Film "Rückkehr ans Meer"Die andere Schwangere

François Ozons "Rückkehr ans Meer" erzählt von einer schwangeren Drogenabhängigen auf der Suche nach sich selbst. Ein sensibler Film über den Mutterinstinkt. Von K. Decker von Kerstin Decker

Der Bauch im Zentrum von allem: Isabelle Carré (li.) und Marie Rivière

Der Bauch im Zentrum von allem: Isabelle Carré (li.) und Marie Rivière  |  © Arsenalfilm

François Ozon, der Männerliebende, ist ein Frauenregisseur, das weiß man spätestens seit seinem Film 8 Femmes. Seit Rückkehr ans Meer wissen wir noch mehr: Ozon ist ein Regisseur der Mütter. Sein letzter Film Ricky handelte von einem fliegenden Baby – das war nicht ganz geschmackssicher; bildsicher dagegen, im Ernsten wie Komischen, ist Ozon immer, mitunter auf eine beinahe magische Weise. Und was da flog, war nicht zuletzt die Allegorie des – ja, sollen wir sagen – Mutterinstinkts?

Der Mutterinstinkt hat im Augenblick beim Europarat einen schweren Stand, erst in der letzten Woche hat dieses hohe Gremium schließlich erkannt, dass es sich bei dem Wort "Mutter" in Wahrheit um eine sexistische Herabwürdigung handelt, weshalb Ämter künftig nicht mehr Mutter oder Vater, sondern besser "das Elter" sagen sollten. Wir leben demnach in einer Endzeit. Endzeiten brechen immer dann an, wenn hoch spezialisierte Klugheit in vollendete Idiotie umschlägt. Da hilft manchmal nur noch das Kino.

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"Ich habe schon oft die Mutterschaft thematisiert, aber noch nie speziell die Schwangerschaft beobachtet", sagt Ozon und war sehr erfreut, als eine befreundete Schauspielerin ihm mitteilte, sich in diesem für sie neuartigen Zustand zu befinden. "Machen wir einen Film!", schlug er sofort vor – und bekam eine Absage. Nun begann seine Agentur, ihm andere schwangere Schauspielerinnen zu melden. Das Ja, auf das er schließlich von Isabelle Carré wartete, war ein sehr zögerliches. Ozon hatte es geahnt: Schwangere sind anders. Und wie anders anders sind drogenabhängige Schwangere?

Mit Rückkehr ans Meer stellt Ozon den Mutterinstinkt am Beginn des 21. Jahrhunderts auf die Probe. Diese Zeitangabe ist wichtig, denn was in den letzten 100 Jahren geschah, ist nichts weniger als eine stille, in ihrem Ausmaß noch gar nicht erfasste Revolution. Bis dahin galt: Alles an der Frau ist ein Rätsel. Alles an der Frau hat eine Lösung: die Schwangerschaft! Dass Frauen einmal nicht mehr gleichsam wie von selbst schwanger werden würden, schien schlechthin nicht vorstellbar. Bei Ozon ist dieser "Paradigmenwechsel", um es oberseminartauglich zu formulieren, längst vorausgesetzt. Jetzt lautet die Frage: Was kann eine Frau dazu bringen, ihr Kind auszutragen?

Natürlich geht kein Mensch ins Kino, um über den Geisteszustand des Europarats nachzudenken. Aber das ist auch nicht nötig. Denn Ozons Film schließt uns vom ersten Augenblick an mit ein. Schmerzlichere, entblößtere, gewalttätigere Bilder einer Drogenabhängigkeit sah man selten und dennoch gewahrt man, durch den Rausch, die Not hindurch, die Liebe eines Paars. Der Mann stirbt, Mousse (Isabelle Carré) ist allein. Sie wird ein Kind bekommen, zumindest wenn sie nicht auf den dringenden Rat ihrer "Schwiegermutter" hört, es abzutreiben. Wie andere Schwiegermütterratschläge provoziert auch dieser die Entscheidung dagegen. Da ist etwas von dem Mann, den sie liebte, das wird weiterleben.

Mousse fährt in ein Haus am Meer, flüchtet sich in eine tiefe Vereinsamung und wartet ab, was mit ihr geschieht. Eine Schwangere hat nicht mehr die ungeteilte Befehlsgewalt über sich, ihr Bauch regiert mit. Ozon hat keine Angst vor Isabelle Carrés Bauch, im Gegenteil: "Ich sagte Isabelle gleich zu Beginn: Ich will deinen Körper erotisieren, deinen Bauch. Er muss sehr präsent sein, sichtbar. Ich werde ihn filmen, ihn liebkosen, er ist das Thema des Films." Ozon tut genau das.

Mousse selbst – sie trinkt ihr Metadon wie Hustensaft – macht das nicht. Diese Mousse lebt in einer Zwischenzeit, sie hat nicht nur ihren Freund, sondern auch sich selbst verloren, wie sollte sie da Zärtlichkeit haben für das, was in ihr wächst? Man könnte sagen, diese Mousse benimmt sich wie ein "Elter". Auch erträgt sie die spontane, ihrer Rundung geltende Zuwendung von Fremden nicht. Und dann findet sie der Bruder des Mannes, den sie liebte, in ihrer Zuflucht am Meer …

Ein schöner, sensibel beobachteter Ozon-Film, der um keine Nuance betrügt. Vor allem nicht um das Wissen, dass der Mutterinstinkt viel weniger Instinkt als ein hoch empfindliches Welteinverständnis ist.

Erschienen im Tagesspiegel.

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