Morgens um acht ist die Welt nicht in Ordnung. Schon auf Straßenniveau, etwa 50 Meter Luftlinie vom Festivalpalast entfernt, wird den ersten Kinogängern erbarmungslos das Mineralwässerchen aus der Tasche gefilzt. Am Eingang dann sorgfältige Abtasterei mit Metalldetektoren und – nach eher laxer Kontrolle in den letzten Tagen – eine weitere emsige Tascheninspektion. Bei der Pressekonferenz schließlich stieren, fein links und rechts des Podiums postiert, zwei beträchtlich muskelbepolsterte Männer in die Runde.

Was ist los in Cannes am Freitagmorgen, hat sich al-Qaida auf dem Roten Teppich angekündigt? Hier wird doch bloß ein Film gezeigt. Einer, um den allerdings ein Skandalrummel sondergleichen tobt. Rachid Boucharebs Hors la loi (Außerhalb des Gesetzes) behandelt das wohl blutigste und letzte Kapitel französischer Kolonialgeschichte: vom Massaker französischer Truppen im algerischen Setif im Mai 1945 bis zur Unabhängigkeit Algeriens nach langem Krieg und Terror im Juli 1962.

Seit einem halben Jahr machen alte Kämpfer und Rechtsradikale massiv Front gegen den Film. Dass sie ihn noch nicht kennen – na und? Für einen zünftigen Protest reicht locker aus, dass französisches Geld in der aufwendigen Produktion des algerischstämmigen, 1959 in Paris geborenen Bouchareb steckt – und vor allem, dass Cannes den Film mit dem Lorbeer seines Wettbewerbs schmückt. Zur Gala-Premiere am Abend ist folglich gar eine Demo mit über tausend Teilnehmern im friedlichen Touristenstädtchen an der Côte d'Azur angekündigt.

Etwas Kunstinteresse, dokumentierbar etwa in einem schlichten Kinobesuch, könnte den Furor vertreiben. Denn die Story, die Bouchareb anhand der Brüder Abdelkader (Sami Bouajila), Messaoud (Roschdy Zem) und Said (Jamel Debbouze) spannungsreich in großem historischen Bogen entspinnt, erweist sich keineswegs als nachgetragener Propagandafilm für die gute antikolonialistische Sache. Vielmehr zeigt Hors la loi subtil, wie der jahrzehntelange Einsatz für die notwendige Revolution auch deren Helden entmenschlicht, die allesamt von Frankreich aus den Befreiungskampf führen.

Der unbeugsame Abdelkader, der auf jegliches Privatleben verzichtet und andere am liebsten kasteit wie sich selbst, stirbt ebenso bei einer Schießerei wie Messaoud, der sich die vielen Morde im Namen der Freiheit Algeriens nicht verzeihen kann. Nur Said, der es in Paris zum Betreiber eines Cabarets und eines Boxstalls bringt, überlebt – weil er im Zweifelsfall grundvernünftig handelt. Befindet er sich etwa in einer aussichtslosen Situation, opfert er sich nicht um des Opfers willen, sondern wählt das Nachgeben oder die Flucht.

Hors la loi macht – Überraschung! – völlig unkontrovers Eindruck in Cannes, ganz wie sein leidenschaftlich versöhnungswilliger Regisseur. Seinen Film betrachte er nicht als "Waffe in einer Schlacht", sagt Bouchareb vor der Presse, sondern als Mittel, einen "Abszess aufzuschneiden", um nach der Heilung "zu anderem überzugehen". Nur müsse dafür auch Frankreich das "neurotische Verhältnis" zu seinen ehemaligen Kolonien endlich klären. Antifranzösisch sei seine Haltung übrigens ebenso wenig wie in Indigènes . Sein 2006 in Cannes preisgekrönter Film sensibilisierte ein Massenpublikum für das Schicksal der Kolonie-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft hatten. Mit politischen Folgen: Die Regierung stellte ihre Veteranenpensionen denen der Franzosen gleich.

"Auf dem Vergessen kann man nichts aufbauen", schreibt der in Paris lehrende Historiker Mohammed Harbi am Freitag in Le Monde . In der Tat: Anders als Deutschland, wo inzwischen das kritische Geschichtsbewusstsein zur Staatsräson gehört, leistet sich die "grande nation", ob in Sachen Kollaboration oder Kolonialismus, eine reichlich unbewältigte Vergangenheit – weshalb die Wunden bei der erstbesten Gelegenheit wieder zu bluten beginnen. In zwei Jahren ist Algerien 50 Jahre unabhängig – eine schöne Gelegenheit für Algerier und Franzosen, bis dahin ein paar Schritte auf dem von Bouchareb gewiesenen Weg zu gehen.