Fernsehfilm "Aghet – ein Völkermord""Das ganze Land war ein Schlachthaus"

Der Mord an den Armeniern durch türkische Truppen war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts – und wird bis heute verschwiegen. Die ARD zeigt nun einen Film, der eine neue Diskussion entfachen wird. von 

Die Gedenkstätte für die armenischen Opfer des Türkischen Völkermords in Eriwan, Armenien. Experten schätzen, dass damals über eine Millionen Menschen getötet wurden

Die Gedenkstätte für die armenischen Opfer des Türkischen Völkermords in Eriwan, Armenien. Experten schätzen, dass damals über eine Millionen Menschen getötet wurden  |  © Joseph Barrak/AFP/Getty Images

Das Grab von Talat Pasa liegt auf einem kleinen Friedhof in Istanbul , der von drei Schnellstraßen umbraust wird. Dort steht auch ein Denkmal türkischer Nationalisten. Mitunter kommt ein Gärtner und erneuert die Blumen auf dem Grab, gießt sie liebevoll.

Talat Pasa ist einer der Hauptverantwortlichen für den ersten großen Völkermord des 20. Jahrhunderts. Unter seinem Kommando schickten osmanische Beamte und Soldaten 1915 mindestens eine Million Armenier in den Tod. Das Monumentalverbrechen, das Verhalten des türkischen Innenministers, das Schweigen in der Türkei und in der Welt – darum geht es in einem Fernsehfilm von Eric Friedler, den die ARD am Freitagabend sendet. Die spielfilmähnliche, hochdramatische Dokumentation enthält Sprengstoff. Sie wird die Diskussion um den Platz der Türkei in Europa , um ihr Verhältnis zu Armenien und die Rolle des Westens neu anheizen.

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"Überall auf den Straßen lagen die Leichen, das ganze Land … war ein Schlachthaus." So erlebte es der amerikanische Konsul im ostanatolischen Harput 1915. Ihn spielt der deutsche Schauspieler Hanns Zischler. Mit ihm treten Darsteller wie Martina Gedeck und Axel Milberg auf, die in die Rollen der Beobachter von damals schlüpfen. Der Film präsentiert bisher übersehene, sensationelle Dokumente aus westlichen und armenischen Archiven, die das unvorstellbare Verbrechen der jungtürkisch-nationalistischen Regierung belegen. Sie gewinnen neue Kraft und Eindringlichkeit aus dem Munde der Schauspieler.

"In Deir Zor war ein großes Konzentrationslager für Armenier aus der ganzen Türkei aufgebaut", berichtete ein deutscher Arzthelfer. "Als ich dort war, gab es dort nur noch circa 60.000 Menschen, meist wandelnde Skelette, ihr Antlitz war vom Hunger entstellt, ihr Gesicht hatte nur noch wenig Menschliches." Angekommen waren zumeist nur noch Frauen und Kinder. Die Männer hatten die Soldaten schon vorher aussortiert. Die schwedische Missionsschwester Alma Johansson, gespielt von Martina Gedeck, erinnerte sich: "Die verhafteten armenischen Männer wurden in Hölzer eingeklemmt, die Füße mit Nägeln beschlagen wie Pferde. Die Barthaare, Augenwimpern, die Nägel an den Fingern und die Zähne herausgezogen. Sie wurden mit Füßen nach oben gehängt. Viele sind gestorben, manche überlebten, kamen in ärztliche Behandlung. So haben wir diese Verletzungen zu sehen bekommen."

