Filmfest Westsahara Festival gegen das Vergessen
Ein Mal im Jahr erinnert das Internationale Sahara-Filmfestival die Welt an den immer noch ungelösten Westsahara-Konflikt und gibt den Flüchtlingen das Gefühl, nicht alleine zu sein.
Sobald die Nacht über die algerische Wüste hereinbricht, kommen Turban tragende Männer, verschleierte Frauen in bunten Gewändern und zahllose Kinder aus ihren Lehmhütten und Nomadenzelten im Flüchtlingslager von Dajla. Sie setzen sich unter den Sternenhimmel auf einen riesigen blauen Teppich im Sand und blicken auf eine große, weiß gestrichene Holzplatte. Sie dient als Kino-Leinwand auf dem 7. Internationalen Sahara-Filmfestival .
Gezeigt wurden auf den Festspielen, die weltweit wohl die einzigen in einem Flüchtlingslager sind, jüngste Produktionen aus arabischen Ländern und Südafrika, dem diesjährigen Gastland. Daneben gab es Spenden von außerafrikanischen Produktionsfirmen und Filmschaffenden. So schenkte der Regisseur Ken Loach den Festivalmachern eine Kopie seiner Komödie Looking for Eric . Alejandro Amenábar ließ Agora mit Rachel Weisz ausstrahlen. Der Schauspieler Alberto Ammann stellte Celda 211 sogar persönlich vor, einen Film, der im Februar mit dem Goya-Preis als bester spanischer Film ausgezeichnet wurde.
Den größten Applaus aber erntete der Dokumentarfilm Das Problem . Er wurde am Ende auch als bester Festivalbeitrag mit dem Goldenen Kamel ausgezeichnet. Mit schonungslosen Bildern führt der Film den Zuschauern die Gewalt vor Augen, mit der Marokko in den seit 1975 besetzten Gebieten der Westsahara gegen politische Aktivisten vorgeht. Sie kämpfen gegen die völkerrechtswidrige Besetzung ihres Landes und gegen die permanente Verletzung der Menschenrechte.
Fast vier Jahre lang drehten die beiden spanischen Filmemacher Jordi Ferrer und Pablo Vidal in der Westsahara – fast immer mit versteckter Kamera - und zeichneten Gespräche mit politischen Gefangenen auf über Misshandlungen und Folterungen in marokkanischen Haftanstalten auf. Die Festivalbesucher reagieren entsetzt. Ihre Angehörigen in der besetzten Zone haben sie häufig seit mehr als 30 Jahren nicht mehr sehen dürfen. Hier hat jeder Opfer in seiner Familie zu beklagen.
Der Westsahara-Konflikt begann 1975, als die UN im Zuge der Entkolonialisierung Spanien aufforderte, auch ihre letzte Kolonie über seine Unabhängigkeit abstimmen zu lassen. Doch als die Spanier abzogen, überließ der spanische Diktator Franco Marokko das Land - völkerrechtswidrig und unter der Bedingung, dass die spanischen Wirtschaftsinteressen gewahrt blieben. Die Saharauis wehrten sich, aber erst 1988, nachdem Hunderttausende gestorben waren, kam es auf Vermittlung der Vereinten Nationen zu einer Waffenruhe und der Auflage, ein Unabhängigkeitsreferendum durchzuführen. Bis heute ist es nicht dazu gekommen. Marokko stellt sich trotz aller Bemühungen der UN noch immer strikt dagegen. Seit mehr als 30 Jahren leben rund 160.000 Saharauis in vier Flüchtlingslagern in Algerien, nahe der Grenze zur besetzten Westsahara.
Die Saharauis streiten weiter für ihr Recht auf Unabhängigkeit. "Wir sind allerdings mit unserer Geduld bald am Ende“, sagt die saharauische Kulturministerin Jadiya Hamdi während des Festivals. Gegen die wirtschaftlichen Interessen von Staaten wie Spanien oder auch Frankreich, mit denen Marokko in dem an Bodenschätzen reichen Gebiet eng zusammenarbeitet, könne man wenig machen. So gerate der Kampf der Saharauis immer mehr in Vergessenheit. Medien berichteten kaum noch über den Konflikt. Das Festival sei heute eine der wenigen Möglichkeiten, die Öffentlichkeit überhaupt noch an ihre schwere Situation in den Lagern und an ihren Kampf zu erinnern, sagt die Kulturministerin.
Mit Jubel und Trillerpfeifen wurden denn auch jene Szenen begleitet, in denen die Menschenrechtsaktivistin Aminatu Haidar dazu aufruft, den Freiheitskampf fortzusetzen. Haidar erlangte im Dezember internationale Aufmerksamkeit, nachdem sie auf dem Flughafen von Lanzarote in einen Hungerstreik getreten war, weil Marokko ihr die Rückreise in die Westsahara verweigerte. Für die zehn Aktivisten, die aus den besetzen Gebieten zum Festival angereist sind, dürfte ein Rückreiseverbot noch die geringste Strafe sein. Die letzten Freiheitskämpfer, die im November die Flüchtlingslager auf der algerischen Seite besuchten, sitzen noch immer in marokkanischen Gefängnissen.
- Datum 11.05.2010 - 08:58 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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