"Immer Drama um Tamara"Englische Liebschaften

Stephen Frears zeigt in seinem jüngsten Film wieder Menschen, die von ihren Gefühlen getrieben werden. Diesmal hat er daraus eine sehr britische Komödie geschaffen. von 

Kaum steigt ein bildhübsches Mädchen in Hot Pants und rotem Trägerhemdchen über das Weidegatter, knallt dem Mittfünfziger der Korken aus der Sektflasche, die er zwischen die Beine geklemmt hat. Tamara Drewe ist so sexy, dass emotionale Verwirrungen in dem südenglischen Dorf Ewedown nicht ausbleiben können. Stephen Frears widmet sich ihnen in Immer Drama um Tamara mit sehr britischem Humor: ironisch, derb und ein wenig schwarz.

Tamara war einst das hässliche Entlein, jetzt ist sie erfolgreiche Journalistin und dank Nasen-OP auch hübsch. Als sie im Dorf ihrer Kindheit wieder auftaucht, gerät das mühsam kontrollierte Beziehungsgeflecht im Ort außer Kontrolle. Die Vorlage zum Film lieferte die Cartoonistin Posy Simmonds. Ihre kluge und frivole Graphic Novel Tamara Drewe erschien episodenweise im englischen Guardian. Frears nannte die Autorin begeistert die witzigste Britin, die er je getroffen habe, und stürzte sich wohl auch deshalb so enthusiastisch auf den Stoff, weil er genau sein Lieblingsthema behandelt: Was die Liebe und die Triebe mit Menschen anstellen können.

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Letztlich ging es in den meisten von Frears' Filmen darum, von Mein wunderbarer Waschsalon bis Die Queen und Chéri , wie weit der persönliche Wille reicht und wie man andere dazu bringt, zu tun, was man will. In seinem Glanzstück Gefährliche Liebschaften von 1988 gaben sich die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont ihren Gefühlen – den egoistischen und den niederen – mit Leidenschaft hin. Ihre menschlichen Abgründe wurden vom Brokat und der Seide der Kostüme des 18. Jahrhunderts ummäntelt. In Immer Drama um Tamara gibt die Landschaft den üppig-schönen Rahmen für die Gemeinheiten ab, die sich die Menschen dort antun: Die Hügel um Ewedown wellen sich makellos, Heckenrosen säumen die Wege, selbst die Kühe scheinen friedvoller als sonstwo zu grasen.

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Bis auf wenige Kniffe hat sich Frears an Simmonds Vorlage der Tamara gehalten. An manchen Stellen sieht man das Comichafte noch durchschimmern. Die Filmfiguren wirken wie überzeichnet. Allen voran Gemma Arterton, das Ex-Bond-Girl mit den Kurven und den dunklen Locken, als Tamara. Weder Frears noch Arterton scheren sich um ein filigranes Herausarbeiten von Handlungsmotiven oder Gefühlen. Tamara verliebt sich, steigt mit einem Mann ins Bett, nimmt sich den nächsten und dann noch einen. Was von einem zum anderen führt, ist kaum zu erkennen.

Ihr Gegenentwurf ist Beth Hardiment, die Frau des Bestsellerautors Nicholas Hardiment, mit dem sie zusammen ein Schriftsteller-Refugium am Dorfrand leitet. Sie ist die Nette, die sich betrügen lässt und dennoch still weiterhin nur backt, den Garten umgräbt und allen anderen hilft, wo sie kann. Tamsin Greig spielt diesen weiblichen Fußabtreter überzeugend enervierend. Neben ihr liefert noch ihr unbelehrbarer Mann (Roger Allam) eine nennenswerte schauspielerische Leistung ab. Alle anderen Männer sind nur gut gebaut (Luke Evans als Naturbursche), cool (Dominic Cooper als Rockmusiker) oder Amerikaner (Bill Camp als erfolgloser Autor).

All diese Charaktere blieben wohl merkwürdig starr, wenn nicht die Handlung die Bilder vor sich herjagte. Immer skurriler verknäulen sich die einzelnen Stränge und führen – so vorhersehbar einzelne von ihnen sind – zu einem unerwarteten Finale. Es ist der Stoff, der für die ganze Wirkung im Film sorgt. Schon Frears Comic-Vorlage hatte sich dazu einer noch viel älteren Quelle bedient: des 1874 erschienen Buches Am grünen Rand der Welt des englischen Romanciers Thomas Hardy. Der feierte damit einst seinen ersten großen literarischen Erfolg. Auch wenn der Film nur noch lose an Hardy anknüpft, spürt man doch die Komplexität eines ganzen Romans. Es geht um das Unabhängigkeitsstreben einer intelligenten jungen Frau, um ihr Suchen und Scheitern und, ja, irgendwann auch um die Liebe.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Stephen Frears | Film | Drama
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