Dazu zeigt der Film erschütternde historische Aufnahmen. Armenier - erschossen, gehenkt, gefoltert, gepfählt, erwürgt, verendet, geschlagen, verhungert, zu Tode erschöpft. Doch nicht alles in diesem Film sieht furchterregend und erbarmungswürdig aus. Manches ist unerwartet schön anzusehen. Die Kamera fährt langsam durch menschenleere Straßen und Wohnungskorridore, durch Bäder, Schlafzimmer und Küchen, an Türen, Schränken und Tassen vorbei, die Bilder sind unscharf, verfremdet und fügen sich zu eindrucksvollen filmischen Stillleben zusammen. An anderer Stelle wird der Zuschauer in die Steppe Südostanatoliens und die syrische Wüste mitgenommen. Atemberaubend schöne Landschaften, die vor 95 Jahren Schauplatz des Verbrechens waren. "Es ging darum", sagte der deutsche Generalkonsul Mordmann in Istanbul, "das hat mir Talat Pasa selbst bestätigt, die Armenier zu vernichten."

Deutsche Diplomaten und Missionare im Osmanischen Reich waren entsetzt über die Morde und Vertreibungen. Doch das Deutsche Reich war im Ersten Weltkrieg mit der jungtürkischen Regierung verbündet, deutsche Offiziere und Generäle dienten im Osmanischen Heer, Berlin wurde zum schweigenden Komplizen. Auf die Berichte seines empörten Botschafters in Istanbul antwortete der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg: "Unser einziges Ziel war, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gingen oder nicht."

Leserkommentare
    • Lapje
    • 09. April 2010 12:37 Uhr

    hält man uns unsere Vergangenheit vor?

    Und will Europa wirklich ein Land in seiner Gemeinschaft haben, bei dem solche Dinge noch immer nicht "geklärt" sind?

  1. Die Türkei hat faschistische Wurzeln und hängt heute noch dran. Todesstrafe und Militärdikataturen. 1,5 Mio Menschen ermordet, weil sie Christen waren, unliebsam, gehasst wie die Juden im Rest der Welt. Feste Partner der Deutschen, die vor 1915-1917 (Armenierpogrome) die Hereros in Namibia oder sonstige Stämme in Afrika umbrachten und parallel den WK I anzettelten. Und noch mal Partner in WK II.

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    Vermeiden Sie relativierende Vergleiche von Völkermorden und bleiben Sie stattdessen beim eigentlichen Thema des Artikels. Die Redaktion/sh

    Vermeiden Sie Beiträge, die als Geschichtsrevisionismus verstanden werden können. Die Redaktion/sh

  2. 3. Hallo

    ..die deutschen Diplomaten waren entsetzt....
    das sind sie immer, unsere unverstandenen Experten.
    Einfasch mal Franz Werfel: Die 40 Tage des Musa Dagh lesen.
    Die Türken hatten sehr kooperative Verbündete
    , damals hiessen die Opfer, halt noch nicht kollateralmenschen....

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    Entfernt. Bitte belegen Sie ihre Argumentationen mit Quellen und unterlassen Sie historisch pauschalisierende Vergleiche. Die Redaktion/fk

    • farn
    • 09. April 2010 13:16 Uhr

    Tja so ziemlich jedes Land hat seine Leichen im Keller der Geschichte, bei uns werden sie halt etwas regelmäßiger gelüftet...
    Was Diplomaten und Reichskanzler angeht: Das Entsetzen ist natürlich vor Ort größer, als wenn man fernab sitzt.

    Hoffentlich kommt die Dokumentation auf die Internetseite, denn den türkischen Keller kenne ich noch nicht so gut.

  3. Entfernt. Bitte belegen Sie ihre Argumentationen mit Quellen und unterlassen Sie historisch pauschalisierende Vergleiche. Die Redaktion/fk

    Antwort auf "Hallo"
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    Zitat:
    "die Türken sind die Ur-Nazis"

    Das ist natürlich zu kurz gegriffen. Völkermord in seinen Variationen gibt es schon länger und hängt nicht primär daran ob man ein Nazi ist.

    Ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
    - Rom bei jedem eroberten Volk das zuviel Widerstand leistete, aus imperialem Selbstverständniss
    - in Nordamerika auf die kapitalistische Art
    - in Deutsch-Südwest nach Art des Kaiserreiches
    - in der Türkei im Zuge der Umstellung auf einen Nationalstaat
    - in Deutschland im modernistischen Rassenwahn
    - Stalin ist schwierig, der hat seinen Massenmord nicht direkt am Konzept des Volkes festgemacht
    - in Afrika die Tutsi und Hutu, klassische Rivalität

    Es ist sehr gefährlich, einen besimmten Völkermord für beispiellos zu erklären, denn dann verliert man seine Wachsamkeit.

    Völkermord ist NICHT selten und jeden Tag kann sich wieder eine Konstellation ergeben, die dazu führt.

    Da die Sendung nun vorbei ist, dürfte diese auch einigen Redakteuren hier etwas gebracht haben. Die Zensur bezüglich meiner Darstellung:

    "5. Die vierzig Tage des Musa Dagh
    Entfernt. Bitte belegen Sie ihre Argumentationen mit Quellen und unterlassen Sie historisch pauschalisierende Vergleiche. Die Redaktion/fk "

    ...selbige war wohl ein seltsames Osterei, denn auch meine angeblich pauschalisierenden Vergleiche kamen genauso in der Sendung vor...und meine Jahreszahl 1933 bezog sich im Übrigen auf das Erscheinungsdatum des Werfel-Romans und hatte mit "pauschalen" Hitlervergleichen gar nichts zu tun. Dass hier - verwiesen sei auf die Sendung, die genau gezeigt hat, welche Argumentationsmuster von türkischer Seite immer wieder kommen - die türkischen Berichte so stehen gelassen werden...ist peinlich...weniger für die Statementgeber...als für die überforderten Zeitungsleute. Kurzum: Die Zensur meines Kommentars war eine Frechheit.

  4. Liebe Redaktion. Herzlichen Dank für so viel Missverständnis. Man sollte eben den Werfel Roman einfach mal lesen. Und dass hier auch noch gestrichen wird, wenn ich erzähle, dass die türkische Regierung die Verfilmung des Romans konsequent verhindert seit fast 80 Jahren...dann ist das natürlich für die Zensur sehr wichtig. Gute Nacht.

  5. Die Quelle übrigens zum Ganzen für die Nichtwissenden bei der Zeit: Peter Stephan Jungk: Franz Werfel. Eine Lebensgeschichte, Frankfurt a. M. 1987, S.203-2019. Nicht zu fassen, was man mir hier vorwirft.

  6. Zitat:
    "die Türken sind die Ur-Nazis"

    Das ist natürlich zu kurz gegriffen. Völkermord in seinen Variationen gibt es schon länger und hängt nicht primär daran ob man ein Nazi ist.

    Ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
    - Rom bei jedem eroberten Volk das zuviel Widerstand leistete, aus imperialem Selbstverständniss
    - in Nordamerika auf die kapitalistische Art
    - in Deutsch-Südwest nach Art des Kaiserreiches
    - in der Türkei im Zuge der Umstellung auf einen Nationalstaat
    - in Deutschland im modernistischen Rassenwahn
    - Stalin ist schwierig, der hat seinen Massenmord nicht direkt am Konzept des Volkes festgemacht
    - in Afrika die Tutsi und Hutu, klassische Rivalität

    Es ist sehr gefährlich, einen besimmten Völkermord für beispiellos zu erklären, denn dann verliert man seine Wachsamkeit.

    Völkermord ist NICHT selten und jeden Tag kann sich wieder eine Konstellation ergeben, die dazu führt.

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    Entfernt. Verzichten Sie auf Beiträge, die als Geschichtsrevisionismus verstanden werden können. Die Redaktion/sh

    • Loki45
    • 10. April 2010 15:34 Uhr

    <em>Das ist natürlich zu kurz gegriffen. Völkermord in seinen Variationen gibt es schon länger und hängt nicht primär daran ob man ein Nazi ist.</em>

    Da haben Sie völlig Recht, haben Sie deswegen die Spanier und Briten als Vökervernichter ausgelassen?

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