Das Grab von Talat Pasa liegt auf einem kleinen Friedhof in Istanbul , der von drei Schnellstraßen umbraust wird. Dort steht auch ein Denkmal türkischer Nationalisten. Mitunter kommt ein Gärtner und erneuert die Blumen auf dem Grab, gießt sie liebevoll.

Talat Pasa ist einer der Hauptverantwortlichen für den ersten großen Völkermord des 20. Jahrhunderts. Unter seinem Kommando schickten osmanische Beamte und Soldaten 1915 mindestens eine Million Armenier in den Tod. Das Monumentalverbrechen, das Verhalten des türkischen Innenministers, das Schweigen in der Türkei und in der Welt – darum geht es in einem Fernsehfilm von Eric Friedler, den die ARD am Freitagabend sendet. Die spielfilmähnliche, hochdramatische Dokumentation enthält Sprengstoff. Sie wird die Diskussion um den Platz der Türkei in Europa , um ihr Verhältnis zu Armenien und die Rolle des Westens neu anheizen.

"Überall auf den Straßen lagen die Leichen, das ganze Land … war ein Schlachthaus." So erlebte es der amerikanische Konsul im ostanatolischen Harput 1915. Ihn spielt der deutsche Schauspieler Hanns Zischler. Mit ihm treten Darsteller wie Martina Gedeck und Axel Milberg auf, die in die Rollen der Beobachter von damals schlüpfen. Der Film präsentiert bisher übersehene, sensationelle Dokumente aus westlichen und armenischen Archiven, die das unvorstellbare Verbrechen der jungtürkisch-nationalistischen Regierung belegen. Sie gewinnen neue Kraft und Eindringlichkeit aus dem Munde der Schauspieler.

"In Deir Zor war ein großes Konzentrationslager für Armenier aus der ganzen Türkei aufgebaut", berichtete ein deutscher Arzthelfer. "Als ich dort war, gab es dort nur noch circa 60.000 Menschen, meist wandelnde Skelette, ihr Antlitz war vom Hunger entstellt, ihr Gesicht hatte nur noch wenig Menschliches." Angekommen waren zumeist nur noch Frauen und Kinder. Die Männer hatten die Soldaten schon vorher aussortiert. Die schwedische Missionsschwester Alma Johansson, gespielt von Martina Gedeck, erinnerte sich: "Die verhafteten armenischen Männer wurden in Hölzer eingeklemmt, die Füße mit Nägeln beschlagen wie Pferde. Die Barthaare, Augenwimpern, die Nägel an den Fingern und die Zähne herausgezogen. Sie wurden mit Füßen nach oben gehängt. Viele sind gestorben, manche überlebten, kamen in ärztliche Behandlung. So haben wir diese Verletzungen zu sehen bekommen."

Dazu zeigt der Film erschütternde historische Aufnahmen. Armenier - erschossen, gehenkt, gefoltert, gepfählt, erwürgt, verendet, geschlagen, verhungert, zu Tode erschöpft. Doch nicht alles in diesem Film sieht furchterregend und erbarmungswürdig aus. Manches ist unerwartet schön anzusehen. Die Kamera fährt langsam durch menschenleere Straßen und Wohnungskorridore, durch Bäder, Schlafzimmer und Küchen, an Türen, Schränken und Tassen vorbei, die Bilder sind unscharf, verfremdet und fügen sich zu eindrucksvollen filmischen Stillleben zusammen. An anderer Stelle wird der Zuschauer in die Steppe Südostanatoliens und die syrische Wüste mitgenommen. Atemberaubend schöne Landschaften, die vor 95 Jahren Schauplatz des Verbrechens waren. "Es ging darum", sagte der deutsche Generalkonsul Mordmann in Istanbul, "das hat mir Talat Pasa selbst bestätigt, die Armenier zu vernichten."

Deutsche Diplomaten und Missionare im Osmanischen Reich waren entsetzt über die Morde und Vertreibungen. Doch das Deutsche Reich war im Ersten Weltkrieg mit der jungtürkischen Regierung verbündet, deutsche Offiziere und Generäle dienten im Osmanischen Heer, Berlin wurde zum schweigenden Komplizen. Auf die Berichte seines empörten Botschafters in Istanbul antwortete der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg: "Unser einziges Ziel war, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gingen oder nicht."