Die Schauspielerinnen Karoline Herfurth, Nina Hoss und Jennifer Ulrich (v.l.) als Vampire in "Wir sind die Nacht" © Constantin

ZEIT ONLINE: Herr Gansel, eine der ältesten Vampirgeschichten der Welt, die Novelle Carmilla , handelt von einem weiblichen Vampir. Auch der wohl erste längere Vampirfilm, der je gedreht wurde, Vampyrdanserinden von August Blom, erzählt die Geschichte eines weiblichen Vampirs. Das Genre, so scheint es, war ursprünglich durch weibliche Protagonisten geprägt. Warum gab es trotzdem über Jahrzehnte nur männliche Vampire im Kino?

Dennis Gansel: Von Carmilla habe ich mich inspirieren lassen – die ältere Gräfin, die in Kärnten das jüngere Landmädel kennen lernt. Vielleicht waren die männlichen Vampircharaktere einfach stärker und die weiblichen wurden auf das erotische Element reduziert. In Dracula zum Beispiel sind die drei Frauen auch nur nettes Beiwerk. Was für mich völlig unverständlich ist. In unserem Drehbuch waren die Vampire von Anfang an weiblich.

ZEIT ONLINE: Warum?

Gansel: Ich bin ein Fan starker Frauenfiguren. Im deutschen Kino sind diese bisher zu kurz gekommen. Sicher, es gab Lola rennt , aber Frauen in Actionfilmen? Das hat bisher nur Luc Besson richtig gewagt. Nehmen Sie Nikita oder Léon – Der Profi – das sind Filme mit tollen Frauencharakteren. Diese Kombination aus Schönheit, Zerbrechlichkeit und dem Abgrund dahinter, finde ich reizvoll. Im Fall der Vampire kommen dann noch die übernatürlichen Kräfte hinzu. Die Amerikaner haben ihre Superhelden, Europa hat seine Vampire und Werwölfe, und wir Deutschen haben den Vampirfilm wenn nicht erfunden, dann mit Nosferatu doch maßgeblich geprägt. In der Filmhochschule haben wir uns viele dieser Stummfilme wie auch Der Golem oder Metropolis angesehen – die sind alle hier entstanden. Für mich ist die Entscheidung für einen weiblichen Vampir völlig stimmig.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich männliche Vampire aus Ihrer Sicht von weiblichen?

Gansel: Sie sind gefühlsbetonter. Der männliche Vampir ist oft gefühllos – wenn man von Brad Pitt als Louis in Interview mit einem Vampir einmal absieht. Er ist der Herrscher, geprägt vom aristokratischen Vorbild, der sich jede Frau nimmt, und sie durch den Biss metaphorisch entjungfert. Der weibliche Vampir hat eine Gefühlswelt. Die Vampire in Wir sind die Nacht wollen geliebt werden.

ZEIT ONLINE: Und vor welcher Ihrer drei Darstellerinnen haben Sie sich am stärksten gefürchtet? Max Schrecks schauspielerische Leistung in Murnaus Nosferatu war einst so beeindruckend, dass gemunkelt wurde, er sei wohl tatsächlich ein Vampir.

Gansel:Nina Hoss hat mich sehr beeindruckt. Sie hat dieses aristokratische Wesen. Wenn sie spielt, spürt man bei ihr die Jahrhunderte. Als ich sie das erste Mal traf, war sie Anfang Zwanzig, aber schon damals wirkte sie viel älter. Nicht wegen ihres Aussehens – sie hatte schon immer ein altes Wesen. Hätte sie mir damals gesagt, sie sei seit 300 Jahren auf der Welt, hätte ich ihr das geglaubt.

ZEIT ONLINE : Der Entwurf zu The Dawn – der ersten Version von Wir sind die Nacht – entstand 1996. Es gibt zwei Versionen, was Sie inspiriert haben soll: eine Nacht im Berliner Techno-Club Tresor und ein düsteres Foto Ihrer damaligen Freundin. Welche Geschichte stimmt?

Gansel: Beide. Nach einer unglaublichen Nacht im Herbst 1996 im Tresor bin ich nach Hause gelaufen, durch die Gegend am Schlesischen Tor. Damals standen überall am Fluss Fabriken. Ich fand es unfassbar, dass in einer Millionenstadt in bester Lage derart heruntergekommene, verlassene Gebäude stehen, in denen alles passieren kann. Zuhause wartete meine damalige Freundin auf mich. Sie zeigte mir Fotos, die sie von sich hatte machen lassen. Die Bilder waren falsch belichtet, aber sexy und sehr düster. Da dachte ich: Ich muss einen Vampirfilm machen. In dieser Stadt.

ZEIT ONLINE: Trotz Ihrer Begeisterung für das Thema haben Sie Ihre Hauptdarstellerin Nina Hoss elf Jahre warten lassen, bevor Sie den Film gedreht haben. Warum hat das so lange gedauert?

Gansel: Das Drehbuch war 1998 fertig. Im Februar 1999 traf ich Nina Hoss – es existierte bereits die vierte Drehbuchfassung – und sagte zu ihr, Nina, halte deinen Terminkalender frei. Wir drehen im Herbst! Sie hat geschmunzelt. Sie ahnte wohl schon, dass das so schnell nichts wird. Ich war 26 Jahre alt und voller Enthusiasmus. Vermutlich hat sie das Ganze realistischer gesehen, weil sie schon deutlich länger in der Branche war.

ZEIT ONLINE: Und was hat Sie daran gehindert?

Gansel: Es gab von Anfang an Widerstand gegen den Film: das Thema Vampire sei nicht deutsch genug. Action war nicht deutsch genug. Letztlich haben wir zehn Jahre lang versucht, für diesen Film eine Finanzierung zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Sind Sie erleichtert, dass es jetzt endlich so weit ist?

Gansel: Wir tragen jetzt eine große Verantwortung. Wenn sich Wir sind die Nacht durchsetzt, dann haben wir ähnlichen Filmen die Türen geöffnet. Vielleicht wird es dann auch einen deutschen Zombiefilm geben.

ZEIT ONLINE: Gibt es bereits. Rammbock ist vor einigen Wochen angelaufen.

Gansel: Aber noch klein und verhalten.

ZEIT ONLINE: Einer der zentralen Punkte Ihres Films ist Fluch und Segen eines ewigen Lebens. Können Sie diese Faszination erklären?