Gespräch mit Johanna Wokalek "Vielleicht ist man zu zweit freier als alleine"

Johanna Wokalek spielt extreme Frauen – auch in ihrem neuen Film, der düsteren Zukunftsvision "Die kommenden Tage". Dabei ist sie ein hoffnungsfroher Mensch, sagt sie.

ZEIT ONLINE: Ihr neuer Film Die kommenden Tage ist eine düstere Vision der Jahre bis 2020: Ein Krieg um Öl bricht aus, Brennstoffe werden knapp, die EU implodiert und macht ihre Grenzen dicht. Glauben Sie, dass es so kommen könnte?

Johanna Wokalek: Ich bin eher optimistisch hoffend. Vielleicht aus Selbstschutz. Doch die Probleme, die Lars Kraume, der Regisseur, aufwirft, wie die Energieversorgung und die Abschottung vor Einwanderern, sind definitiv Bestandteil unseres Alltags. Die Frage ist: Was tut man? Was tut jeder einzelne von uns?

ZEIT ONLINE: Und? Was tun Sie?

Anzeige

Wokalek: Ich versuche wenigstens im Kleinen, im Alltag etwas zu ändern und kaufe zum Beispiel nur Glasflaschen, weil Wasserflaschen aus Plastik total umweltschädlich sind. Außerdem sind sie sehr ungesund, weil da Weichmacher drin sind. Oder Freunde von mir planen zum Beispiel für ihr Haus Solarzellen. Das finde ich zeitgemäß und notwendig. Unbegreiflich ist doch, was auch in Amerika passiert: Im Sommer war ich dort und unter anderem in Santa Barbara, einem sehr reichen Ort. Die Palmen am Strand, der Botanische Garten, zahlreiche Golfplätze sind gespendet wie man auf entsprechenden Schildern lesen kann. Das Wasser, um alles grün zu halten, wird jedoch vom Colorada-River geholt! Andererseits habe auch ich mich in Las Vegas unter die Dusche gestellt, obwohl die Stadt mitten in der Wüste liegt und der Grundwasserspiegel schon deutlich abgesunken ist.

Johanna Wokalek

Die 35-Jährige studierte am Max-Reinhard-Seminar in Wien und begann ihre Schauspielkarriere 1996 am Theater. Schon kurz danach spielte sie auch in Filmen mit. Für beide Darstellungskünste wurde sie bereits früh ausgezeichnet. So erhielt sie den Alfred-Kerr-Preis (1999), den Bayerischen Filmpreis (2003) für Hierankl und den Bambi (2008) für ihre herausragende Darstellung der Terroristin Gudrun Ensslin im Film Der Baader Meinhof Komplex. Zuletzt hatte sie die Titelrolle in dem Historienfilm Die Päpstin gespielt.

Zum Film "Die kommenden Tage"

Die Welt in den Jahren 2012 bis 2020: Im Nahen Osten bricht erneut ein Ölkrieg aus. Europa endet südlich der Alpen, wo es einen martialischen Schutzwall errichtet hat, hinter dem es keine Gesetze und jede Menge afrikanische Flüchtlinge gibt. In Deutschland herrscht die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten. Eine neue Terrororganisation plant die allgemeine Verunsicherung noch zu vergrößern und so das System zum Einsturz zu bringen. Vor diesem Hintergrund zeichnet der Film die Lebenswege zweier Schwestern nach, Lara und Cecilia (Bernadette Heerwagen und Johanna Wokalek). Um sie entsteht das Porträt einer deutschen Familie der oberen Mittelschicht, in der sich viele der Konflikte der Zeit widerspiegeln: Der Vater (Ernst Stötzner) ist Anwalt und vertritt große Ölkonzerne, die Mutter (Susanne Lothar) versucht, die Familie zusammenzuhalten, was keine leichte Aufgabe ist: Laura, die jüngere Tochter, möchte mit dem Mann, den sie liebt, eine Familie gründen. Cecilia, die ältere Tochter, hängt sich an einen Mann, der sie zum Terrorismus bringt. Der Sohn zieht in den Krieg. Die kommenden Tage ist die erste große Regiearbeit für einen Kinofilm des bereits mit mehreren Fernsehpreisen ausgezeichneten Regisseurs Lars Kraume.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht menschlich, sich von den Problemen dieser Welt nicht immer persönlich betroffen zu fühlen? Im Film haben Sie eine Schwester, Laura. Auch sie sieht sehr lange nicht, wie sich die Welt um sie herum verändert. Sie zieht sich aufs Private zurück.

Wokalek: Das stimmt. Aber der Film schafft es, dass man das als Fehler erkennt. Ich wollte, als ich den Film gesehen habe, Laura wirklich zurufen: Jetzt tu doch mal was!

ZEIT ONLINE: Das ist sicherlich ein Ziel des Films: zu zeigen, wie sich globale Probleme auf unsere eigenen zwischenmenschliche Beziehungen auswirken.

Wokalek : Ja, und zwar zwangsläufig!

ZEIT ONLINE: Sie meinen, wenn die Welt instabiler wird, macht das auch unsere Beziehungen unsicherer?

Wokalek: Die Unsicherheit entsteht, weil sich die Form des Miteinanderlebens in unserer Gesellschaft verändert. Wir können alleine leben. Wir brauchen niemanden mehr, der wirtschaftlich für uns sorgt. Dadurch vereinzeln wir. Diese Einsamkeit ist typisch für unsere Zeit. Die vermeintliche Freiheit, die wir haben, führt zu einer neuen Art Unfreiheit. Vielleicht ist man zu zweit freier als alleine. Und das Ende des Films zeigt ja auch, dass die Liebe vielleicht das Einzige ist, was die Menschen stärker machen kann.

