Ralf Westhoff ist vernarrt in Worte. Bis zum beiläufigsten "Ähm" schreibt der Regisseur seinen Protagonisten vor, was sie zu sagen haben. Selbst die Pausen stehen fest. Platz für Improvisation während des Drehs soll da kaum bleiben, sagen Schauspieler, die schon mit ihm gearbeitet haben. Julia Koschitz und Felix Hellmann zum Beispiel. Die beiden waren 2007 dabei, als Westhoff  seinen Überraschungserfolg Shoppen drehte. In seiner neuen Komödie, Der letzte schöne Herbsttag , spielen sie nun die Hauptrollen.

Claire und Leo sind ein Paar. Ein sehr sympathisches, um die 30. Alt genug, es ernsthaft miteinander probieren zu wollen, und jung genug, um aneinander und sich selbst zu zweifeln. Während Shoppen eine Generation kritisierte, die die Liebe nur noch als Konsumgut wahrnimmt, will Westhoff jetzt zeigen, dass es auch Paare gibt, die für eine gemeinsame Zukunft einiges tun wollen. Claire und Leo zum Beispiel.

Was genau das heißt, muss man sich als Zuschauer zusammenreimen, denn man sieht es in nur wenigen Szenen. Die längste Zeit reden die beiden. Nein, nicht miteinander. Mit uns! Westhoff hat Claire und Leo auf einen Hocker der Kamera gegenübergesetzt,  in einer Art pseudo-dokumentarischen Situation. Wir sehen in das Gesicht von Claire oder Leo – niemals gemeinsam – und hören ihnen zu, wie sie auf Fragen antworten, die wir ihnen – so scheint es – eben gestellt haben: "Wie hast du den anderen denn kennengelernt?", "Was magst du am meisten an ihm?". Oder eben später auch: "Wo liegt denn das Problem?"

Sie ringen dann um Worte, suchen, greifen sie mit ihren Händen aus der Luft und schauen uns immer wieder an, wie um sich zu vergewissern, dass wir das alles auch gut verstanden haben. Wie Koschnitz und Hellmann das spielen ist meisterlich. Schon die Längen der Monologstrecken, alle ungeschnitten, sind eine Herausforderung. Sie dann mit Scham, Freude, Wut und vor allem viel Komik zu erfüllen, ist eine Kunst.

Koschnitz und Hellmann kommen beide vom Theater. Das hilft sicherlich bei der Textbeherrschung. Für die dauernde Nahaufnahme ihrer Gesichter hätte es nicht unbedingt förderlich sein müssen. Denn Theaterspieler müssen ihre Mimik für die Kamera sehr zurücknehmen, sonst wirkt die Darstellung völlig überinterpretiert. Leo und Claire hingegen glauben wir alles: seine Enttäuschung, wenn sie Probleme sieht und er nicht. Ihre Angst, dass er keinen guten Eindruck auf ihre Eltern machen könnte. Ihre Selbstzweifel. Seine Ratlosigkeit.

Was Westhoff hier beschreibt, ist nichts Neues: das Auf und Ab einer Liebe. Aber es ist wunderbar genau beobachtet und mit viel Witz in Worte gebracht. Durch den Kniff mit den Einzelgesprächen erreicht er, dass wir nicht nur beiden sehr nahe sind, sondern auch, dass wir das große Dilemma des Kommunikationszeitalters erkennen. In unseren Beziehungen reden wir zwar viel, aber weniger mit- als übereinander. Dabei verraten wir am meisten über uns selbst. Übertreibt sie, wenn sie ihm vorwirft, dass er nur noch durch sie hindurchsehe? Oder sind ihre Sorgen berechtigt, wie beispielsweise die, dass sich in rohem Hühnchenfleisch Salmonellen verstecken? Über die Kloschüssel gebeugt muss Leo erkennen, dass zumindest diese eine Befürchtung nicht übertrieben war. "Du hattest recht" ist eine Erkenntnis, die unbequem sein kann, der wir aber selbst oft genug nicht entkommen.

Bis zum Schluss versuchen Leo und Claire alles, um ihre Liebe zu retten. Man wünscht den beiden dazu nur Gutes – weil man doch selbst irgendwann diese Sache mit der Liebe irgendwie hinkriegen will.