Zum Tod von Claude Chabrol "Bilder, die mir nicht aus dem Kopf gehen"
Hanns Zischler drehte 1990 mit Claude Chabrol die Fritz-Lang-Hommage "Dr. M". Im Interview erinnert sich der Schauspieler an die Zusammenarbeit mit dem Regiegenie.
ZEIT ONLINE:
Herr Zischler, worin unterschied sich Claude Chabrol von anderen Regisseuren?
Hanns Zischler:
Er folgte einem gallischen Hedonismus. Bei Dreharbeiten isst man normalerweise nicht besonders gut, aber Chabrol bestand auf ein gutes Mittagessen mit Wein. Das war sehr auffällig und wohltuend. Für ihn war das die Voraussetzung für ein normales Zusammensein. Man kommt ja auch besser miteinander aus, wenn man gut isst.
ZEIT ONLINE:
Es wurde immer gesagt, er habe ein sehr gutes Verhältnis zu seinen Schauspielern gepflegt. Können Sie das bestätigen?
Zischler:
Er war ein ausgesprochen herzlicher Mensch und sehr unterhaltsam. Er konnte eine außerordentlich gute Stimmung verbreiten. Und er hatte eine geradezu unfassbare Kenntnis der Cinematografie. Ich kenne niemanden, der so viele Filme gesehen hat und von so vielen Filmen begeistert sprechen konnte wie Chabrol.
ZEIT ONLINE:
Welche Filme haben ihn am meisten begeistert?
Zischler:
Das klassische amerikanische Kino, der Stummfilm, auch der französische und Fritz Lang. Neben Hitchcock war Lang ihm ein richtiger Abgott.
ZEIT ONLINE:
War der Film
Dr. M
, eine Hommage an Fritz Lang, Claude Chabrol eine besondere Herzensangelegenheit?
Zischler:
Ja, das nehme ich an, es kommen viele Langsche Motive darin vor. Es ist ein düsterer Film, eigentlich ein sehr untypischer Chabrol-Film.
ZEIT ONLINE:
Inwiefern?
Zischler:
Er hat mit deutschen und englischen Schauspielern gearbeitet und in Berlin gedreht, an Orten, die nicht seine traditionellen Orte sind. Im Grunde war Chabrol ein Nachfolger von Balzac. Er sagte: "Die Provinz hat alle Geschichten, die ich brauche."
ZEIT ONLINE:
Ist das vielleicht der Grund, warum
Dr. M
sowohl unter Kritikern als auch beim Publikum kein Erfolg wurde?
Zischler:
Ich glaube, der Film war ihm ein Fremdling. Aus Liebe zu einem Autor oder zu einem Regisseur heraus muss man nicht immer zu Höchstleistungen gelangen. Chabrol war stärker in den Filmen, in denen er Entdecker der Geschichten war, dieser kleiner bösen Geschichten aus dem Alltag, die in der französischen Provinz – und natürlich auch andernorts – stattfinden.
ZEIT ONLINE:
Chabrol sagte, sein Geheimrezept sei, möglichst viel zu drehen. "Wenn dann mal was daneben geht, hat das nicht so viel Gewicht wie bei einem Regisseur, der nur alle fünf Jahre einen Film macht." Hat er Misserfolge wie
Dr. M
tatsächlich so locker genommen?
Zis
chler:
Ich glaube, das war nicht nur Koketterie. Meines Wissens konnte er sich immer gewiss sein, dass er drehen konnte. Zu wissen, dass ich meinen nächsten Film finanzieren kann, ist natürlich ein unglaublicher Luxus. Denn es geht ja immer um den nächsten Film. Von daher konnte er auch sagen: 'Das war jetzt kein perfekter Film, da ist etwas schief gelaufen, aber der nächste wird wieder gut.'
- Datum 13.09.2010 - 18:14 Uhr
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Als Filmliebhaber, das Wort erscheint geeigneter als das künstlich und affektiert wirkende "Cinephiler", baut man sich ein Ranking der Meisterregisseure in der Filmgeschichte auf, jeder natürlich nach seinem Geschmack, aber Chabrol ist wahrscheinlich immer unter den üblichen Verdächtigen. Für mich war es natürlich auch Fritz Lang, aber ebenso Renoir, Saura, Welles, Chaplin, Truffaut, Tarkowski und natürlich ganz vorne Chabrol. Ohne Chabrol ist für mich die präzise Sezierung und Entlarvung der bürgerlichen Klasse - vor allem in Frankreich - nicht denkbar.
Andere haben auch sehr gute Filme über diese Themenbereiche abgeliefert, aber Chabrol war der intelligenteste, überzeugenste und realitätsgetreueste Filmemacher, der sich der maroden Innenwelt des Bürgertums angenommen hat. Wer sich das Leben hinter den Fassaden in den begüterten Vierteln unserer Städte nicht vorstellen konnte, brauchte sich nur einen Film von Claude Chabrol anzuschauen und er erfuhr Dinge, die man sich kaum vorzustellen wagte. Gewiss hat Bunuel auch mit Luzidität die Bourgeoisie entblößt, aber bei ihm merkte man immer, dass er sehr stark vom Dada und Surrealismus beeinflusst war. Chabrol aber lockte den Zuschauer in eine "grausame" Realität, die sich dann ebenso surrealistisch entpuppen konnte. Meine Favoriten waren "Der Schlachter", "Biester" und die "Fantome des Hutmachers".
Glücklicherweise fügt es sich aber, dass sein gnadenloser Blick auf die Welt der Bürger in neueren Filmen weiterlebt.
W.Neisser
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