3-D-TechnikDie neue Dimension für Filmemacher

Die Dreidimensionalität im Film bedeutet nicht nur ein neues Vermarktungsargument für Kinos. Sie fordert Autoren und Regisseure zu neuen ästhetischen Ideen heraus. von 

Auch der Filmemacher Wim Wenders hat sich in sein erstes 3D-Projekt gestürzt. Er verfilmt das Leben der Tänzerin Pina Bausch in drei Dimensionen

Auch der Filmemacher Wim Wenders hat sich in sein erstes 3D-Projekt gestürzt. Er verfilmt das Leben der Tänzerin Pina Bausch in drei Dimensionen  |  © Donata Wenders, 2009

Erst kam der Ton, jetzt kommt die Tiefe. Beides sind Meilensteine der Kinogeschichte, die frühe Filmtheoretiker für ausgeschlossen hielten – weniger aus technischen als vielmehr aus ästhetischen und ontologischen Gründen: Wir unterlägen "völlig dem Zauber dieser stummen Welt", schrieb der Psychologe und Philosoph Hugo Münsterberg 1915 in seinem Aufsatz Warum wir ins Kino gehen und meinte, uns fehle weder der Klang der Stimme noch Worte noch Farbe noch Räumlichkeit, um Film zu erfahren. Im Gegenteil: Illusion statt Realismus war Münsterbergs Einschätzung. Wie es später kam, ist bekannt.

Dennoch: Genauso skeptisch wie einst gegenüber dem Ton könnte man heute gegenüber der Tiefe sein. Aber wie der Ton ist diese nicht aufzuhalten – sondern zwingt Filmemacher, Filmtheoretiker und alle anderen, die mit dem Medium zu tun haben zum Um- und Weiterdenken. In den kommenden Jahren werde es fast nur noch 3-D-Filme geben, sagt Ludger Pfanz, Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. "Es herrscht eine Goldgräberstimmung", zum einen unter den Produzenten und Verleihern, die das große Geld wittern, zum anderen aber auch unter den Schreibern und Regisseuren. Noch sehen wir vor allem Animationsfilme wie Alice im Wunderland oder Shrek in 3-D. Der Produzent Martin Hagemann von Zero Film sieht in der neuen Technik aber auch "eine Chance für das Arthouse-Kino, da die Großen nicht alle Genres bedienen." Der Regisseur Wim Wenders wähnt dank 3-D die Zukunft des Dokumentarfilms gesichert. Er dreht zurzeit in Wuppertal begeistert an seinem ersten 3-D-Film, Pina , über die Tänzerin Pina Bausch. Alle waren sie zu Gast beim Internationalen Filmkongress der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen Ende Juni in Köln.

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Für das heutige 3-D-Verfahren werden Stereokameras verwendet. Die Wiedergabe erfolgt als Raumbildprojektion, die Zuschauer tragen Polarisations-Brillen, die dem Auge vorgaukeln, es sähe räumliche Tiefe. Obwohl schon seit den Anfängen des Films vor nunmehr 115 Jahren mit dem Dreidimensionalen experimentiert wurde und es eine Hochzeit des 3-D-Kinos bereits in den 1950er Jahren gab – Alfred Hitchcock drehte 1954 auf Drängen von Warner Bros. seinen Thriller Bei Anruf Mord in der Technik! –, haben wir es erst jetzt offenbar mit einem gewaltigen Schritt zu tun. James Camerons Avatar war da nicht der erste, aber wohl ein sehr wichtiger Motor. Heute wie vor 60 Jahren versucht man mit der Neuerung, wieder mehr Leute ins Kino zu locken: Damals weg vom Fernseher, heute außerdem weg von DVD, Computer und Geräten wie dem iPad. Dabei ist die Technik nicht mal aufs Kino beschränkt .

Wenn das bewegte Bild der Zukunft dreidimensional sein wird, nicht nur im Kino, sondern überall, stellen sich Fragen zur filmischen Wahrnehmung und Ästhetik neu. Denn wir müssen uns künftig wohl nicht nur an den lächerlichen Anblick von 3-D-Brille-tragenden Zuschauern gewöhnen, sondern vor allem an eine neue Filmerfahrung: Die Immersion, das Eintauchen in das Filmgeschehen, was als so charakteristisch für das Schauen eines Films gilt, wird noch stärker, tiefer, leiblicher. Körper und Raum – auf der Leinwand wie davor – bekommen eine zusätzliche, nämlich dritte Dimension. Der Filmkritiker Béla Balázs, der 1938 den Begriff der filmischen Immersion prägte, ist nie wahrer gewesen als heute: "Ich bin umzingelt von den Gestalten des Films und dadurch verwickelt in seine Handlung".

Der Abstand zwischen Zuschauer und Leinwand, die den Betrachter bisher vom Filmgeschehen abgeschirmt hat, wie es der amerikanische Filmphilosoph Stanley Cavell formulierte, wird überwunden. Gundolf S. Freyermuth von der Internationalen Filmschule in Köln nennt es die "Explosion des analogen Bildraums". Auch er spricht vom Umkreistwerden durch den Film und von einer Verschmelzung des Virtuellen mit dem Realen. "Wir sind Zeitgenossen eines Big Bang der digitalen Bildlichkeit", jubelt er.

