Das Schiff des TorjägersSklavenhändler und Spielervermittler

Die Karriere des nigerianischen Fußballers Akpoborie endete, als bekannt wurde, dass er ein Sklavenschiff besaß. Nun widmet sich ein Dokumentarfilm der Affäre. von 

Das Schiff des Torjägers ausgerechnet dieses Tor. Er werde es "nie vergessen", sagt der Ex-Profi. Die emotionale Bedeutung des Treffers rührt daher, dass der VfL die letzte Station seiner Laufbahn war. Der Zuschauer sieht ihn, wie er durchs alte Wolfsburger Stadion schreitet, wo die Bundesligaelf des VfL schon lange nicht mehr zu Hause ist. Wehmütig blickt Akpoborie ins Rund, die Erinnerungen kommen hoch. Im Hintergrund fängt die Kamera eine große Werbetafel ein: "Gönn dir Waz". Gemeint ist eine örtliche Tageszeitung, die Wolfsburger Allgemeine Zeitung.

Für Außenstehende ist der Kopfballtreffer, den Jonathan Akpoborie für den VfL Wolfsburg gegen den MSV Duisburg erzielte, ganz hübsch, aber längst nicht so bedeutsam wie für den Schützen selbst. Obwohl er 1998 mit dem VfB Stuttgart im Finale des Europapokals der Pokalsieger gestanden und für die nigerianische Nationalelf gespielt hat, erwähnt er zu Beginn der Dokumentation

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Die Karriere des Stürmers endete im Frühjahr 2001 – nicht weil er mit seinen damals 32 Jahren nicht mehr gut genug war, sondern weil er im Verdacht stand, in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen zu sein. Akpoborie war Mitbesitzer der Fähre Etireno, die als Kindersklavenschiff Schlagzeilen machte, nachdem Unicef und Terre des Hommes die Medien aufmerksam gemacht hatten. Der Volkswagenkonzern, Hauptsponsor des VfL und damals kurz davor, die Profifußball-Abteilung des Clubs in seinen Besitz zu bringen, konnte eine derartige Negativpresse nicht gebrauchen. Akpoborie, der die Fähre zur finanziellen Unterstützung für seine Familie in Nigeria gekauft hat, war seinen Job los, bevor ausreichend Licht in die Sache gebracht wurde.

Die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna hat in ihrem Film Das Schiff des Torjägers nun nach mehrjähriger Recherche die Geschichte rekonstruiert – und erzählt sie aus allen Blickwinkeln. Tatsächlich transportierte das Schiff Kinderarbeitskräfte aus Togo, Mali und Benin ins relativ wohlhabende Gabun. Die Passagiere von einst sind bis heute traumatisiert. Andererseits wird deutlich, dass es in Teilen Afrikas eine aus der Not geborene Tradition gibt, Kinder zu verschicken – weil die Familien Vermittlern glauben, ihre Söhne und Töchter könnten in der Fremde Geld verdienen, um die Daheimgebliebenen zu unterstützen.

Im Mittelpunkt stehen neben Akpoborie zwei Jugendliche, die Togolesin Adakou und der junge Nouman aus Benin, die als Kinder auf dem Schiff waren. Specogna hat sie mehrmals in ihren Heimatdörfern besucht. Vor den beiden steht ein Kassettenrekorder, aus dem die Stimme des anderen Gesprächspartners kommt. Mithilfe der Interviews arrangiert Specogna so einen eindringlichen Dialog zwischen zwei Menschen, die sich – so viel ist sicher angesichts der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie leben – nie wieder begegnen werden.

