Kurzfilm "Mein Vater schläft" Ein Junge muss zuschlagen
In seinem Kurzfilm "Mein Vater schläft" erzählt der Regisseur Grzegorz Muskala vom Erwachsenwerden eines Zehnjährigen – und wie ohnmächtig ihn der nahe Tod des Vaters macht.
Das Unausweichliche bedarf keiner Worte. Und so kommt der Kurzfilm Mein Vater schläft denn auch ganz ohne Dialoge aus. Obwohl er einen Tag im Leben eines zehnjährigen Jungen auf einem Bauernhof zeigt, obwohl der eine jüngere Schwester, eine Mutter und einen schwer kranken Vater hat, scheint kein Wort zu fehlen. Was hier geschieht, geschieht wie zwangsläufig. Man ahnt: Worte würden nichts ändern. Nichts am nahen Tod des Vaters und nichts an der zu schweren Aufgabe für den Jungen, die Verantwortung auf dem Hof übernehmen zu müssen. Mein Vater schläft ist nur ein Euphemismus aus der Perspektive des Jungen.
- Das Wendland Shorts Filmfestival
30 Kurzfilme hat ZEIT ONLINE seit Anfang das Jahres in Kooperation mit dem Kurzfilmfestival Wendland Shorts gezeigt. Das Festival prämiert seit 2007 jedes Jahr den besten Kurzfilm und die beste Filmidee. Es zeichnet sich durch die abgeschiedene und intime Atmosphäre im norddeutschen Lüchow-Dannenberg aus, in der junge Filmemacher mit Fachleuten und Cineasten unmittelbar ins Gespräch kommen können. Am 18. Juni ist es nun wieder soweit. Mit Beginn des diesjährigen Festivals endet die Kooperation. Ausgewählte und ausgezeichnete Kurzfilme werden Sie aber auch weiterhin regelmäßig auf ZEIT ONLINE finden.
- Der Festivalleiter Dirk Roggan
Dirk Roggan hat das Wendland Kurzfilmfest gegründet. Den Ausschlag gab seine eigene - sehr erfolgreiche Teilnahme - an zahlreichen nationalen und internationalen Festivals seit 2004 mit dem von ihm produzierten Kurzfilm "Anna und der Soldat", der auch den Auftakt zu unserer Filmreihe macht. "Die besondere Note sollte die Nähe von Filmemachern, Jury und Publikum in entspanntester Umgebung sein", sagt Roggan. Dieser unmittelbare Kontakt zwischen jungen Filmemachern und Produzenten zahlte sich auch 2009 wieder aus: Eine der im vergangenen Jahr vorgestellten Filmideen wurde inzwischen umgesetzt.
Der Regisseur Grzegorz Muskala hat das 14-minütige Drama bereits als Zweitjahresfilm während seines Filmstudiums gedreht, und es ist ihm das Kunststück gelungen, in dem sehr intimen Porträt dieser Familie eine Zwangsläufigkeit und Musterhaftigkeit zu zeigen, die die Geschichte sofort auch dem Zuschauenden zugänglich macht. Die Mutter gibt sich klaglos in die Rolle der Pflegenden, der Vater weiß, dass er noch gebraucht wird, kämpft aber nur noch mit seiner eigenen Angst vor dem Tod, das Kind steht ohnmächtig vor dieser Situation.
Das Beklemmende dabei ist unsere Ahnung von der Zukunft des Jungen – unglaublich eindringlich dargestellt von Maximilian Kirchner. Seine Ohnmacht äußert sich in einer Gewaltbereitschaft, die von der ersten Einstellung an zu spüren ist, als er mit dem Gedanken spielt, ein Kaninchen zu erschlagen. Nun werden Kaninchen auf Bauernhöfen eben geschlachtet. Doch der Junge betrachtet mit dem gleichen Blick auch seine kleine Schwester. Das Kaninchen erschlägt er am Ende.
Der Film erhielt das Prädikat "besonders wertvoll" und erhielt neben vielen internationalen Preisen, darunter dem Deutschen Kamerapreis, 2008 auf dem Wendland Kurzfilmfestival die Auszeichnung als bester Kurzfilm.
Zum Film
Länge: 14 Minuten. Mit Maximilian Kirchner, Denise Manicke, Vitus Zeplichal und Heidi Köhler. Buch und Regie: Grzegorz Muskala. Kamera: Raphael Beinder; Produktion: Sol Bondy und die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin .
- Datum 08.06.2010 - 12:22 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Ich find den Film sehr schön, intensive Bilder. Ich würde heute sagen, der Film ist sehr vom "weißen Band" inspiriert, aber das gab es ja damals noch gar nicht, was den Film noch stärker macht.
Anders als Zeit ONLINE finde ich die Sprachlosigkeit teilweise etwas zu verkopft. Es gibt Situationen, gerade in der Mitte, wo man merkt, normalerweise würden hier Worte fallen, wenn auch bedeutungslose. Und so bleibt eben gerade bei diesen Stellen der Eindruck, dass hier die intellektuelle Formstrenge über die Natürlichkeit siegt und das macht den Film da leider ein klein wenig universitär.
Ganz stark hingegen ist die Sprachlosigkeit in den letzten drei Minuten. Da ist der Film am Stärksten, angefangen mit dem Erschlagen des Kaninchens, das war ein ganz starkes Bild, was sich wie von selbst einrichtete, ohne Bemühen, ohne den überdeutlichen Wink des Regisseurs "Seht, das bedeutet das!". Der Rest war toll, die Sprachlosigkeit, die Isolation, die Hilflosigkeit.
Man fragt sich bloß, wieso der Regisseur nicht einfach einen Kontrast gemacht hat. 1.Teil, 2.Teil Dialog, 3.Teil Stille, zur Belebung, durch das Hinzufügen einer weiteren Ebene, zum Zeigen eines noch intensiveren Ablaufs, der vielleicht dann sogar den Rahmen der Erzählung aufgehoben hätte.
Trotz der - aus meiner Sicht - kleinen Mängel bleibt ein starker Eindruck, vor allem durch das gelungene Ende, was dann auch - über Festival- und Universitätsmentalität hinaus - ein starkes Stück Film ist, vor allem für ein 2.Jahres Film!
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