Film "London Nights" Der Zufall soll uns leiten

Buntes Treiben im Zauber der Nächte: In Alexis Dos Santos' Film "London Nights" verlieren und finden sich junge Post-Hedonisten in London.

Es gab schon mal einen Film über eine Multikulti-WG. Barcelona für ein Jahr hieß der: der Franzose Xavier ging für ein Erasmusjahr nach Spanien und erlebte vom Mentalitätsclash im Kühlschrank bis zu den Vokabelproblemen am Küchentisch alles, was einem so passiert, wenn man jung ist und in eine fremde Stadt kommt. Er taumelte ein wenig zwischen Heimweh und Sangria-Seligkeit, aber haupsächlich hatte er Spaß und binationalen Sex.

Vielleicht liegt es an den knapp zehn Jahren, die Barcelona für ein Jahr von Alexis Dos Santos' Film London Nights trennen, dass der kleine spanische Wuschelkopf (Fernando Tielve), der nun durch London stolpert, so ganz andere Dinge erlebt.

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Axl heißt er, und dass er in einer WG in einem alten Lagerhaus strandet, ist äußerst ungewöhnlich für ihn, denn normalerweise schläft er keine zwei Mal im selben Bett. Er lässt sich mitnehmen von den Bekanntschaften der Nacht, und wenn er am Morgen aufwacht, hat er vergessen, wie er hergekommen ist und was er über sich erzählt hat, als der Alkohol seine Zunge gelockert hat.

Er huscht durch die Hintertür davon, auf der Suche nach der Gesellschaft von anderen Fremden, die ihn auch nicht halten werden. Eigentlich sucht Axl seinen Vater, der gar nicht weiß, dass er ihn gezeugt hat. Doch als er ihn schließlich findet, einen grundsoliden Immobilienmakler, scheut er davor zurück, Teil dessen oder überhaupt irgendeines Lebens zu werden.

Die Figuren aus London Nights erinnern an die des Generationenromans Leuchtspielhaus, der ebenfalls in London spielt. Diese Youngster sind irgendwie hipp, irgendwie arty und stehen immer so sehr über den Dingen, dass nichts an sie heranzukommen scheint.

Sie bannen ihre Begegnungen mit der Kamera auf Polaroid und machen sie damit zu Kunst, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die großen Fragen der Zeit sind für sie irrelevant; es geht um das Jetzt an sich, um den puren Moment zwischen Happening und Indiemusik. Sie geben ein paar bedeutungsvolle Sätze von sich ("What am I doing here?"), um dann noch bedeutungsvoller zu schweigen. Wirklich glücklich wirken sie dabei nicht. Aber auf der Suche nach Glück scheinen diese Post-Hedonisten auch gar nicht mehr zu sein.

Vera (Déborah Francois), Axls Gegenpart, ist auch so ein Fall, ihr Gesicht zwischen den Kinderzöpfen ist von zarter Zerbrechlichkeit. Die Liebe hat sie verletzt, also flieht sie die Liebe, hängt ihr höchstens noch ein letztes Mal melancholisch nach, wenn sie eine kitschige Langspielplatte hört, bevor sie dem nächsten Mann, dem sie begegnet, das Versprechen abnimmt, ihr seinen Namen nicht zu verraten. Seine Zärtlichkeit berührt sie; dennoch umarmt Vera ihn nur an zugigen Straßenecken und in anonymen Hotelzimmern. Für jedes weitere Treffen bestimmt sie nur vage Zeit und Ort. Sie überlässt es dem Zufall, ob er sie erneut zusammenzuführen wird im bunten Gewühl von Soho.

Leser-Kommentare
    • yhamm
    • 13.08.2010 um 21:19 Uhr

    fände ich an sich schon von einem "Flachland" ("plain") aus doch sehr schwierig. Da muss es nicht immer an den Personen liegen...
    Von einem "plane" aus wäre es doch sehr viel einfacher!

  1. ... wegen diesem Film habe ich eines der schönsten Kinos Londons vorzeitig verlassen. Das Falschirmende habe ich dementsprechend nicht gesehen.

    Es ist ein voller ernst schauender, belangloser Personen, ein posterasmus postmodernitätsmärchen - nur, dass Märchen eine richtung und ein Ziel haben, dieser Film nicht.

    Natürlich kann man all dies, wie Inge Kutter es tut, auf eine seidig glänzende Methaebene heben, und behaupten, es sei Absicht des Filmes genau diese Belanglosigkeit darzustellen. Ich weigere mich das zu glauben. Der Film ist ganz durchtränkt von der abgeklärten Ironie seiner Figuren, von ihrer, hinter unsicherem Lächeln eiseren coolness unter dem Wuschelhaar. Und dahinter steht eine verdammte Seriösität, ein schrecklicher, arroganter Ernst.

    P.S.: Wer einen schönen Film über ebendiese Menschen sehen will, dem empfehle ich Xavier Delons "Heartbeats" (http://eingewisserblick.t...)

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