Auch Akpoborie ist in gewisser Hinsicht ein Opfer. Er trägt zwar eine moralische Verantwortung, aber es klingt glaubhaft, wenn er sagt, er habe nichts gewusst von dem Kinderschmuggel, weil er sich in Europa aufs Kicken konzentriert und das Geschäft seinen Brüdern überlassen habe. Als der Fußball-Technokrat Peter Pander redet, der frühere Wolfsburger Manager, tut einem Akpoborie sogar ein bisschen leid. Völlig unbeeindruckt davon, dass Jonny, wie sie den früheren Torjäger nannten, neben ihm bedröppelt dreinblickt, klagt der Ex-Funktionär, dass es nach dem Ausbruch des Skandals "schwer war, ihn zu verkaufen". Das habe man "wirtschaftlich nicht so leicht verkraften können." Specogna kann dankbar sein für diese Sequenz. Besser lässt sich gar nicht veranschaulichen, dass Fußballer, zumal afrikanische, letztlich auch eine Ware sind.

Doch es geht keinesfalls darum, Sympathien einseitig zu wecken. Akpoborie sagt bald darauf, seine eigenen ersten Schritte als Profifußballer außerhalb Nigerias seien mit den Erfahrungen der Kinder der Etireno vergleichbar. Er versucht die Affäre zu verharmlosen, während der Vater des Jungen Nouman sagt, er schäme sich für das, was er seinem Sohn angetan hat, und das Gesicht von Adakous Mutter wie für immer versteinert wirkt.

Specogna fügt die Geschichten sehr subtil zusammen, sie setzt ihre Gesprächspartner so ins Bild, dass sämtliche Sichtweisen – so sehr sie sich auch widersprechen – plausibel werden. Jeder hat hier zumindest ein bisschen Recht. Die Regisseurin bezieht keine Position, es gibt keinerlei Off-Kommentar. Sie unterstreicht damit, wie schwierig es ist, als Europäer den richtigen Ton zu treffen, wenn man eine afrikanische Angelegenheit beurteilt, die von außen betrachtet klar scheint, aber sich von innen als komplex erweist. Specogna greift auch auf, wie präsent das Thema Kinderhandel weiterhin ist. Zu sehen ist, wie auf dem sogenannten Eisenmarkt in der beninischen Hafenstadt Cotonou, wo heute noch ein paar Schrotthändler vom Wrack der Etireno profitieren, Kinder hocken, die auf Metallteile einhämmern.

Leserkommentare
  1. Entschuldigung Herr Martens aber dieser Bericht strotzt so sehr, vor rassistischer Stereotypisierung, dass einem fast schlecht werden könnte.

    Was unterscheidet denn beispielsweise einen Spieler wie
    Uli Borowka, der sein Gnadenbrot einst in der polnischen dritten Liga erhielt von einem Afrikaner, der beispielsweise in der Ukraine oder Russland spielt? Das Fußballer letztlich eine Ware sind ist unsbestreitbar. Der Zusatz "zumal afrikanische" impliziert jedoch, dass afrikanische Fußballer aber noch mehr "Ware" sind als Fußballer aus anderen Regionen der Erde. Was wollen Sie uns damit sagen? Herr Akboborie hat in der Liga ein Schweinegeld verdient, konnte sich artikulieren und wußte worauf er sich einließ. Von seiner Seite ist ist es überaus schäbig, sich nun als Opfer zu gerieren. Ihnen Herr Martens werfe ich es vor, leichtfertig im Subtext eine Analogie von afrikanischer Herkunft und Sklavendasein zu konstruieren. Anders ließe sich Ihre vermeintliche Ironie im Hinblick auf Herr Akbobories Tätigkeit als Spielervermittler kaum nachvolziehen. Ist denn ein schwarzer Personalvermittler, ein schwarzer Headhunter, ein schwarzer Leiter einer Zeitarbeitsagentur oder ein schwarzer Gerichtsvollzieher für Sie von ebensolcher anachronsitischer Ironie behaftet? [...]

    Bitte verzichten Sie auf unsachliche Unterstellungen. Die Redaktion/sh

  2. Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich. Die Redaktion/sh

  3. kurz zuvor nicht auch sehr lange verletzt am Knie?

    Könnte ja auch ein Grund fürs Karriereende gewesen sein.

    Im übrigen: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

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