Seit Jahren wird ein toter Dichter nach dem anderen auf die Leinwand gezerrt und den Popcorntütenraschlern im Kinosaal zur Unterhaltung vorgeworfen. Wir hatten schon: Shakespeare, Schiller, Oscar Wilde, John Keats und Jane Austen. Die Zutaten sind immer dieselben: ein bewegtes Leben und eine weiße Perücke. Was herauskommt, ist oft eher lauwarm. Daher befürchtet man schon das Schlimmste, noch ohne Goethe!, den neuen Film über den Dichter, überhaupt gesehen zu haben.

Im Mittelpunkt steht der junge Goethe, der spätpubertierende Stürmer und Dränger. Gerade ist er in Frankfurt durch die Juristenprüfung gefallen, der Vater hat ihn für seine brotlose Dichterei gemaßregelt und zum Praktikum an das Reichskammergericht in Wetzlar verbannt. Dort soll er zwischen staubtrockenen Aktenstapeln einen ebensolchen Beruf erlernen. Doch anstatt sich dem Studium von Paragraphen zu widmen, verliebt er sich.

Natürlich muss es um Liebe gehen, denn darum geht es in solchen Filmen ja immer – ob Shakespeare seine Viola kriegt oder Schiller seine Katharina. Wie die Damen im echten Leben geheißen haben und ob es sie überhaupt gab, ist Nebensache. Goethe! immerhin folgt der Biografie: Charlotte Buff, die Verlobte von Goethes Kollegen Kestner, existierte, und tatsächlich inspirierte die unglückliche Leidenschaft zu ihr (unter anderem) Die Leiden des jungen Werther.

Dass Johann W. ihr allerdings in taufeuchten Blumenwiesen seine Sesenheimer Lieder rezitierte, ist eher unwahrscheinlich: "Ich sah dich und die milde Freude / floss aus dem süßen Blick auf mich", hatte Goethe bereits für ihre Vorgängerin Friederike Brion geschrieben. Aber griffige Zitate aus dem Werk, die der Bildungsbürger wiedererkennen kann, sind in solchen Filmen nun mal ein Muss. In Shakespeare in Love etwa seufzt Viola "Es war die Eule und nicht der Hahn" – eine Reminiszenz an den bekanntesten Vers aus Romeo und Julia.

Wie seine Vorgänger hat auch der Goethe!-Regisseur Philipp Stölzl nahezu alles aufgefahren, was das 18. Jahrhundert an Requisite zu bieten hat: Lederhosen und Leinenhemden, Heuwagen und Burgtürme, graues Pflaster und weiße Hausgänse. Dazu viel Schweiß, Tränen und Tintenflecke. Fröhliche Streicherklänge begleiten die Kutsche nach Wetzlar, über sanfte grüne Hügel und durch spritzende Pfützen.

Doch irgendwie beginnt das alles, Spaß zu machen. Vielleicht, weil die weichgezeichneten Bilder in ihrer Komposition an die Gemälde Caspar David Friedrichs erinnern. Die Landschaft wird zur Kulisse, wenn Johann und Lotte einander wie auf einer Bühne mitten im Feld entgegenfahren. Auch die Sprache hat Stölzl entstaubt. Man hört eine sehr lebendige Mischung aus alten Phrasen und modernem Alltagsdeutsch, die den Film zeitgemäß klingen lässt, ohne ihm seinen Anstrich von Patina zu nehmen.