Leser-Kommentare
    • _G_
    • 01.11.2010 um 11:34 Uhr
    1. .....

    das erste was implodieren wird ist mein gehirn, aber vielleicht explodiert es auch.....

  1. Verzichten Sie auf die Verlinkung zu sogenannten Web-Hoax. Danke, die Redaktion/fk.

  2. HI !!!

    Die Einsamkeit des heutigen Menschen fördert eindeutig den Egomanen und Egoisten in uns.
    Dieser Trend ist überall zu sehen... .
    Das einzig "fixe" ist die Familie, die oft genug als Belastung betrachtet wird und oft eben zerrüttet ist.
    Einziger Ausweg aus der sozialen "Isolation" ist quasi eine Partnerschaft, die zur Familie generiert werden kann.
    Aus der "Single - Generation" ist die moderne Familiengeneration entstanden, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken... .
    Selbst ich, als eingefleischter Single denke mit über 50 an eine Familiengründung, und bin auf der Suche...
    Eine bürgerliche Existenz ist eigentlich nur paarweise zu verwirklichen, wenn man "Konventionen", die in der modernen Gesellschaft angesagt sind, ernst nehmen und verfolgen will.
    Selbst in einer Gesellschaft, die noch im Umbruch und von Krieg und Gewalt bedroht ist, ist Verantwortung und Engagement eigentlich selbstverständlich, um sich in die "Society", wie sie ist, einzubringen.
    Also, macht alle Babys und habt euch lieb... !!!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ist wohl nicht ganz ernst gemeint oder? Lieb haben ist nicht so einfach, wie das klingt. Empathie ist dafür erforderlich. Ein Wert, der in erschreckender Weise galoppierend abnimmt. Narzissmus breitet sich wie eine Seuche aus. Man gibt sich gegenseitig Tipps, wie man ohne auszuweichen durch die Stadt kommt; dem Gegner (Entgegenkommer) nicht in die Augen schauen. Wer nicht wegschaut, ist der Verlierer. Und in diese Welt soll man Kinder gebären, deren Bestes man vorgibt zu wollen. Will man wirklich deren Bestes, sollte man alle Romantik bei Seite lassen. Am Besten hat es das Kind, das nicht geboren wird - aber das ist absolut nichts Neues.

    Ist wohl nicht ganz ernst gemeint oder? Lieb haben ist nicht so einfach, wie das klingt. Empathie ist dafür erforderlich. Ein Wert, der in erschreckender Weise galoppierend abnimmt. Narzissmus breitet sich wie eine Seuche aus. Man gibt sich gegenseitig Tipps, wie man ohne auszuweichen durch die Stadt kommt; dem Gegner (Entgegenkommer) nicht in die Augen schauen. Wer nicht wegschaut, ist der Verlierer. Und in diese Welt soll man Kinder gebären, deren Bestes man vorgibt zu wollen. Will man wirklich deren Bestes, sollte man alle Romantik bei Seite lassen. Am Besten hat es das Kind, das nicht geboren wird - aber das ist absolut nichts Neues.

  3. Ist wohl nicht ganz ernst gemeint oder? Lieb haben ist nicht so einfach, wie das klingt. Empathie ist dafür erforderlich. Ein Wert, der in erschreckender Weise galoppierend abnimmt. Narzissmus breitet sich wie eine Seuche aus. Man gibt sich gegenseitig Tipps, wie man ohne auszuweichen durch die Stadt kommt; dem Gegner (Entgegenkommer) nicht in die Augen schauen. Wer nicht wegschaut, ist der Verlierer. Und in diese Welt soll man Kinder gebären, deren Bestes man vorgibt zu wollen. Will man wirklich deren Bestes, sollte man alle Romantik bei Seite lassen. Am Besten hat es das Kind, das nicht geboren wird - aber das ist absolut nichts Neues.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Die Aussagen von Johanna Wokalek über den Film „Die kommende Tage“ und ihre Äußerungen, dass sie ein hoffnungsfroher Mensch sei, diesen Optimismus sollte sie sich bewahren.
    „Ich bin eher optimistisch hoffend. Vielleicht aus Selbstschutz.“
    Wenn man einen Vortrag von Herrn Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Rademacher besucht hat und seinen Worten glauben schenken darf, dann muss Frau Wokalek tatsächlich mit Selbstschutz positiv in die Zukunft blicken.
    Noch im Jahr 2010 lebend - trennen uns laut Aussagen von Experten noch 40 Jahre bis zu einem globalen Choas.
    Viele von uns werden in diesem Jahrzehnt nicht mehr leben, umso wichtiger ist es heute für die nachfolgenden Generationen die richtigen umweltverträglichen Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein Überleben vieler Völker garantieren.
    Durch eine hohe Überbevölkerung und eine zu weitgehende Ressourcennutzung inklusive ernstzunehmender Umweltverschmutzung wird es dank einer hohen Beschleunigung aller Innovationsprozesse im Rahmen der Globalisierung bestimmt nicht angenehm für die Menschen auf der Erde.
    http://www.globalmarshall...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Korrektur
    "Selbstschutz" und globale Entwicklung...

    Korrektur
    "Selbstschutz" und globale Entwicklung...

  5. Korrektur
    "Selbstschutz" und globale Entwicklung...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service