Nach einer Katastrophe, nach einem Krieg widmen sich Dokumentarfilmer gerne der Kunst in dem betroffenen Gebiet. Sie steht für die Hoffnung, den Neuaufbau, das von Irdischem nicht angreifbare Wesen der Dinge. Doch in der Dokumentation The Sound after the Storm ist die Musik keineswegs unberührt geblieben vom Unheil. Die drei jungen Filmemacher Sven O. Hill, Patrik Soergel und Ryan Fenson-Hood erzählen, wie die einst reiche Jazz- und Soulszene in New Orleans durch den Hurrikan Katrina dauerhaft zerstört wurde.

Der Film fängt langsam, fast ein bisschen behäbig an. Die Musikerin Lillian Boutté, ein weltweit gefeierter Soul-Star, erklimmt in Radlerhosen eine kleine Bühne in New Orleans, um für ein Spendenkonzert zugunsten der Hurrikan-Opfer zu werben. Der Fotograf Armand "Sheik" Richardson führt das Kamerateam durch die Mittel- und Unterschichtshäuser der Stadt, die im Gegensatz zum touristischen Zentrum nicht wieder aufgebaut wurden und in Schimmel und Moder verfallen. Der Klarinettist und Musikprofessor Michael White erzählt von seiner Vergangenheit als Mitglied der Musikparaden in den achtziger Jahren. "Die Musik", sagt er, "war für mich der Ausdruck gegen Rassentrennung und Armut." Dieser Sound der Stadt sei nun erloschen, sagt White. "Das ist nicht mehr New Orleans."

The Sound after the storm hat ein hehres Anliegen. Der Film will den Verlust einer ganzen Kultur aufzeigen. Allerdings können sich seine Macher lange nicht entscheiden, was ihr Film sein möchte: Ein Musikerporträt? Ein Stadtporträt? Oder ein Aufschrei gegen die amerikanische Politik, die vor allem die schwarze Bevölkerung von New Orleans auf skandalöse Weise im Stich gelassen hat?

Für Letzteres ist der Film zu zurückhaltend. Kein einziges Mitglied einer offiziellen Stelle kommt zu Wort, es bleibt bei den – berechtigten – Vorwürfen der Protagonisten, sie seien mit den Folgen der Zerstörung von der US-Regierung allein gelassen worden.

Auch als Musikfilm oder Stadtporträt im engeren Sinn kann man The Sound after the storm nicht bezeichnen. Es sind die Schicksale der drei Protagonisten Boutté, Richardson und White, die die Dokumentation zusammenhalten und zu einem sehenswerten Film machen.

Sehr sensibel begleitet das Kamerateam die Sängerin Boutté, als sie zum ersten Mal nach dem Sturm ihr zerstörtes Elternhaus besucht. Die Kamera hält nie auf ihr Gesicht. Doch die erstickte Stimme der Frau, die man hört, zeigt ihr Entsetzen umso eindringlicher. Boutté ist gleich doppelt von dem Gefühl der Heimatlosigkeit betroffen. Sie hat New Orleans vor 25 Jahren verlassen und kann sich nicht von dem Vorwurf befreien, zum Zeitpunkt der Katastrophe nicht für ihre Familie da gewesen zu sein. In einer der anrührendsten Szenen des Films singt sie den Gospel I feel like a motherless child . Ganz leise, ganz in sich gekehrt, die Tränen laufen ihr übers Gesicht.