Film "Kokowääh"Kino wie Nachtisch

Til Schweiger hat sich eine Patchworkfamilien-Komödie auf den Leib geschrieben: leicht, unterhaltsam, ohne Tiefgang. Das Richtige für Tage, an denen man nicht mehr will. von Andreas Scheiner

Zweiohrküken zeigt uns Til Schweiger erneut einen Vogel: Der verrätselte Titel Kokowääh meint die französische Nationalspeise Coq au vin , in welcher ein Hähnchen mit Burgunder befeuert wird. Wohlgemerkt: Die unorthodoxe Orthographie ist keiner Bildungsschwäche des Regisseurs geschuldet; sie entstammt einer Szene im Film, in der ein achtjähriges Mädchen beim Scrabble-Spiel mit phonetischer Schreibweise punktet.

Nach

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Das Mädchen, Magdalena, ist der Zankapfel in der Kuckuckskind-Erzählung, die Til Schweiger ausgebrütet hat. Magdalena wird von Tils Tochter Emma gespielt; er selbst hat Regie geführt, den Film produziert, die Geschichte geschrieben und sich mit der Hauptrolle bedacht.

Schweiger spielt den Drehbuchautor Henry. Henry ist fast so mies dran wie der wohl bekannteste Drehbuchautor der Filmgeschichte, Joe Gillis aus Sunset Boulevard . Während Gillis die Rate für seinen 1946er Plymouth nicht bezahlen kann, fehlt Henry das Geld, um seinen abgeschleppten Kleinwagen auszulösen. Mehr Glück hat Henry beim Abschleppen von Frauen. Doch irgendwann geben sich die Tussen die Klinke in die Hand – und darüber sind sie nicht erfreut. Die Frauen laufen davon; der arme Kerl hat es nicht leicht. Dann, aus heiterem Himmel, kriegt er die große Chance, an der Adaption eines Bestsellers mitzuarbeiten.


Der Haken: Die Bestsellerautorin ist seine Ex-Freundin (Jasmin Gerat). Damit nicht genug, steht plötzlich die kleine Magdalena vor der Tür – und erklärt, bei Henry wohnen zu müssen. Wie sich herausstellt, ist Magdalenas Erscheinen die Spätfolge eines längst vergessenen One-Night-Stand. Die Mutter kann sich nicht kümmern, da sie in einen Gerichtsprozess in New York involviert ist; der Vater des Kindes hat die Familie verlassen, als er erfuhr, dass er nicht der leibliche ist. Also ist es an Henry.

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Henry agiert als Vater zunächst ähnlich hölzern wie Til Schweiger als Schauspieler. Der Breisgauer, der mit der Prollkomödie Manta, Manta (1991) durchstartete, stolziert auch zwanzig Jahre danach wie ein Gockel durchs Bild. Der 47-Jährige sieht aus wie aus dem Ei gepellt: Selbst als darbender Drehbuchautor ist sein Gesicht glanzpoliert wie in der Reklame für den Rasierer mit dem Triple Action Free Float System. Doch für Schweiger spricht: Er weiß um seine Grenzen. Als Schauspieler versucht er sich gar nicht erst in nuancierten Rollen, als Regisseur inszeniert er sich mit Vorliebe in unverfänglichen Komödien.

Til Schweiger ist der Dieter Bohlen des deutschen Filmschaffens: Frohgemuts bedient er die Zerstreuungssucht der Masse. Sein einziger Anspruch ist die Unterhaltung. Tiefsinn? Ihm doch schnurzpiepegal. Dagegen ist nichts einzuwenden. Seine Filme sind kurzweilig. Handwerklich hat er das Nötige drauf. Mit Kokowääh beweist er einmal mehr, dass er sich auf das Zubereiten von Wohlfühlkino versteht. Allein die Kulisse! Schweigers Berlin ist blitzblank wie Zürich und charmant wie Paris; es wird nur bei Sonnenschein gefilmt, oder im Felix hinterm Adlon. Und das dramaturgische Höhepünktchen gibt’s zu einer Tasse Kaffee im pittoresken Ausflugslokal am Havelufer in Potsdam. Ein Idyll, als wären wir im Heimatfilm. Hübsche Ironie am Rande: Henry verdient seine Brötchen mit der Fernsehserie Der Förster vom Spreewald ; der fast gleichnamige Förster vom Silberwald war der Prototyp des Heimatfilms.

Leserkommentare
  1. vielen dank für den schönen artikel, welcher lust macht, mit der ganzen familie ins kino zu gehen.

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    ...ist egal! Der Artikel ist einfach wunderbar und wie gut das Kino noch nicht unter Zwang steht und jeder frei über die eigene Filmwahl entscheiden kann!

    • vrishna
    • 31. Januar 2011 15:10 Uhr

    "Die unorthodoxe Orthographie ist keiner Bildungsschwäche des Regisseurs geschuldet [...]"

    Nein, diese hat er ja bereits mit seinem eigenwilligen Film "Barfuss" unter Beweis gestellt. (Ich kann diesen Titel nicht aussprechen, ohne ein kurzes "u" zu verwenden.)

  2. Der werte Herr Schweiger möge seine Erziehungszeit doch vor der Kamera verbringen, sondern mit einer Drehpause. Dann geraten bestimmt die Kinder besser.

    Und bestimmt werden schöne Filmfördermittel frei, z.B. für Florian HVD. Der kommt doch bestimmt bald aus Hollywood zurück.

