Allem kann ich widerstehen, flachste Oscar Wilde, nur der Versuchung nicht. In diese Zwickmühle schickt Massy Tadjedin die Figuren ihres Regiedebüts. Sie erzählt das Wildesche Paradox neu anhand einer Geschichte über die Ehe und die Versuchungen, derer Mann und Frau sich erwehren müssen. Es ist eine Geschichte über Liebe und Eifersucht, Treue und Täuschung.

Last Night erstreckt sich über zwei Nächte. In der ersten Nacht werden die Bande geknüpft, die sich in der zweiten Nacht zuschnüren. Alles beginnt mit einer Firmenfeier, auf der Joanna Reed (Keira Knightley) die attraktive Arbeitskollegin (Eva Mendes) ihres Mannes (Sam Worthington) kennenlernt. Joanna fürchtet, ihr Mann könnte an der Kollegin Gefallen finden. Am nächsten Tag fährt ihr Mann just mit ebendieser Kollegin auf Geschäftsreise. Wird ihr Mann ihr treu bleiben? Während sie sich über dieser Frage den Kopf zerbricht, läuft sie ihrem Ex-Freund (Guillaume Canet) über den Weg. Die beiden verabreden sich zum Essen – und plötzlich kommt Joanna selbst in Versuchung.

Ist auch eine makellose Beziehung nicht vor dem Vertrauensbruch gefeit? Tadjedin nimmt ihren Versuch über die Versuchung mit einem Vorzeige-Ehepaar in Angriff: Die Reeds sind seit drei Jahren verheiratet, verliebt wie ehedem und obendrein erfolgreich im Beruf. Sie ist Mode-Journalistin, er arbeitet in einer Immobilienfirma. Ihre Wohnung im Greenwich Village in Manhattan gäbe glatt etwas für ein Lifestyle-Magazin her.

Fürs Auge sind auch die Darsteller. Keira Knightley muss sich einmal nicht in historische Mieder zwängen: Die spätestens seit ihrem oscarnominierten Part in Pride & Prejudice auf Kostümkino abonnierte Britin spielt im kurzen Schwarzen befreit auf. Wird die Frau fremdgehen? Das Verlangen steht Knightley ins scharfwangige Gesicht geschrieben.

Auch für Sam Worthington bedeutet Last Night eine willkommene Abwechslung. Musste der Australier in Avatar und Terminator Salvation in erster Linie gegen die Technik bestehen, belegt er nun, weshalb er in seiner Heimat 2004 den nationalen Filmpreis gewonnen hat. Worthington strahlt auch ohne seinen Avatar eine starke Präsenz aus; vor allem gelingt es ihm, mit nuanciertem Spiel ein Problem des Films fast vergessen zu machen: Warum sollte ein Mann eine Ehefrau, wie sie Keira Knightley verkörpert, überhaupt betrügen wollen?

Die Regisseurin Tadjedin ist in Teheran geboren und in den USA aufgewachsen. Die Idee, nur einen ganz kurzen Ausschnitt eines Lebens im Detail auszuleuchten, könnte dem Einfluss des iranischen Kinos und dessen Affinität zum Neorealismus geschuldet sein. Mit Hollywood hat Tadjedin trotzdem mehr am Hut: Last Night wirkt in seiner Durchgestyltheit wie eine ausgedehnte Episode aus New York, I Love You . Die Kamera kurvt des Nachts um die schönen Ecken Manhattans, Lichtkleckse lassen die Straßenschluchten schimmern, es wird im teuren Restaurant gefilmt, genauso im Schwimmbecken eines Nobelhotels, und für den Showdown trägt Tadjedin das Equipment auf die Dachterrasse eines Wolkenkratzers.

Das ist alles schön, aber auch gut. Tadjedin trödelt nicht in den hübschen Bildern herum, sie beweist Sinn für Dramaturgie. Wie Joanna die Nacht mit ihrem Ex verbringt, wird in einer Parallelstruktur dem Tun und Lassen ihres Mannes gegenübergestellt. Die Handlungsstränge sind geschickt gegeneinander montiert, die Spannung steigert sich fast wie im Krimi.

Wohlgemerkt: Last Night i st kein Revolutionary Road , keine Beziehungsauslotung mit sozialkritischem Überbau. Tadjedin stellt den Lifestyle ihres Musterehepaars nie zur Disposition; sie hat aus der einfachen Ausgangslage ein stimmiges romantisches Drama entwickelt, an das man sich auch am Morgen danach gerne erinnert.