Erst kam der Ton, jetzt kommt die Tiefe. Beides sind Meilensteine der Kinogeschichte, die frühe Filmtheoretiker für ausgeschlossen hielten – weniger aus technischen als vielmehr aus ästhetischen und ontologischen Gründen: Wir unterlägen "völlig dem Zauber dieser stummen Welt", schrieb der Psychologe und Philosoph Hugo Münsterberg 1915 in seinem Aufsatz Warum wir ins Kino gehen und meinte, uns fehle weder der Klang der Stimme noch Worte noch Farbe noch Räumlichkeit, um Film zu erfahren. Im Gegenteil: Illusion statt Realismus war Münsterbergs Einschätzung. Wie es später kam, ist bekannt.

Dennoch: Genauso skeptisch wie einst gegenüber dem Ton könnte man heute gegenüber der Tiefe sein. Aber wie der Ton ist diese nicht aufzuhalten – sondern zwingt Filmemacher, Filmtheoretiker und alle anderen, die mit dem Medium zu tun haben zum Um- und Weiterdenken. In den kommenden Jahren werde es fast nur noch 3-D-Filme geben, sagt Ludger Pfanz, Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. "Es herrscht eine Goldgräberstimmung", zum einen unter den Produzenten und Verleihern, die das große Geld wittern, zum anderen aber auch unter den Schreibern und Regisseuren. Noch sehen wir vor allem Animationsfilme wie Alice im Wunderland oder Shrek in 3-D. Der Produzent Martin Hagemann von Zero Film sieht in der neuen Technik aber auch "eine Chance für das Arthouse-Kino, da die Großen nicht alle Genres bedienen." Der Regisseur Wim Wenders wähnt dank 3-D die Zukunft des Dokumentarfilms gesichert. Er dreht zurzeit in Wuppertal begeistert an seinem ersten 3-D-Film, Pina , über die Tänzerin Pina Bausch. Alle waren sie zu Gast beim Internationalen Filmkongress der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen Ende Juni in Köln.

Für das heutige 3-D-Verfahren werden Stereokameras verwendet. Die Wiedergabe erfolgt als Raumbildprojektion, die Zuschauer tragen Polarisations-Brillen, die dem Auge vorgaukeln, es sähe räumliche Tiefe. Obwohl schon seit den Anfängen des Films vor nunmehr 115 Jahren mit dem Dreidimensionalen experimentiert wurde und es eine Hochzeit des 3-D-Kinos bereits in den 1950er Jahren gab – Alfred Hitchcock drehte 1954 auf Drängen von Warner Bros. seinen Thriller Bei Anruf Mord in der Technik! –, haben wir es erst jetzt offenbar mit einem gewaltigen Schritt zu tun. James Camerons Avatar war da nicht der erste, aber wohl ein sehr wichtiger Motor. Heute wie vor 60 Jahren versucht man mit der Neuerung, wieder mehr Leute ins Kino zu locken: Damals weg vom Fernseher, heute außerdem weg von DVD, Computer und Geräten wie dem iPad. Dabei ist die Technik nicht mal aufs Kino beschränkt .

Wenn das bewegte Bild der Zukunft dreidimensional sein wird, nicht nur im Kino, sondern überall, stellen sich Fragen zur filmischen Wahrnehmung und Ästhetik neu. Denn wir müssen uns künftig wohl nicht nur an den lächerlichen Anblick von 3-D-Brille-tragenden Zuschauern gewöhnen, sondern vor allem an eine neue Filmerfahrung: Die Immersion, das Eintauchen in das Filmgeschehen, was als so charakteristisch für das Schauen eines Films gilt, wird noch stärker, tiefer, leiblicher. Körper und Raum – auf der Leinwand wie davor – bekommen eine zusätzliche, nämlich dritte Dimension. Der Filmkritiker Béla Balázs, der 1938 den Begriff der filmischen Immersion prägte, ist nie wahrer gewesen als heute: "Ich bin umzingelt von den Gestalten des Films und dadurch verwickelt in seine Handlung".

Der Abstand zwischen Zuschauer und Leinwand, die den Betrachter bisher vom Filmgeschehen abgeschirmt hat, wie es der amerikanische Filmphilosoph Stanley Cavell formulierte, wird überwunden. Gundolf S. Freyermuth von der Internationalen Filmschule in Köln nennt es die "Explosion des analogen Bildraums". Auch er spricht vom Umkreistwerden durch den Film und von einer Verschmelzung des Virtuellen mit dem Realen. "Wir sind Zeitgenossen eines Big Bang der digitalen Bildlichkeit", jubelt er.

Das bedeutet andererseits auch: Die herkömmliche Mise en Scène, das Inszenieren mit Licht, Ausstattung und Raum, wird wieder wichtig. "Wir müssen auf die klassischen Filmideen zurückgreifen", sagt der Produzent Hagemann. Der Hochschuldozent Pfanz fordert von den Autoren, 3-D-Geschichten zu schreiben, und von den Regisseuren, anders zu inszenieren. Seiner Ansicht nach birgt das 3-D-Kino vor allem die Möglichkeit, psychische Bewusstseinsvorgänge darzustellen. Potenzial dazu gebe es in jedem Genre und für Filmkünstler wie David Lynch. Wim Wenders spricht davon, dass es letzten Endes das alte Kino sei, was wir hier wiederfänden.

Enthusiastisch wie ein kleiner Junge erzählt der Filmemacher von den ersten Testaufnahmen für Pina , die allerdings erschreckend waren. Alles habe gestottert, stroboskopiert – sei genau das Gegenteil dessen gewesen, was dreidimensionale Tanzaufnahmen wiedergeben sollten, nämlich fließende, natürliche Bewegungen. Dieses Problem hat es auch schon während der Aufnahmen von Menschen für Avatar gegeben. "Gruselig", sagt Wenders, "doch die konnten das mehr vertuschen". Eigentlich müssten 50 statt wie bislang 24 Bilder pro Sekunde ablaufen, aber man hat es hier mit einer "riesigen Apparatur und mit höherer Mathematik" zu tun, wie Wenders sagt. Inzwischen kann er immerhin schon mit einer beweglichen Steadycam filmen. So schnell geht die Entwicklung voran. "Die Kameras müssen sich bewegen“, sagt er, "sonst geht viel von dem 3-D-Effekt verloren."

Vor lauter Begeisterung geht mögliche Kritik an der neuen Technik unter. Dass sich 3-D vielleicht weder kleinere, unabhängige Filmemacher noch viele Kinos leisten können, dass sie derzeit vor allem für Unterhaltungsfilme eingesetzt wird, wird  derzeit kaum erwähnt. Dabei sind in Deutschland nur 354 von insgesamt 1744 Kinos 3-D-fähig, die meisten von ihnen sind Multiplexe. Fantasy, Thriller, Animation, das sind Renner für 3-D. Hier kann dann die Action darüber hinwegtäuschen, dass manche der 3-D-Produktionen noch so kohärent wirken wie ein Stummfilm mit Tonspur.