Film "Eine flexible Frau" Torkeln statt tanzen

Tatjana Turanskyj erzählt in ihrem Debüt von einer alleinerziehenden, arbeitslosen Architektin. Es soll leichtfüßig wirken, doch das Ergebnis ist ein flaches Psychogramm.

Kommunikation, Vitalität, erotische Strahlkraft – wessen Handflächen solche Eigenschaften versprechen, dem müsste das Glück wohlgesonnen sein. Doch neben all den schönen Attributen finden sich in Gretas Händen auch "Schlangen", die Ausdruck sind für das Unglück, das längst in ihr Leben eingebrochen ist. Zumindest meint das die Handleserin zu erkennen, die eigentlich Angestellte eines Jobcenters ist. Sie sollte ihre Schlüsse aus Gretas Erwerbsbiografie ableiten. Doch viel lieber liest sie das berufliche Schicksal ihrer Klienten aus den Händen statt aus deren Akten.

Greta (Mira Partecke) ist alleinerziehende Mutter, Architektin, genauer gesagt: arbeitslose Architektin, in Tatjana Turanskyjs Filmdebüt Eine flexible Frau. Es ist eine Ansammlung von Episoden aus dem Leben der 40-Jährigen, deren Glück sich nur noch in ihren Handlinien oder ihrer Vergangenheit findet. Greta hat keinen Job, keinen Partner, und der 12-jährige Sohn ist aufmüpfig. Man sollte meinen, dass es im Berlin der Gegenwart ein Leichtes ist, sich als kreative, selbständige Frau mit eigenen Vorstellungen und Träumen zu etablieren. Doch ohne festen Job sind die Freunde ebenso schnell verschwunden wie die eigenen Ansprüche an das Leben.

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Dabei schienen die Ansprüche simpel: selbstbestimmt sein. Sich nicht nach den Vorstellungen der anderen richten müssen. Architektur schaffen, die den eigenen urbanen Utopien nahe kommt. Jetzt ist Greta gezwungen in einem Call-Center zu arbeiten und Fertigbauhäuser zu verkaufen. "Kommunikation ist Argumentation", bekommt sie von ihrer neuen Chefin eingeimpft. Die Kunden haben auf beides wenig Lust. Sie legen schneller wieder auf, als Greta ihre Einladung zu einem Termin formulieren kann. Greta scheitert, weil sie zu viel Verständnis für das Desinteresse der Kunden hat. Sie schafft es nicht, sich auf die Floskelhaftigkeit einer Branche einzulassen, sich dem ungeschriebenen Verhaltenskodex einer Arbeitsgesellschaft zu unterwerfen, ihre Individualität aufzugeben.

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Was sie denn wirklich gut könne, wird Greta gefragt. "Trinken", antwortet sie. Als sie sich mit Frau Zeller trifft, der Lehrerin ihres Sohnes, möchte die Pädagogin gerne die Mutter-Sohn Beziehung ergründen. Sie malt ein Kreidemännchen an die Tafel. "Wenn das Lucas ist, wo sind dann Sie?", bemüht sich die Lehrerin. "Nee, Frau Zeller. Auf solche Spielchen habe ich wirklich kein' Bock", quittiert Greta kühl. Es dauert nur eine Szene, bis sich die beiden gemeinsam betrinken. "Ich muss Dir was gestehen", sagt die schon ziemlich betrunkene Frau Zeller dann zudringlich ihrer neuen Freundin Greta: "Dein Sohn ist mir durchweg unsympathisch."

Während Greta immer mehr dem Alkohol verfällt, verliert sie die restlichen Bindungen. Ihr 12-jähriger Sohn bringt das Dilemma auf den Punkt, als er lieber mit einem Freund Fußball spielen geht, als seine Mutter zu besuchen: "Ich hab' halt keine Lust mit Losern rumzuhängen." Loser sind in diesem Fall Menschen, die sich über ihre Arbeit definieren und scheitern. Greta scheitert fortwährend. Turanskyj versucht, den freien Fall in einem leichtfüßigen Rhythmus einzufangen. Immer sind die Protagonisten in Bewegung, scheinen zu schweben oder zu fallen. Manchmal fangen sie unvermittelt an zu tanzen. Sie scheinen sich der Schwerkraft widersetzen zu wollen. Doch leider torkelt Greta nur von einer Plattitüde zur nächsten. Und mit ihr der Film.

"Wo nichts ist, ist alles möglich", improvisiert Greta in einer Szene, um Investoren ein Bauprojekt schmackhaft zu machen. Die Möglichkeit, sich eines wirklich brennenden Themas wie prekären Arbeitsverhältnissen in einer gentrifizierten Großstadt anzunehmen, hat Turanskyj allerdings vergeudet. Aus dem Material für eine Gesellschaftsstudie hat sie nur das flache Psychogramm einer Frau in der Großstadt gemacht. Der Feminismus ist hier nur eine Bewegung, die versucht, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Alles bleibt bei Turanskyj, wie es immer war: die Frauen unterdrückt, die Arbeitswelt grausam und die Bevölkerung ein Heer von Angepassten. Eine flexible Frau verkommt zu dem, was der Film eigentlich entlarven will: einer Ansammlung von Phrasen.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich gebe meine Vorkommentatorin "Katjaberlin" völlig recht. Die "Ansammlung von Phrasen", welche Filmkritiker Sand bemängelt, ist genau das adäquate Mittel, um eben diese Phrasen zu entlarven! Mir war das völlig einleuchtend, und ich finde es verwunderlich, dass dem Autor der obigen Kritik entgangen ist, dass es sich hierbei um eine filmisch-gestalterische Strategie handelt. Ich musste jedenfalls mehrfach sehr lachen über die ganzen Phrasen, und hätte zu gerne das Drehbuch des Films. Unbedingt ansehen! Und hier noch die Film-Kritik der Autorin und Journalistin Katja Kullmann, die ich für um einiges differenzierter halte: http://www.katjakullmann....

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