Wie hält man eine Liebe über Jahrzehnte am Leben? Wie geht man mit dem Alter um? Und was passiert, wenn der Ehepartner stirbt oder sterben möchte? Sophie Heldman hat sich für ihr Regiedebüt keinen einfachen Stoff ausgesucht. Nach der Weltpremiere auf dem 58. Internationalen Filmfestival von San Sebastián im September saß das Publikum schockiert und ergriffen noch lange in den Kinosesseln. Viele überlegten, ob sie das Verhalten der beiden Protagonisten Fred und Anita, grandios gespielt von Bruno Ganz und Senta Berger, teilen können oder nicht.

Satte Farben vor Schwarz erzählt die Geschichte der beiden, die seit 50 Jahren verheiratet sind. Das Rentnerpaar hat ein gutes Leben geführt. Sie sind wohlhabend und haben zwei erwachsene Kinder. Eines Tages wird bei Fred ein Krebstumor diagnostiziert. Er entscheidet sich jedoch gegen die schwere Behandlung, weil er seine letzten Lebensjahre nicht als Patient verbringen möchte. Anita und die Kinder wollen diese Entscheidung nicht akzeptieren.

Einige fanden den Film zu kühl und distanziert, die Beziehung der beiden Protagonisten zueinander und ihr Verhalten unrealistisch. Andere waren emotional berührt und begeistert. "Genau das wollte ich mit meinem Film bewirken. Ich wollte bewusst etwas Ambivalentes zeigen, damit man auch darüber debattieren kann", sagt die Regisseurin Sophie Heldman. Das hat die gebürtige Hamburgerin geschafft.


Fred legt sich eine Zweitwohnung zum Nachdenken zu. Seine Familie ist irritiert, seine Frau verletzt. Anita fühlt sich ausgeschlossen und allein gelassen, stellt wütend ihre Beziehung in Frage: Darf ihr Mann alleine über sein Leben entscheiden? Habe sie nicht auch ein Mitspracherecht? Es geht um die Endlichkeit der Liebe. Es geht um das Altwerden mit Würde. Letztlich entscheidet sich das Paar für den gemeinsamen Freitod. Heldmans Schluss löst Fassungslosigkeit, Bestürzung, aber auch eine gewisse Bewunderung für die Entscheidung der Protagonisten aus.

Sophie Heldman stellt die Tat keineswegs als etwas Negatives, sondern vielmehr als eine Möglichkeit dar. "Ich möchte nicht den Suizid im Alter propagieren. Es geht darum, eine Debatte anzustoßen, die in der Schweiz schon intensiver geführt wird als in Deutschland", sagt die Regisseurin. "Man sollte als Mensch die Freiheit haben, individuell entscheiden zu können, welchen Weg man gehen möchte. Der Film ist somit ein Plädoyer für die Entscheidungsfreiheit."

Auf den ersten Blick bietet der Film nur wenige Erklärungen, was zu einem Gefühl der Sprachlosigkeit führt. Doch die Regisseurin weiß darum. "Wer dem Film und dem Schluss wohl gesonnen ist, beginnt, selber nach den Erklärungen zu suchen und findet sie auch", sagt sie. "Mein Film ist wie ein Puzzle, und der Schluss ist das letzte Teilchen vom Puzzle."

Satte Farben vor Schwarz ist eine Metapher für Leben und Tod, die zum Nachdenken über wichtige Aspekte unseres Lebens anregt: Wer sind wir? Was wollen wir vom Leben? Gerade die Ambivalenz der Filmcharaktere reizt dabei zum Hinterfragen. Deshalb wollte Heldman die Geschichte auch nicht nach einem tradierten Schema erzählen und Regungen zeigen, die nicht immer leicht nachzuvollziehen sind. "Wir haben oft zu festgefahrene Vorstellungen darüber, was eine Emotion zu sein hat und welcher Gestus mit einer Emotion verbunden ist. Es gibt große Wärme, die manchmal mit einer gewissen Kälte verbunden ist und umgekehrt", sagt Heldman.

Was viele Zuschauer für übertrieben und unrealistisch halten mögen, basiert indes auf einer wahren Geschichte. Es handelte sich um ein österreichisches Ehepaar, Freunde und Nachbarn von Sophie Heldmans Eltern, die beschlossen hatten, gemeinsam aus dem Leben zu gehen. Das Thema ließ die 37-jährige Regisseurin, die damals erst zehn Jahre alt war, nicht mehr los. Als sie 1996 begann, Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin zu studieren, wählte sie die Geschichte zum Thema ihrer Abschlussarbeit. Eine Abschlussarbeit, für die sich selbst zwei international renommierte Stars wie Bruno Ganz und Senta Berger erwärmten. Ihnen gefiel das Drehbuch offenbar so sehr, dass es ihnen egal war, dass es ein Kinodebüt war. Das Risiko hat sich gelohnt.