Filmfest Cannes 2010 Mit der Liebesgeschichte hapert es

Christoph Hochhäuslers "Unter dir die Stadt" ist im Hauptprogramm von Cannes der einzige deutsche Beitrag. Dem brillanten Sozio-Panorama der Bankenwelt fehlt die Story.

Alles ist weiß, grau oder schwarz. Alles ist aus Glas, Chrom oder Beton. Alles sieht sehr nach 21. Jahrhundert aus: Die Wohnungen ähneln Büros, die Sofas wirken wie in den Raum gestellte Klötze. Innen ist außen ist innen. Man tritt vom Job ins Private und umgekehrt. Alles ist sauber, aufgeräumt, sparsam möbliert. Sogar die Straßen liegen wie frisch gewischt im kalten Sonnenlicht.

Das ist die Welt von Unter dir die Stadt : Frankfurt von den Banktürmen aus gesehen, wo Geld, Zukunft und Ungeduld aufeinander treffen. Das ist die Welt, wo Schreibkräfte bei Vorstandssitzungen den Raum verlassen bei der Ansage, "das muss jetzt nicht mehr ins Protokoll". Das ist die Welt, in der Banker sich bei Großraumbürofeiern zum Kollegenfoto versammeln und Greed rufen statt Cheese , um die Zähne zu zeigen. Das ist die Welt des Roland Cordes, soeben zum "Banker des Jahres" gewählt. Eine Welt, in der die Vorstandsmitglieder von Großbanken hinter ihren Ganzglaswänden herumtigern, und hinter tausend Fenstern keine Welt.

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Oder ist die Welt des Roland Cordes eine ganz andere, geheime, prekäre? Dass er sich in die Frau eines neuen Mitarbeiters verliebt, ist nicht der erste Zwischenfall, der auf den Mr. Hyde im Alltags-Jekyll verweist. Cordes weidet sich zum Beispiel gegen viel Geld am Anblick von Junkies, wenn die sich einen Schuss setzen. Cordes sackt beim Kondolenzbesuch die Kinderfotos eines soeben in Indonesien ermordeten Untergebenen ein. Hässliche Sache, so ein Mord, aber der muss jetzt nicht ins Protokoll. Und die Fotos: Wer weiß, wozu die noch gut sind, wenn einer ohne Leben sich mal eben eins erfinden muss.

Das Setting von Christoph Hochhäuslers drittem Film nach Milchwald (2002) und Falscher Bekenner (2005) ist beklemmend aktuell. Und dort am stillsten, wo etwa Wall Street 2 am meisten lärmt. Es gibt keine Broker und Daytrader in Unter dir die Stadt , dem einzigen deutschen Beitrag in der Cannes-Nebenreihe "Un certain regard", sondern nur kleine Zirkel von Topmitarbeitern, die mit ausgefuchsten Expertisen mal eben Konkurrenten zur Strecke bringen, Übernahmen argumentativ und statistisch wasserdicht machen und dabei irgendwo 10.000 Arbeitnehmer hops gehen lassen. Gebrüllt wird hier nur, wenn einer allein im Fahrstuhl über seine Beförderung jubelt. Oder wenn der Obernebenunterchef, alles Taktik, den gleichen Mann dann doch fertig machen muss.

Fast hätte ich's vergessen: die Liebe. Die Liebesaffäre zweier Verheirateter, die doch das Zentrum sein soll dieses bewusst vagabundierenden Films, ist das einzige Problem von Unter dir die Stadt . Stemmen müssen sie Robert Hunger-Bühler als Cordes und Nicolette Krebitz als Svenja, und sie machen ihre irgendwie gemeinsame Sache tapfer. Sie gucken sich in die Augen, wie das Drehbuch es verlangt, sie sagen in langen Fluren auf dem Weg zu Hotelzimmern ihre Sätze auf, aber da ist keine Chemie zwischen den beiden. Geschweige denn Physik. Nur Mathematik. Bestimmt soll das so sein. Frankfurt eben. 21. Jahrhundert. Alle Gefühle sind hier sofort kalt wie Stein, selbst die neuen.

Cordes also lässt seinen Untergebenen Oliver abschieben nach Indonesien, da ist bekanntlich gerade was frei geworden. Und Svenja, mit Oliver kaum zwei Monate durchaus nicht unglücklich in Frankfurt, wundert sich nicht? Cordes wiederum, ein Muster von Selbstkontrolle, eine Fassade von Mann, treibt sich ausgerechnet in Frankfurt mit Olivers Frau herum und stolpert über die dicksten Seile der Intrige, die er selbst ausgeheckt hat. Und so was will Banker des Jahres sein? Klar, auch die Cleveren sind mal dumm, wenn's drauf ankommt. So dumm aber wohl auch wieder nicht. 

Selbst wenn die Regisseure um Christian Petzold und Benjamin Heisenberg, Angela Schanelec und Maren Ade den Begriff nicht mehr hören wollen: Die Berliner Schule, zu der auch Christoph Hochhäusler zählt, hat es nach wie vor nicht so sehr mit Geschichten. Sie sind nur das notwendige Was eines Films, nicht das Wie und Warum, dem ihr ganzes Augenmerk gilt. So wirken ihre Arbeiten perfekt konzipiert, wunderbar anzusehen, auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen. Auch in Sachen Liebe, sofern die Story sie verlangt, geht es ihnen meist wie den Kunden der Expertisen, über die Hochhäuslers Banker spotten: "Was die wollen, ist doch bloß die wissenschaftliche Bestätigung ihres Bauchgefühls." Bei aller Liebe zur Berliner Schule: Manchmal stört's.

 
Leser-Kommentare
  1. Also bitte.

  2. hallo,
    aber mit der deutschen sprache "harperts" sogar bei der ZEIT, hätte ich nicht gedacht! nicht nur dass die inhalte immer mieser werden, jetzt fängts auch noch mit der rechtschreibung an ....

    • meuser
    • 16.05.2010 um 18:32 Uhr

    Die Generation Pisa ist in der Arbeitswelt angekommen....

    • ztc77
    • 16.05.2010 um 19:49 Uhr

    ..die beanstandeten Punkte meiner Vorschreiber sind auf der Startseite.

    • hronek
    • 16.05.2010 um 20:31 Uhr

    "Dem brillianten Sozio-Panorama ..."

    brillanten

  3. ... alle bisherigen Beiträge zu Cannes des Autors sind Schnellgeschriebene, wenig bis nicht, -überprüfte gewesen. Dies aber vor allem in Hinblick auf Inhalt. Filmkritik kann anders aussehen: kenntnisreiches Eingehen auf den Festivalbeitrag, kursorisches Direktnotat in Überarbeitung (durchaus auch). Oder zumindest - bitte - ein die Sprache würdigendes Impromptu (Improvisation eines Themas), ganz zu Schweigen von einer intelligent-lustvollen Stellungnahme, die dem Leser eine erste Vorstellung geben könnte. Wenn aber all die Filme so schlecht sein sollten, daß nichts dazu zu sagen ist, dann lieber zu "Die flexible Frau" von Tatjana Turanskyj gehen und schreiben, wie die "Berliner Schule" jenseits der Schule formuliert.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
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  • Schlagworte Cannes | Film | Nicolette Krebitz | Christian Petzold | MIT | Indonesien
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