Es ist schon ein ungewohntes Bild: Menschen mit Popcorntüten und Fritz-Kola-Flaschen stehen in langen Reihen in einer rauen Fabrikhalle. Alles ist etwas zu groß, die Gespräche scheinen irgendwo unter dem großen Glasdach zu verhallen. Früher wurden hier mal Schiffsschrauben produziert. Heute zeigt man ein anspruchsvolles Kinoprogramm. Die Hamburger Zeise-Hallen waren schon immer ein Sinnbild für die Bewegung. Ob nun Schiff oder Bild. Es bewegt sich was in deutschen Kinos.

Und das trotz der seit Jahrzehnten kursierenden Grabesreden. Es ist nicht unbedingt neu, aber jetzt ist es zumindest richtig: Das Kino wird sterben. Ginge man danach wäre der Patient schon viele qualvolle Tode gestorben. Mit jeder Einführung eines neuen Mediums erlebten die kulturpessimistischen Visionen einen neuen Aufschwung. Doch diesmal ist es anders: der Puls ist schwach, die Sitzreihen leer. Ist es nun soweit?  

Tatsächlich wird das Kino momentan von einer Vielzahl medialer Einflüsse be- und verdrängt. Etwa durch die freie Verfügbarkeit eines kostengünstigen und leistungsstarken Internets. Oder durch die Einführung neuer Home-Entertainment Systeme, die ein authentisches Kino Erlebnis auch zu Hause möglich machen: sogar in 3-D. Und zuletzt sind es die Filme selbst, die jederzeit -legal oder illegal- für jedermann verfügbar sind. Das institutionelle Kino wird uns trotzdem auch morgen erhalten bleiben. Aber die Form von Kino, die wir kennen, wird sich verändern.

Die Mediengeschichte zeigt: kein Massenmedium hat es jemals geschafft ein anderes Massenmedium ganzheitlich zu verdrängen. Das Buch erfreut sich trotz Rundfunk noch heute seitengefüllt höchster Beliebtheit. Das Radio hat trotz Fernsehen weder Sprache noch Töne verloren. Aber ohne Folgen bleibt die Einführung des Internets nicht. Es lehrt uns vor allen Dingen eine neue Form von demokratischer Mitbestimmung. Interaktion ist jetzt keine bloße Worthülse mehr. Ob MySpace oder YouTube, die User spielen nicht nur mit, sie entscheiden ihr Programm selbst. Und dass will erst mal gelernt sein.

 

Das betrifft auch das Kino. Das jahrzehntelang gewohnte, angebotsorientierte Programm wird sich auf Dauer nicht mehr halten können. Einen Vorgeschmack auf das Kino von morgen, gibt es schon heute. Die Internet-Plattform Moviac hat es erstmalig geschafft in Deutschland Strukturen zu etablieren, in denen sich eine Community ihren Lieblingsfilm wünschen kann. Und das ganz einfach per Mausklick.

Dazu registriert man sich auf der entsprechenden Homepage, hinterlegt seine Postleitzahl und wünscht sich seinen Lieblingsfilm. Vote per Klick. Findet der Filmwunsch genügend Gleichgesinnte, bietet eines der über 200 Partnerkinos in der möglichst unmittelbaren Nähe die Option an, den Film zu einem festegelegten Zeitpunkt zu zeigen. Von diesem Moment an können Tickets geordert werden. Wird dabei ein gewisser Schwellwert erreicht, kommt eine Vorführung zustande. Bezahlt wird nur in diesem Falle. Im Wünsch-Dir-Was-Programm stehen nicht nur aktuelle Blockbuster, besonders gefragt sind gerade die Klassiker oder selten gezeigte Autorenfilme. Der beliebteste Film ist derzeitig etwa Kubricks 2001 – Odysse im Weltraum.

Der Wunsch auf Klick könnte das Kinokonzept von morgen sein, denn zukünftig werden es sich die Kinos kaum mehr erlauben können ein festes Programm vorzuschreiben. Vielmehr liegt nun eine virtuelle Fernbedienung in der Hand des Zuschauers. Durch die fortschreitende Digitalisierung wird das auch technisch kein Problem mehr sein: Filme müssen nicht mehr aufwendig in die gewünschten Kinos eingeschickt werden, sondern lassen sich von einem Server kurzfristig abrufen.

Was das Kino am Leben halten wird, ist das einmalige und nicht durch Home-Entertainment zu erbringende Gemeinschaftsgefühl: Filmgucken. Popcornkauendes Gesamtempfinden. Das Kino ist kein Einzelgängermedium es ist ein Miteinander. Diese Tendenz wird sich durch die vorherige Abstimmung im Internet auch durch eine soziale Komponente verstärken. Auf Moviac ist es, in einer vereinfachten Form, schon jetzt möglich sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Die Floskelhaftigkeit einer StudiVz- oder Facebook-"Freundschaft" wird hier zweckdienlich um das Präfix einer "Film"-Freundschaft ergänzt. Auf diese Weise wird sich das Kino regionalisieren und lokalisieren. Es wird ein anderes Kino-Empfinden in Hamburg geben als in Paderborn. Ein Kino in einer alten Schiffsschraubenfabrik ist schon heute etwas Besonderes. Noch besonderer wird es werden, wenn sich das Pogramm in erheblichem Maße von dem Kino im nächsten Stadtteil unterscheidet. 

Und auch die Produktion wird sich wahrscheinlich nachfrageorientiert anpassen. Erste Versuche wurden bereits in den Staaten unternommen. Das Filmprojekt Paranormal Acticty wurde probeweise an verschiedenen Universitäten des Landes gezeigt um seine Wirkung zu testen, bevor er landesweit vertrieben wurde. Die Erfinder von Moviac beteiligen sich an einem ähnlichen Projekt. Sie stellen den Nutzern das Konzept zu dem Film bereits abgedrehten Film: Topper gibt nicht auf vor. Ob der tatsächlich vertrieben wird, hängt von der Nachfrage der User ab. Über die Zukunft des 3D-Filmes kann im Internet abgestimmt werden. In Zukunft entscheidet dann vielleicht schon ein Klick über ganze Drehbücher. Medienkonvergenz – also die Annäherung zweier Medien wird dieses Phänomen genannt. 

Die negativen Folgen dieser Entwicklung scheinen absehbar. Kleine Programmkinos dürften es in Zukunft noch wesentlich schwieriger haben, sich auf einem so flexiblen Markt zu halten. Die Nische eines Alternativprogramms wird durch die freie Entscheidung der Zuschauer ja obsolet. Aber vielleicht finden sie auch in der Nische eine Nische, und vielleicht wird das nicht-wählbare Programm, das Programm von heute zu der Alternative von morgen. Und so wird man sich eben daran gewöhnen müssen: an die neuen Bilder. Ob Kino in Fabrikhallen oder Kino mit Gleichgesinnten. Zumindest: Kino als mitbestimmtes Event. Und das wird imposanter ausfallen als bisher. Es wird zelebriert werden, das ganz große Kino.