Film "Vergebung" "Wer nicht kämpft, ist tot!"

Mit "Vergebung", Daniel Alfredsons Verfilmung des letzten Stieg-Larsson-Romans, findet die "Millennium"-Trilogie ihren würdigen Abschluss

Auch der Schöpfer Stieg Larsson hätte an der schauspielerischen Leistung von Noomi Rapace als Lisbeth Salander vermutlich großen Gefallen gefunden

Auch der Schöpfer Stieg Larsson hätte an der schauspielerischen Leistung von Noomi Rapace als Lisbeth Salander vermutlich großen Gefallen gefunden

"Wir halten Kontakt!", raunt der Journalist Michael Blomkvist in der Schlusseinstellung von Daniel Alfredsons dritter und abschließender Stieg Larsson-Verfilmung Vergebung. Sichtlich verunsichert steht er der lässig mit Jeans, T-Shirt und offenem Bademantel bekleideten Lisbeth Salander in der geöffneten Tür ihres Stockholmer Apartments gegenüber, nachdem sämtliche Schlachten erfolgreich geschlagen sind und die tiefsten Wunden allmählich zu verheilen beginnen.

"Ja, wir halten Kontakt", erwidert Lisbeth Salander wortkarg – und zieht damit den Schlussstrich unter das alles in allem gut 450 kinominutenlange Bilderspektakel, das die beiden schwedischen Regisseure Niels Arden Oplev und Daniel Alfredson nach der Vorlage Larssons inzwischen wahrhaft weltberühmter "Millenium“-Trilogie entfachten. Und so viel lässt sich schon jetzt sagen, da das von dem selbsterklärten schwedischen Antifaschisten Larsson einst auf insgesamt zehn Bände angelegte Riesenwerk auch seinen filmischen Abschluss gefunden hat: Man hätte gerne mehr gesehen, von dem bisweilen herrlich frostigen Gehabe, der von Noomi Rapace kongenial gespielten Lisbeth Salander. An der sämtliche, und zuletzt durchaus freundschaftlich gemeinte, Annäherungsversuche ihres von Michael Nyqvist im Schlussteil angenehm untertourig gespielten Partners Mikael Blomkvist abprallen wie Gummibälle an einer Betonwand. Daniel Alfredsons Abschlussfilm nimmt sämtliche in Teil zwei der Trilogie geschickt ausgelegte Erzählfäden auf, und bündelt sie schlussendlich zu einem stimmigen Ganzen. Er inszeniert das Verhältnis zwischen der genialisch veranlagten Autistin Salander und dem journalistischen Marathonmann Blomkvist bis zuletzt als eine Art Nicht-mit-Dir-und-nicht-ohne-Dich-Spiel, von dem man als Zuschauer nicht genug bekommen kann. Dass er sich dabei filmerzählerisch einmal mehr durchaus auf Höhe der Romanvorlage bewegt, ohne gleichwohl allzu texttreu den Gleichschritt zu suchen, das macht auch Vergebung zu einem Film, mit dem der 2004 jäh verstorbene Stieg Larsson sicher gut hätte leben können.

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Wo Verdammnis zuletzt tempogeladen die Erzählstränge kreuzte und das erste, nach Jahrzehnten stattfindende Aufeinandertreffen zwischen Lisbeth Salander und ihrem verhassten Vater Alexander Zalachenko als splattermoviehaftes Hauen und Stechen inszenierte, an dessen Ende ein Helikopter des schwedischen Roten Kreuzes mit den zwei Halbtoten in den steingrauen Himmel entschwand, dort wirkt Vergebung wie eine kühle Abschlussbilanz. Denn all jene Dunkelmänner, die – in höchsten schwedischen Regierungskreisen positioniert – ihren dunklen Machenschaften frönten und dabei nichts unversucht ließen, Lisbeth Salander aus dem Weg zu räumen, landen am Ende vor Gericht: von dem Psychiater Peter Teleborian, der auf Betreiben ihres Vaters die ungebärdige Ruhestörerin Lisbeth Salander jahrelang hinter Anstaltsmauern gefangen hielt, bis hin zu jenen verdeckt Operierenden, die alles daran setzen, dass die Verbindung zwischen Zalachenko und der schwedischen Regierung unentdeckt bleibt. Denn Mikael Blomkvist gelingt es unter Aufbietung sämtlicher journalistischer Finesse zu beweisen, dass Salander weder für die Morde an den beiden Mitarbeitern von Blomkvists Zeitschrift Millennium verantwortlich ist, noch an dem ihres zweiten Vormunds Niels Bjurmann. Dass die alten, aus ihrem Ruhestand noch einmal zurückgekehrten Verschwörer am Ende selbst vor der Erschießung Zalachenkos nicht zurückschrecken, um ihre Spuren zu verwischen, das ist nur eine der zahlreichen erfolgreich zündenden Pointen in diesem gelungen filmischen Schlussakkord.

