Natalie Portman als Nina im Gruselkabinett der Selbstbespiegelung © 2010 Twentieth Century Fox

Ein neuer Ballettschuh ist hart und ungnädig. Reißend, brechend, mit Nadel und Schere muss man ihm zu Leibe rücken, damit er sich dem Tänzer fügt. Er knirscht und ächzt unter der Schwerkraft. Der Schuh wie auch der Tänzer. Fußgelenke knacken, Zehennägel splittern, Haut und Nerven hängen in Fetzen: Der Horror trägt Tutu.

In seinem neuen Psychodrama Black Swan hebt Darren Aronofsky den Vorhang zur Welt des Spitzentanzes. Wie schon im preisgekrönten The Wrestler inspiziert er einen Extremsport, der über jeglichen Schmerz hinweglächelt, um dem Publikum ein perfektes Schauspiel zu bieten. So ist das Balletttheater eine treffliche Bühne für Aronofskys Erkundungen der Psyche: Wie treibt der Mensch seinen Körper zum Äußersten und in welche Abgründe muss er dabei blicken?

Mickey Rourkes bulliger Schaukämpfer Randy Robinson findet nun einen weiblichen Konterpart in Natalie Portmans Figur der Ballerina Nina Sayers. Sie steht vor der Herausforderung, die Hauptrolle in Tschaikowskys Schwanensee zu tanzen. Eine gewaltige Aufgabe, gilt doch die Doppelrolle der weißen und schwarzen Schwanenkönigin als technisch und darstellerisch höchst anspruchsvoll. Nina hat die Technik, sie ist duldsam, fleißig, perfektionistisch. Eine weiße Odette ist sie längst. Aber es fehlt ihr an Einfühlungsvermögen, um die hinterlistige, verführerische, schwarze Odile zu verkörpern.

Aronofsky bedient sich einfacher Seifenopernpsychologie, um Ninas Mangel zu erklären: Ihre ehrgeizige Übermutter, gespielt von Barbara Hershey, hindert sie am Erwachsenwerden. Nina ist Anfang 20, teilt sich ihr Kinderzimmer mit rosafarbenen Plüschtieren, wird von Mami an- und ausgezogen, von ihr ins Bett und für ein Ballerinenleben in Stellung gebracht. Die Mutter weiß, was hinter den Kulissen gespielt wird, sie hat ihre Tanzkarriere einst zugunsten ihres Mädchens aufgeben müssen. Die Tochter soll es besser machen.

Nina beugt sich dem Erwartungsdruck. Sie gibt alles, um Primaballerina zu werden. Aber, welch Überraschung, ihr Unterbewusstsein nimmt das nicht einfach hin. Sie leidet unter Verfolgungswahn, kaut an den Nägeln und kratzt sich blutig. Was nervöse Filmfiguren eben so tun.