    • ra17kel
    • 31. Januar 2011 18:57 Uhr

    "...Tiefsinn? Ihm doch schnurzpiepegal..."
    Doch leider ist nicht nur der Tiefsinn von untergeordneter Relevanz. Ich wage auch den schlichtweg falschen Gebrauch des Imperativs zu bemängeln:
    So sagt Til Schweiger in dem Trailer laut und deutlich in 2:33 "Versprech" statt "Versprich".
    Nun kann man dagegen argumentieren, dass das Korinthenkackerei ist. Nichtsdestotrotz ist es aber falsch und regt zum Nachmachen an. Und irgendwann sagt man nicht nur "Einzigste" und "als wie", sondern auch noch "versprech" und "ihr fährt" und "ess". Wenngleich ein einzelner dieser Patzer nicht sonderlich ins Gewicht fällt, so tut die Masse an mittlerweile immer öfter gehörten falschen Phrasen wirklich weh...

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    Na, na, na, wer das unsinnige Wort "nichtsdestotrotz" im Munde führt, sollte aber nicht mit verbalen Steinen nach anderer Leute Sprachpatzer werfen ...
    Anm: Bitte argumentieren Sie artikelbezogen. Danke. Die Redaktion/lv

    Achtung Skandal: Als Konsument habe ich mich beim gestrigen Kinoabend mit Schweigers neuem Film bestens unterhalten gefühlt. Es muss ja nicht immer ein Vier-Sterne-Essen geben, sondern darf auch mal eine herzhafte Pizza beim Wohlfühlitaliener nebenan sein.
    Der Film ist keine Unterrichtsstunde, deswegen darf auch mal grammatikalisch danebengelangt werden. Wer daran Anstoß nimmt, der hat wohl auch bei Schimanski früher immer sein "Scheiße" gezählt. Ich finde das im Gegenteil in sich stimmig und damit "cinematologopädisch" ;-) gelungen. Wo der versprochene Skandal ist? Ich unterrichte Deutsch.

  3. Verwahrlost, rauh und abstoßend. Aber in Wirklichkeit ein grundguter Mensch. So sieht sich Herr Schweiger gerne in seinen Filmen. Er tut aber auch wirklich alles, um sympathisch zu sein. In letzter Zeit greift er damit immer wieder auf den Symphatieträger Kind zurück, wie die in der Werbung.
    Wer auf die Masche reinfällt, selber schuld. Kino ist was anderes.
    Ich bekenne mich dazu, mich vom deutschen Film weitgehend abgewandt zu haben und lieber inhaltslose Hollywoodfilme anzusehen als inhaltslose und mit schlechten Schauspielern besetzte deutsche Filme. Man merkts ja, die guten Schauspieler gehen auch alle nach Hollywood (z.B. Daniel Brühl).

    Till ja auch, aber in der Rolle als mißgünstiger Sohn des bösen Häuptlings (weiß nicht mehr wie der Film hieß) hat er mir wesentlich besser gefallen als in seinen Symphatie-Rollen. Die sind unglaubwürdig.

    Eine Leserempfehlung
  4. Ich finde gelungene Filme sollte man so nennen wis sie sind: Einfach SHEISSE.
    Um den Sprachgebrauch der Heranwachsenden zu Benennen;nehme man zur Zubereitung eines KoKovääh folgende zutaten:

    - Die gefrorenen Tomaten über Nacht auftauen, am nächsten Morgen die Haut entfernen und tüchtig purieren.

    - Für 2 Personen vier Hühnchenschenkel, welche bedeckt mit Wasser gekocht werden, anschliessend kalt stellen.

    - die Kalten Hühnschenschenkel entbeinen, den Knorpel und die Haut entfernen.

    - Zusammen mit den enthäuteten Tomaten, das Geflüglefleisch mit etwas Suppengemüse aufkochen und servieren.

    Grüsse an Til Schweiger

  5. Ein Mann der in einem Boll gespielt hat, kann nicht erwarten jemals wieder ernst genommen zu werden.
    Wobei es im Falle Schweigers dieses "Machwerk" nicht gebraucht hätte...
    Lieber auf Werbung beschränken, denn die ist nach einigen Sekunden vorbei.

  6. tja, was will man da erwarten, seichtes kino eben. vor "paper moon" (http://www.youtube.com/watch?v=jsxHZ5TS-Yw&feature=related) müsste dieser film eigentlich rot anlaufen und im boden versinken, aber was solls, aus deutschland kam und kommt so gut wie nie gutes kino (mir fallen nur fassbinder, herzog, murnau und lang ein, wobei die ersten beiden ihre glanzzeiten vor 80 jahren hatten …). und kommt mir jetzt nicht mit tom tykwer der ist noch schlechter als schweiger.

    aber eins muss man dem schweiger lassen, er macht sein ding und kümmert sich nicht um andere, das macht ihn auf jeden fall sympathisch.

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    • Rocky12
    • 01. Februar 2011 12:32 Uhr

    na, na - herzog ist immer noch nen großer! seine letzten dokus (grizzly man, encounters at the end of the world, cave of forgotten dreams) sind super filme auf höchstem niveau. und auch seine neuesten us-spielfilme (rescue dawn, bad lieutenant, my son, my son, what have ye done) sind eigenwillige filmchen, die spass machen. der mann gewinnt weltweit preise und ist auf festivals zu sehen - nur in deutschland kennt ihn irgendwie keiner mehr richtig.

    ja ich hab die namen vertauscht, herzog ist immer noch ganz groß.

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  • Schlagworte Film | Til Schweiger | Adlon | Filmgeschichte | Jasmin Gerat | Kino
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