"Es war wirklich unglaublich, wie er den ganzen Plot im Blick hatte, obwohl die Handlung so verwickelt ist", erinnert sich Eva Gedin, die schwedische Verlegerin Larssons in Jan-Erik Petterssons aufschlussreicher, soeben beim Berliner Aufbau Verlag erschienenen politischen Biografie Larssons, an ihre erste Lektüre der drei raumgreifenden Romane. "Kein einziges Mal hat er einen Charakter vergessen oder einen Namen verwechselt. Aber er hatte auch Fragen, die er wirklich mit mir diskutieren wollte, z.B. wie Salander aussah, wie sie sich ausdrückte, wie viel sie wog und so weiter." Larsson hätte an Salanders finalem Gerichtsauftritt als Punkerin mit Irokesenfrisur und schwarzem Lederanzug zweifellos Gefallen gefunden; denn wenn diesen Autor tatsächlich eines unsterblich machen sollte, dann seine Erfindung dieser bis zuletzt mit der Eiseskälte eines Roboters agierenden Einzelkämpferin – von dem mutigen Hinabtauchen seines Erzählens in die tiefsten Tiefen schwedischen Seins und politischen Agierens auf höchster Ebene ganz zu schweigen.

"Wenn Sie mich auf professionelle Art vermarkten, dann schreibe ich jetzt einfach weiter!" Mit diesen Worten beantwortete Stieg Larsson die Mail, in welcher der Stockholmer Norstedts Verlag ihm Anfang 2004 das Angebot machte, seine Bücher zu verlegen. Der Verlag entsprach Larssons Wunsch – und legte mit der Veröffentlichung seiner Trilogie den Grundstein des sich bald abzeichnenden Welterfolgs. Larsson selbst freilich war es nicht vergönnt, seinen Teil der Abmachung einzuhalten, und seine Mission mit weiteren sieben Bänden zu Ende zu bringen: 2004 erlag er, der Workaholic, gerade mal 50-jährig den Folgen eines Herzinfarkt.

Was bleibt, ist der Blick auf das Vorliegende: auf seine drei, mit der Finesse und dem Spieltrieb eines großen, von seiner wild wuchernden Fantasie geleiteten Kindes geschriebenen Romane. Und auf das, was Daniel Alfredson mit seiner filmischen Adaption des dritten und letzten Teils den Büchern gegenüber oder zur Seite gestellt hat, nämlich großes, in bester Schwedenmanier gemachtes Unterhaltungskino.

 
Leser-Kommentare
  1. ... gut aus bei imdb.com (http://www.imdb.com/title...)

    Der erste Teil wurde von einem weltweiten Publikum noch mit 7.7 von 10 Punkten bewertet. Der zweite und dritte Teil liegt nur noch bei mittelmäßigen 6.6 bzw 6.8 Zählern. Ich glaube Die spare ich mir. Der selbe "Kick" wie beim ersten Film wird sich hier nicht wiederholen lassen.

  2. ich frage mich, wo der autor das viele lob hernimmt. selten finde ich filme wirklich schlecht, dafür lasse ich mich zu leicht von dem plot und der filmstimmung mitreißen. in diesem film, zumindest den ersten beiden teilen, habe ich mich gelangweilt.
    warum? ich habe die bücher gelesen. sicher sind sie schwer zu verfilmen, weil sie das reinste feuerwerk sind, sehr temporeich geschrieben, sehr viel stoff. stark beeinflußt durch den film. also viele schnitte, rückblenden etc.pp.

    von all dem hier sehr wenig. und in uninsperierten bildern. die bisherigen zwei filme wirkten wie abgedreht nach der vorlage des buches. keine eigene filmidee. und dazu so viel unzusammenhängendes, athmosphärisch kommt nichts aus dem film rüber...

    und was das für mich wesentliche ist: die hauptdarstellerin, die salander spielt, hat keine ahnung von ihrer rolle. alle lieben sie. ich bin entsetzt. denn sie hat keine ahnung, wie sich jemand verhält, der traumatisiert ist. ihre mimik, gestik, ihr handeln - alles völlig aufgesetzt und unglaubwürdig - und letztlich diffamierend für jemanden, der wirklich traumatisiert ist. sie ist im übrigen auch keine autistin. der autor hat offenbar wirklich keine ahnung, weder vom film, noch vom stoff, noch von den büchern. (daher habe ich den artikel nach der behauptung, salander wäre eine autistin, auch nicht mehr weiter gelesen) nur blomquist hats etwas rausgerissen.
    so eine übertriebene lobhudelei für einen schlechten film, und das in der zeit. hätte ich mehr erwartet.

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