Je älter ein Mensch wird, desto näher rückt seine Vergangenheit. Immer schlechter kann sich Konrad (Gerard Depardieu) daran erinnern, was er vor ein paar Minuten getan hat. Doch je mehr die Leistungsfähigkeit seines Kurzzeitgedächtnisses abnimmt, desto detaillierter werden seine Kindheitserinnerungen.

Als ihm das Vergessen sein Alltagsleben unmöglich macht, kehrt Konrad zu der reichen französischen Familie zurück, in der er als Kind eines Dienstmädchens aufgewachsen ist. Die Familienmitglieder reagieren abweisend auf Konrads Ankunft und sind wenig interessiert an seinen zurückkehrenden Erinnerungen. Nur Simone (Alexandra Maria Lara), die vor Kurzem in die Familie eingeheiratet hat, nimmt sich dem mysteriösen Alten und seiner voranschreitenden Krankheit an. Als sie zusammen mit Konrad seine Kindheitserinnerungen erkundet, stößt sie auf dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit der Industriellenfamilie.

Small World ist gleichzeitig das Porträt eines persönlichen Verfalls und eine Milieustudie der französischen Bourgeoisie. Beim Versuch dieses thematischen Spagats begeht Regisseur Bruno Chiche den Fehler vieler Literaturverfilmungen: Er erzählt zu viel und zeigt gleichzeitig zu wenig. So überfordert im Film genau die perspektivische Spannung zwischen Milieu und Hauptfigur, die den gleichnamigen Roman des Schweizer Autors Martin Suter auszeichnet. An vielen Stellen wirken die komplexen Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder sperrig, Figuren wie der Geliebte der Clanchefin gar überflüssig. Eine überfrachtete Dramaturgie verhindert die Entfaltung der Protagonistengeschichte genauso wie einen Spannungsaufbau. Selbst ein potenziell dramatischer Mordversuch bleibt so mangelhaft eingeleitet, dass den Zuschauer keine Aufregung, sondern Ratlosigkeit überkommt.

Dabei haben andere gezeigt, dass sich aus Stoffen des Schweizer Bestseller-Autors spannende Filme machen lassen. Fast könnte man von einem Suter-Trend im deutschen Kino sprechen. So ist Small World nach Lila lila von Alain Gsponer und Giulias Verschwinden von Christoph Schaub die dritte Suter-Verfilmung innerhalb der vergangenen zwei Jahre. Leider schafft es Chiche nicht Suters filigranes Porträt eines Alzheimer-Patienten in eine filmische Ästhetik zu übersetzen. Viele Dialoge wirken deplaziert und entschleunigen den Film im falschen Moment. Viel zu häufig erzählt Chiche mittels Schuss und Gegenschuss, was mehr an Fernsehästhetik denn an Kino erinnert und der Handlung oft nicht gerecht wird. Gerade die metaphorisch aufgeladenen Bilder aus dem Buch sind so konventionell inszeniert, dass sie schnell wieder vergessen sind. Am deutlichsten wird dieser Mangel an kinematischer Kreativität gegen Ende des Films, als in einem langgezogenen Voice-Over erklärt werden muss, was denn nun wirklich einst in der Familie geschehen ist. Warum ausgerechnet für eine bildgeladenen Vorlage wie Small World auf filmische Mittel verzichtet wird, bleibt unverständlich.

Trotz all der Mankos gibt es Höhepunkte. Diese sind vor allem Gerard Depardieu zuzurechnen. Sein grandioses Schauspiel lässt sich selbst von einer mutlosen Dramaturgie nicht verwaschen. Besonders hervor sticht sein Umgang mit dem Krankheitsbild Alzheimer. Zu keinem Zeitpunkt spielt er Konrad als bemitleidenswerten Kranken. Der Verlauf seines Alzheimer-Leidens wirkt niemals pathologisch, sondern wie ein langsamer Abschied von der Gegenwart. Das ist ein respektvoller Umgang mit dem Prozess des Vergessens, den in einer abgeschwächten Form viele Menschen im Alter durchleben. Die kindliche Unschuld, die Depardieu in das Zentrum der Figur Konrad stellt, entfaltet gerade im Kontrast zu seinem grobschlächtigen Äußeren eine besondere Wirkung. Es ist faszinierend wie der Schauspieler auch in den Dialogen dem ständigen Vergessen und den damit verbundenen Verlegenheiten etwas Poetisches abringt. Selbst als Konrad seine engsten Vertrauten nur noch für Personen aus seiner Kindheit hält, verliert er seine Würde nicht.

Nach seinen letzten Erfolgen mit Mammuth und Kommisar Bellamy präsentiert sich Depardieu auch in Small World wieder als perfekter Charakterdarsteller des europäischen Kinos. Den Film Small World wird man trotz des brillanten Depardieus schnell vergessen haben.