Zum Tod von Dennis Hopper Der wunderbar aasigste Bösewicht von allen
Kaum ein Schauspieler hat mit mehr Leidenschaft gelebt als Dennis Hopper. Er war genial, drogensüchtig und verkörperte das Monströse perfekt.
Was für einen funkelnden Stern hätte er abgeben können! Damals, Mitte der 50er, als er gerade 18 Jahre alt mit seinem Kumpel James Dean ....denn sie wissen nicht, was sie tun und später Giganten abgedreht hatte. Alle wollten den Jungen mit dem eisblauen Blick haben. Alles hätte er werden können, wenn er nur den Regeln von Hollywoods gigantischer Bildermaschine gehorcht, das Design seiner Starpersona anderen überlässen hätte und ohne zu widersprechen in der Maske verschwunden wäre, die die Industrie der Massenträume für ihn vorgesehen hatte.
Doch dann schleuderte ein Unfall mit seinem silbernen Rennporsche Jimmy Dean aus dem Leben. An jenem 30. September 1955 muss sich Dennis Hopper entschlossen haben, keine Sekunde seines Lebens an etwas zu verschwenden, was ihn fremdbestimmen könnte. Lieber wurde er wild und renitent und stemmte sich in einer Mischung aus jugendlichem Größenwahn und unbändigem Freiheitswillen gegen das Studiosystem und ein vorgespurtes Leben.
Systematisch benahm er sich am Set oder in Verhandlungen zu weiteren Filmprojekten daneben. Bis sein Name nicht mehr auf den Castinglisten erschien, sondern bestenfalls noch auf den Dart-Zielscheiben der Produzenten. Es war vorbei. Mit einundzwanzig zieht Hopper sich mit eigenen Filmplänen nach New York zurück. Er nimmt eine Zeit lang Unterricht im Actors Studio und hält sich mit diversen TV-Produktionen über Wasser. Eine andere quietschbunte Bildermaschine zieht ihn zunehmend in ihren Bann.
Es ist die eines unaufhörlichen LSD-, Koks- und Alkohol-Rausches. Trotz aller Trips und Selbstauflösung geht ihm die erste eigene Story – zwei Typen, die auf ihren Motorrädern den amerikanischen Ur-Mythos von Weite und Freiheit träumen – nicht aus dem Kopf. In Peter Fonda findet er einen Gleichgesinnten und mit einem lächerlich kleinen Budget (375.000 Dollar) drehen die beiden 1969 Easy Rider.
Der Film wird zu einem Manifest der Gegenkultur, die Protagonisten zu Katalysatoren eines neuen Lebensgefühls. Mit dem legendären Stars-and-Stripes-Motorradtank – weswegen der Fahrer der Maschine im Film auch „Captain America“ genannt wird – steht Easy Rider nicht für das Amerika der Kommunistenhetze und des Vietnamkriegs, sondern für ein Amerika, das die Perspektive ermordeter Ureinwohner einnehmen kann, aber ebenso den Anarchismus und Freiheitswillen seiner Pioniere und Outlaws feiert. Es ist ein Amerika einzelner tragischer Freiheitshelden, zu deren Kampfzielen die persönliche Integrität, Autonomie und Selbstbestimmung zählen.
Hoppers Film rebelliert gegen eine ganze Nation, in dem er ihr mit dem eigenem Gründermythos in die Quere kommt. Autodidaktisch ist das ins Bild gesetzt und - typisch für das sich gerade formierende Kino des New Hollywood - rau, ungestüm und ohne Happy End: Der ganze unbedingte Freiheitswille zerschellt an mörderischen Provinz-Rednecks.
Easy Rider wurde trotz oder gerade wegen seines aufrührerischen Impetus ein gigantischer Erfolg. Weltweit spielte er 60 Millionen Dollar ein und wurde in Cannes als Bestes Regiedebüt ausgezeichnet. Mit Hoppers durch und durch physischem Spiel, seinem Hang zum Eruptiven und Extremen kündigt sich auch ein neuer Schauspieltypus an, den Hopper selbst als durchgeknallter Frank Booth in Blue Velvet in die Karikatur treiben wird.
