren sehr aufgewühlt, die Meldung war für sie auch noch ganz frisch. Sie waren erst ein paar Wochen vorher durch einen Zettel im Briefkasten informiert worden.

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ZEIT ONLINE: Wie schwierig war es, in dem Dorf zu filmen? 

Peter Benedix

Benedix, geboren 1980 in Lutherstadt Wittenberg, studierte Computervisualistik an der Universität Magdeburg. Seit 2006 arbeitet er als Regisseur, Cutter und Kameramann. Seine Dokumentation Heimat auf Zeit über die Umsiedlung ganzer Dörfer für die Braunkohlegewinnung lief auf dem Max Ophüls Festival 2010.



Benedix: Es war harte Arbeit. Für ein Dorf ist das ein wahnsinnig sensibler Moment. Auch wenn sich der Prozess der Umsiedelung noch über viele Jahre hinziehen wird. Aber dadurch, dass wir — anders als die Presse — immer wieder zurückkehrten, konnten wir das Vertrauen der Bewohner gewinnen. Am 18. September 2007 sagte man den Einwohnern, dass innerhalb des nächsten Jahres über das Schicksal ihrer Heimat entschieden würde. Dieses Jahr haben wir im Film begleitet.

ZEIT ONLINE: Was macht so eine Bedrohung mit einer Gemeinschaft?

Benedix: Es herrschte ein permanenter Psychodruck. In Kerkwitz bildeten sich rasch zwei Lager: Diejenigen Bewohner, die sofort handeln und protestieren wollten, und diejenigen, die eher abwarten wollten. Eigentlich hatten beide Gruppen dasselbe Ziel, nämlich das Aufhalten der Bagger, doch nach einer Weile fingen die Nachbarn an, sich zu misstrauen. Interessant war auch zu sehen, wie sich "Leitwölfe" in einer Gemeinschaft bilden. 

ZEIT ONLINE: Wie trat die Gegenseite, der Antragsteller Vattenfall, im Dorf auf?

Benedix: Der Konzern ging ganz gezielt auf die Anführer der Interessengruppen zu. Vattenfall suchte sich die "harten Knochen", und versucht sie zu überzeugen oder von der Gemeinschaft abzuspalten. Für die Kerkwitzer war der Druck, gegen einen so großen Konzern zu kämpfen, natürlich enorm. Das zehrt. Ich habe Menschen gesehen, die wirklich alt geworden sind in diesem einen Jahr.

ZEIT ONLINE: Die Gegenseite argumentierte, dass die Bürger gut entschädigt würden.

Benedix: Grundsätzlich werden alle Kosten einer Umsiedlung erstattet. Wenn man zum Beispiel in einem Einfamilienhaus wohnt, bekommt man im "neuen" Dorf ein entsprechendes Haus, das natürlich auf dem neuesten Stand ist. Die Dörfer werden 1:1 wieder aufgebaut. Wer einen Sportplatz vor der Tür hatte oder eine Feuerwehrstation, bekommt sie auch in der neuen Umgebung. Häufig werden selbst die Namen der Straßenschilder übernommen. Manchmal kann man sich sogar aussuchen, neben welchem Nachbarn man wohnen will.

Leser-Kommentare
  1. Es ist erstaunlich und immerwieder traurig erfahren zu müssen, dass Heimat zum Wohle der Gesellschaft vernichtet wird. Insbesondere finde ich, dass viele Politiker in ihrer Rolle als Volksvertreter zu leise sind oder wie im Falle von Horno scheinbar ohne größere Gewissensbisse ihre Prinzipien über Board werfen können. Glücklicherweise zeigt sich Widerstand. Glücklicherweise findet dieses Thema oft überregional Gehör. Und Glücklicherweise ist die Umsiedlungspraxis in den letzten Jahrzehnten angemessener geworden. Nur darf man sich damit nicht kaufen lassen.

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