Das bedeutet andererseits auch: Die herkömmliche Mise en Scène, das Inszenieren mit Licht, Ausstattung und Raum, wird wieder wichtig. "Wir müssen auf die klassischen Filmideen zurückgreifen", sagt der Produzent Hagemann. Der Hochschuldozent Pfanz fordert von den Autoren, 3-D-Geschichten zu schreiben, und von den Regisseuren, anders zu inszenieren. Seiner Ansicht nach birgt das 3-D-Kino vor allem die Möglichkeit, psychische Bewusstseinsvorgänge darzustellen. Potenzial dazu gebe es in jedem Genre und für Filmkünstler wie David Lynch. Wim Wenders spricht davon, dass es letzten Endes das alte Kino sei, was wir hier wiederfänden.

Enthusiastisch wie ein kleiner Junge erzählt der Filmemacher von den ersten Testaufnahmen für Pina , die allerdings erschreckend waren. Alles habe gestottert, stroboskopiert – sei genau das Gegenteil dessen gewesen, was dreidimensionale Tanzaufnahmen wiedergeben sollten, nämlich fließende, natürliche Bewegungen. Dieses Problem hat es auch schon während der Aufnahmen von Menschen für Avatar gegeben. "Gruselig", sagt Wenders, "doch die konnten das mehr vertuschen". Eigentlich müssten 50 statt wie bislang 24 Bilder pro Sekunde ablaufen, aber man hat es hier mit einer "riesigen Apparatur und mit höherer Mathematik" zu tun, wie Wenders sagt. Inzwischen kann er immerhin schon mit einer beweglichen Steadycam filmen. So schnell geht die Entwicklung voran. "Die Kameras müssen sich bewegen“, sagt er, "sonst geht viel von dem 3-D-Effekt verloren."

Vor lauter Begeisterung geht mögliche Kritik an der neuen Technik unter. Dass sich 3-D vielleicht weder kleinere, unabhängige Filmemacher noch viele Kinos leisten können, dass sie derzeit vor allem für Unterhaltungsfilme eingesetzt wird, wird  derzeit kaum erwähnt. Dabei sind in Deutschland nur 354 von insgesamt 1744 Kinos 3-D-fähig, die meisten von ihnen sind Multiplexe. Fantasy, Thriller, Animation, das sind Renner für 3-D. Hier kann dann die Action darüber hinwegtäuschen, dass manche der 3-D-Produktionen noch so kohärent wirken wie ein Stummfilm mit Tonspur.

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Leserkommentare
  1. Die 3D-Technik ist sehr teuer und für unabhängige Filmemacher zurzeit noch nicht erschwinglich. Dabei sollte eins nicht vergessen werden: Es nützt nichts, wenn der Film in 3D ist, wenn die Darsteller eindimensional spielen. :)

    2 Leserempfehlungen
  2. Ich habe mal einen 3D Film gesehen... war ich davon begeistern, nein - ist es ein nettes Gimmick - ja, aber mehr eigentlich für den normalen Film nicht.

    Ich erinnere nicht mehr wo - aber ein sehr guter Kommentar bezüglich 3D Filme war dass man früher über die Tiefenschärfe die Aufmerksamkeit der Zuschauer steuern konnte - das ist bei 3D nicht mehr gegeben, es muss alles scharf sein....

    Des weiteren werden heutige Filme immer mehr von der Technik und Namen beherrscht - das eigentliche Schauspielen bleibt auf der Strecke. "The Killing Fields" - ein Film über Cambodia, die Khmer Rouge ist ein wesentlich besser Film als es jede Multimillionenproduktion sein könnte.
    Das muss nicht heißen dass ein moderner Film schlecht sein muss - es gibt immer noch gute Filme aber weniger - und es wird weniger auf die tatsächliche Schauspielkunst geachtet.

    Mit 3D wird das gleiche entstehen - "die Massen" werden zu 3D strömen weil es so viel besser vermarktet wird - auch wenn der Vorteil für mich als Zuschauer 0 ist.

    Sicherlich wird 3D in manchen Orten nützlich sein - 3D Render für Ingenieure zum Beispiel - aber das sind spezielle Anwendungen.

    Was mich aber mehr aufregt - plötzlich wird 3D in alles Hinein gestopft... warum braucht ein Notebook ein 3D Display? Soll ich in 3D ein Word Dokument tippen? Und wie soll mir 3D bei einem normalen Photo bei der Bearbeitung helfen?

  3. ... rettet den Artikel. Davor las es sich eher wie ein Werbetext der Filmindustrie.

