Werner Schroeter gestorbenDer Tagtraumtänzer

Er war der große Außenseiter des deutschen Films. Sein Leben lang hat der Regisseur Werner Schroeter die Schönheit, die Sinnlichkeit, das Luzide und Zerbrechliche gegen die handfeste Wirklichkeit verteidigt. von Christiane Peitz

Der schwarze Hut, das feine, fragile Gesicht: ein Grandseigneur, ein gefallener Engel. Werner Schroeter, der große Außenseiter des deutschen Films, er war eine Erscheinung. Ein aus der Zeit gefallener Ritter der Künste, ein Don Quichotte, ein Nomade, der Welt abhanden gekommen und doch immer im Hier und Jetzt. Werner Schroeter war eine Nachtgestalt, die den hellichten Tag nicht scheute.

So sah man ihn bis zuletzt, den Kino-, Theater- und Opernzauberer. Im März, als er an der Berliner Volksbühne Quai West inszenierte, im Februar, als er auf der Berlinale den Teddy Award entgegennahm, im Dezember, bei der Ausstellung seiner Fotos im Haus am Lützowplatz – Isabelle Huppert als Goldmarie im Daunenfederngestöber, die wunderschöne Carole Bouquet neben dem monströs mit Fleischwulsten entstellten Gesicht von Monsieur José, die schwulen Jungs in den Nachtclubs –, bei der Werkschau im Arsenal-Kino, bei der Berlinale und in Venedig 2008, als sein jüngster Film Premiere hatte. Diese Nacht, eine lange Reise in die Finsternis, Hymne auf das Leben angesichts von Gewalt und Terror, existentialistische Skizze einer Hafenstadt mit einem Schiff als Sehnsuchtsträger und Opernmusik, die sich wie ein Schleier über die Welt legt – Diese Nacht, ausschließlich des Nachts in Porto gedreht, wird nun sein Vermächtnis.

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Werner Schroeter, der Autorenfilmer, der Poet, der Melodramatiker. Ein Leben lang ist er durch die Welt gewandert, wie er es nannte: 1945 geboren im thüringischen Georgenthal, aufgewachsen in Bielefeld und Heidelberg, ein Ausreißer, der in Italien zur Schule ging, es nur ein paar Wochen an der Münchner Filmhochschule aushielt und zeitlebens zwischen Frankreich, Düsseldorf und Berlin pendelte. In eine bürgerliche Existenz mochte er sich nie einsperren lassen. Vor allem aber hat er die Fantasie entgrenzt und dem Eros die Freiheit geschenkt. Die kapriziöse, hochfahrende Fantasie, den seelenvollen und grausamen Eros.

Schroeters Farben: Rot und Schwarz. Rosen, Blut, Gold, Samt, Schnee. Schroeters Stimmungslagen: echtes Pathos, kein falsches, echtes Sentiment, keine Sentimentalität. Schroeters Liebe: die Schönheit, vor allem die des Gesangs, der Oper des 19. Jahrhunderts, des Schlagers der 20er Jahre, des Chansons - seit er mit 13 Caterina Valente hörte und kurz darauf Bizets Carmen. Sein vielleicht ergreifendster Film heißt Pouissières d’amour, Liebesstaub (das ist schöner als der deutsche Verleihtitel Abfallprodukte der Liebe), er huldigt dem Singen als der künstlichsten und leidenschaftlichsten Form menschlicher Äußerung, er feiert ein Fest für drei betagte Diven: Martha Mödl, Rita Gorr und Anita Cerquetti. Ihre Stimmen sind verbraucht, sie summen nur noch zu alten Aufnahmen, markieren, posieren, es ist hinreißend – und Schroeter liegt ihnen zu Füßen. Die Callas hat er wie eine Göttin verehrt.

Immer hat er die Schönheit, die Sinnlichkeit, das Luzide und Zerbrechliche gegen die handfeste Wirklichkeit verteidigt. Auf seine auch den Kitsch, den Manierismus und eben das Pathos nicht scheuende Weise. So sind alle Schroeter-Filme eigentlich Opern, und seine über 80 Theaterinszenierungen transzendieren den Raum in die Zeitlosigkeit des Gesangs hinein. Eigenwillige, hochstilisierte Artefakte: die frühe, im Libanon fürs Fernsehen gedrehte Salome mit seiner Diva Magdalena Montezuma als Herodes (1971). Das Gastarbeiter-Passionsspiel Palermo oder Wolfsburg, für das er 1980 einen Goldenen Berlinale-Bären gewann. Seine Dokumentarfilme, wie zuletzt seine Hommage an Marianne Hoppe, Die Königin, in der wieder schwärmt, verehrt, überhöht, aber mit einer Liebe, die nicht blind macht sondern hellsichtig.

Leserkommentare
  1. merci dafür

  2. Ich möchte auch Danke sagen für diese Erinnerung an Werner Schröter

  3. ...natürlich vielen Dank für die reichhaltige Nachrede auf Werner Schroeter. Dennoch, meine ich, darf einiges dieser versuchten Würdigung nicht unwidersprochen bleiben: Wie griffig sich auch immer der Titelterm "Tagtraumtänzer" ausnehmen mag, so katapultiert er unterstützt von Etiketten wie "Außenseiter" den so betitelten in eine Sphäre, wo man ihn nicht so recht ernst nehmen muss. Es heißt, der verstehenslosen, dumpfen Abstimmung durch Füße folgen, wie sich seinerzeit das spießbürgerliche Düsseldorfer Schauspielpublikum beim wütenden und geräuschvollem Verlassen von Schroeter's Inszenierung der 'Medea' von Hans Henny Jahnn auführte.
    Auf diese Weise mit einem Künstler zu verfahren, der - wie wenige sonst - dem Zentrum von Kunst und Menschentum, von Schönheit und Wahrheit, so sehr nahegestanden ist, heißt, ihn zu verkennen. Bereits mit dem frühen Film Schroeter's "Der Tod der Maria Malibran" zeigt sich hinter allem "Melodramatischen" vor allem in der technischen Gestaltung des Films und dem Auseinanderklaffen von Ton und Bild eine Zerissenheit, zu welcher die Gegensatzspannung von faktischem Subjekt und dessen Ideenbestimmtheit notwendig führt, wenn nicht Zuflucht zur Idylle gesucht werden kann.
    Derlei in seinem Lebenswerk immer wieder erlebbar zu machen rückt den Künstler ins Zentrum und nicht ins Abseits.

  4. Schroeter's Eingebundenheit ins Reale und Politische, alles andere als Traumflucht, belegt seine Interpretation von Beckett's "Breath" ("Atem") anläßlich der Theaterproteste gegen den 'Golf-Krieg'.
    "Werner Schroeter, der Mann, der die Männer liebte und eben auch die Frauen,..." enthält eine Anzüglichkeit, die grundgesetzwidrig ist, oder wollten die AutorIn noch Schroeter's Liebe zu Kindern, Senioren, Engeln und Haustieren ergänzen?
    Und abschließend hoffe ich doch sehr, dass Werner Schroeter nicht der die das "Letzte" gewesen ist.
    Wir trauern.

    • evwe
    • 14. April 2010 10:02 Uhr

    Vielen Dank für den Kommentar. Ich kenne den Künstler nicht und muss zugeben, dass der Artikel in nicht unbedingt so greifbar macht und sein Werk nicht so ernsthaft erscheinen lässt, dass ich wirklich aufmerksam geworden wäre. Also vielen Dank für die neue Entdeckung, wenn auch leider so spät.

  5. Sehr schön geschrieben.

    Herrn Schröter hätte es sicherlich gefallen.

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