Dennis Hopper war nun ein wohlhabender Mann. Und weil Hollywood die Erfolgreichen liebt, schloss es den verlorenen Sohn wieder in seine Arme. Mit einem Pool kreativer Freunde zieht er für ein weiteres Herzensprojekt nach Peru, um einen der ebenso tiefsinnigsten wie durchgeknalltesten Filme des amerikanischen Kinos überhaupt zu drehen: The Last Movie (1970/71), eine bitterböse Parabel auf die Ausbeutung eines lateinamerikanischen Landes. Zugleich ist es ein Film über die Achtlosigkeit und Brutalität des Filmemachens selbst geworden. Denn in dem Film-im-Film-Stoff stellt ein Filmteam die ursprünglich abgeschiedene Welt eines Andendorfes brachial auf den Kopf. Die Einwohner verlieren ihren Glauben an die eigenen Gottheiten und bestaunen lieber die Wunder der Lichtspiele.
Während der Dreharbeiten werden vor und hinter der Kamera Drogen eingeschmissen. Wankende Schauspieler und eine berauschte Kamera sind keinesfalls als stilistische Mittel gedacht, sondern dokumentieren die heillose Auflösung der Wirklichkeit am Set. Die Produktionsfirma tobt, als Hopper die delirierenden Bilder nicht umschneiden will. Der Film wird aus den Kinos zurückgezogen.
Für Jahre versinkt Hopper in einem Nebel aus Whiskey, Koks und Apathie. Schon als Kind schnüffelte Hopper, der am 17. Mai 1936 in in Dodge City geboren wurde, am Tank des großväterlichen Trucks. Als Teenager war er bereits ein ausgereifter Alkoholiker. In den 60er und 70er Jahren gibt es wohl keine Substanz die Hollywoods Outlaw nicht geschnüffelt, geraucht oder sich in die Venen gejagt hätte. Als Francis Ford Coppola ihn für Apocalypse Now (1976-79) verpflichtet, muss der Regisseur schnell erkennen, dass dieser verpeilte Junkie bestenfalls als irrer Kriegsfotograf mit möglichst wenig Text einzusetzen ist und keinesfalls als handlungstragender Green Beret wie ursprünglich geplant.
Es ist David Lynch, der Dennis Hopper eines Tages aus der Psychiatrie zerrt, ihm buchstäblich eine Sauerstoffmaske aufsetzt und ihn als „fuck you, fucking fuck“- Frank Booth in Blue Velvet (1986) besetzt. So nüchtern und klar wie vielleicht nie zuvor in seinem Leben gibt Hopper den schmatzenden Sadisten. Spätestens mit diesem ekelhaften Kerl wird Dennis Hopper zum neuen Schurken des amerikanischen Kinos. Er verkörpert das Monströse, Enthemmte, Zugedröhnte, Geile, Kaputte auf der Leinwand.
Und wie in den meisten der Produktionen seit seiner Wiederentdeckung, Red Rock West (1993) oder Speed (1994), war er als solches kaum totzukriegen. Von jetzt an steht dieser Schurke an Amerikas weiß gestrichenen Vorgartenzäunen, blickt von dort in die guten Stuben und das Allerheiligste des Mittelstandes und findet immer einen Weg hinein.
Dennis Hopper, der aasigste Bösewicht von allen, der wagemutige Filmemacher, Maler, Bildhauer, Fotograf und Kunstsammler ist am 28. Mai 2010 an Krebs gestorben.
- Datum 30.05.2010 - 13:04 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ein treffender Nachruf auf diesen großen Künstler!
Mein Lieblingsfilm mit Hopper war immer "Der amerikanische Freund", meiner Ansicht nach einer der 5 besten deutschen Filme überhaupt. Selbst nach dem xten mal ansehen entdeckt man noch neue Details...
... gegen den durchgeknallten Frank Booth zu setzen: In True Romance hält Hopper als beschützender Vater einem Mafioso (Christopher Walken) einen so wunderbar frechen Vortrag, dass man schnell merkt, das wird ein "Suicide by Mafia".
Dem "Suicide by Police" gegenübergestellt ist das eine Variante, die ausgerechnet Hopper durch die Verdrehung von Klischees perfekt ausfüllt und im Tod den Bösen als lächerlich gemachten Verlierer zurücklässt.
Alles Gute
Kai Hamann
Die Welt bräuchte mehr von dieser Sorte!
... Dennis Hopper ist aber "erst" am 29. Mai gestorben.
http://de.wikipedia.org/w...
... dauert es, bis man begreift, dass sie wirklich gegangen sind.
So zeitlos immer da sind nur wenige.
in all seinen Filmen hat mich der Mann völlig fasziniert -
am besten für mich in Blue Velvet mit I.Rosselini -
Bis bald Dennis
you´´l be not alone in the dark
besonders Roland Klicks "White Star" (1983) empfehlen, dort ließ Hopper wie in kaum einem anderen Film seinem durchgeknallten Genie freien Lauf.
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