  4. Bislang sind die meisten Menschen, die Kino lieben und die das Medium Film als die ästhetische Revolution des 20. Jahrhunderts begriffen haben, mit der Vielzahl der künstlerisch inszenierten Film durchaus zufrieden und auch begeistert. Wenn ich ins Kino gehe, bin ich bei den Filmen, die ich sehe auch ohne optische 3D-Effekte immer mitten im Geschehen, nicht physisch, wie das mit der neuartigen 3D-Technik illusioniert wird, sondern psychisch, inhaltlich und gefühlsmäßig und das tiefe Berührtsein, die psychologische und auch die philosophische Analyse bleibt auch nach dem Ende der Vorstellung in meinem Kopf, manchmal sogar tagelang. Beispielsweise Wim Wenders Film "Lisbon Story hat mich ganz und gar gefangen genommen. Ebenso erwähne ich die "Kinder des Olymp", "La grande Illusion", "in der Glut des Südens" oder zuletzt "Seraphine", wobei ich mir im Prinzip nicht vorstellen möchte, was aus diesen epischen Grundlagen mit stereotaktischer Kamera gefilmt, letztendlich dabei herauskommt. Avatar und all die anderen technisch noch lange nicht perfekten Raumwunderinszenierungen hinterlassen zumindest bei mir einen eher schalen Nachgeschmack. Aber, wenn die Filmemacher jetzt auf diesen D-Zug aufspringen, sollen sie es tun, aber ich erwarte keineswegs irgendwelche mich ganz und gar gefangen nehmenden neuen Aspekte. Hinzu kommt, dass diese neue Technik das Sterben der Programmkinos weiter beschleunigen wird und das ist im Prinzip für keinen Cineasten erstrebenswert.
    1.Teil W. Neisser

  5. man die alte Schule des Filmemachens über Bord wirft und eine neue Generation von Filmemachern mit dieser Technik umgehen lässt.
    Den alten Meistern fehlt meistens die Kreativität, was man mit den neuen Möglichkeiten anstellen kann.
    Siehe Avatar. Das 3D war total überflüssig. Man kann sich den Film ebensogut in 2D anschauen.
    Auch in Computerspielen ergeben sich neue Möglichkeiten für Rätsel und Erzählformen.

  6. Die Medizin gaukelt ihnen vor, ewig leben zu können, mittels Gentechnik nicht mehr krank zu werden, mit Anti-Aging-Methoden "forever young" zu bleiben und jede noch so bösartige Krankheit überstehen zu können. Sie wollen auf den Mond und noch weiter fliegen und die Zeit am liebsten anhalten, aber all das wird nicht funktionieren, genauso wenig wie ein 3D-Akrobatik-Film. In den Museen erleben wir hin und wieder großartige kinetische Inszenierungen, wie zuletzt bei Olafur Eliasson im Berliner Gropiusbau die Spektralröhre oder die Farbdunsträume, aber wenn man dann hinausgeht, bleibt man oft ratlos stehen und fragt sich, was man denn in jenen Augenblicken so Fundamentales erlebt hat. Nach kurzer Zeit bemerkt man, dass alles nur eine sehr schöne Effekthascherei war, wie beim Riesenlooping in der Achterbahn. Ich brauche keinen Nervenkitzel wie Bungeespringen oder Tieftaucherlebnisse, mir reicht es, wenn meine Wahrnehmung noch so intakt ist, dass ich die wunderbaren Phänomene unserer Welt bewusst und nachhaltig mitbekomme und aufnehme.
    Ich will auch nicht, dass George Clooney im Kino plötzlich neben mir sitzt oder dass einer aus der ersten Reihe über die Bühne ins Filmgeschehen eintaucht und Teil der Handlung wird. Wenn ich lese, geschehen all diese scheinbar so wundersamen und irrealen Momente bei jeder Zeile einer gut geschriebenen Erzählung, es geschieht in mir in meinem Kopf und in meinem Körper. Also sollen alle dem "Avatarismus" frönen, ich bleibe beim Cinema.

    W. Neisser

  7. Selten so gelacht:

    "Seiner Ansicht nach birgt das 3-D-Kino vor allem die Möglichkeit, psychische Bewusstseinsvorgänge darzustellen."

    Genau, weil psychische Bewusstseinsvorgänge sich ja auch in 3D abspielen. Da huschen Farben vor und hinter der Szene, Oh grosser rotierender Würfel der Depression, verschone mich!

    Naja gut, wenn jetzt die Julia Roberts so sagen wir extrem nahe kommt, dann könnte das schon auch gewisse psychische Bewusstseinsvorgänge auslösen.

    Da interessiert mich Wim Wenders Tanzfilm schon sehr viel mehr. Moment mal... mich interessiert wieder ein Wim Wenders Film? Halleluja, das Kino scheint tatsächlich gerettet!

    Eine Leserempfehlung
    • tinaha
    • 04. Juli 2010 11:15 Uhr

    wie bei vielen bisherigen technischen fortschritten der medialen technik (foto, stereografie, film, 8mm, VHS, DVD, HD-streaming) wird der fortschritt im bewegten 3d-bereich, sofern er denn in den zuhausen und büros angekommen ist, durch den großen wirtschaftszweig der erwachsenenunterhaltung beflügelt werden. wenn das keine aussichten sind.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Wim Wenders | Pina Bausch | Film | Alfred Hitchcock | Animationsfilm | Avatar
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