Film "Plein Sud" Gefühle im Dunst
"Plein Sud" zeigt die Gefühle vier junger Menschen so verlangsamt, dass sie stillzustehen scheinen. In den besten Momenten erzeugt das Roadmovie damit eine poetische Ruhe.
In der ersten Einstellung von Plein Sud sieht man die verschwommenen Bilder auf dem Monitor eines Ultraschallgeräts. Dann den desinteressierten Blick von Léa. Und wenn sie abtreiben wolle? "Willst du dein Herz töten?", antwortet die Ärztin aus dem Off. Es ist der jungen Französin erst einmal egal.
Begehren und Verachtung sind die Pole, zwischen denen der Regisseur Sébastien Lifshitz Plein Sud im Stile eines Roadmovies über die Leinwand driften lässt. In gelben und braunen Tönen, minimal bis lethargisch, vom französischen Norden bis in die spanische Provinz.
Er erzählt die Geschichte des melancholischen Sam, der sich aufgemacht hat, seine nach 20 Jahren aus der Psychiatrie entlassene Mutter zu besuchen - und zu erschießen. Mit jenem Revolver, mit dem sich sein Vater einst das Leben nahm. Die Tat trieb die Mutter in den Wahnsinn und machte Sam und dessen Bruder zu entwurzelten Waisen.
Auf dem Weg gabelt Sam nun die lolitahafte Léa und deren Bruder Mathieu auf. Beide verknallen sich in Sam. Von beiden will dieser nichts wissen. Als Léa in einem Einkaufszentrum den Kleinstadt-Macho Jeremie einlädt mitzukommen, entspannt sich ein Spiel aus Versuchung, Zurückweisung und Gleichgültigkeit.
Sams alter Ford rollt durch ein Frankreich ohne Menschen. Die Straßen im spätsommerlichen Licht sind verwaist. Mathieu nimmt die Fahrt mit einer Videokamera auf. Beständig wechselt der filmische Blick. Immer ist er distanziert. Der Eros vermittelt sich als Mangel. In wiederkehrenden Rückblenden erzählt Lifshitz die Traumata der Vergangenheit und lässt sie auf den im Gegenlicht verschwimmenden Einstellungen der Landschaft nachglühen.
Sein Film "spiele mit den Codes des Western", sagt Lifshitz. Er habe dabei eine unwahrscheinliche Begegnung von französischer Erzählung und einer tradierten amerikanischen Ästhetik ermöglichen wollen. Dass diese Begegnung so unwahrscheinlich nicht ist, zeigte die frühe Begeisterung der Nouvelle Vague für Howard Hawks und Alfred Hitchcock.
Doch während der Protagonist des amerikanischen Western immer auch ein Held mit einer Mission ist, erinnert Sam eher an den jungen Jean-Paul Belmondo in Außer Atem . Ein junger Mann ohne jedwede Koordinaten. Verloren zwischen der Erinnerung und dem Hier und Jetzt.
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An der Atlantikküste kommt es dann doch einmal zu einer Art von Nähe. Mathieu verführt Sam am Strand. Die beiden schlafen miteinander. Am nächsten Morgen vereinzeln sie sich ebenso schnell wieder, wie sie zueinander gefunden haben. Die Kamera zeigt herangespültes, in der Sonne verdorrtes Strandgut. Die Wellen brechen sich am Strand. Ihr Rauschen untermalt die Bilder.
- Datum 14.12.2010 - 11:59 Uhr
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