Nun ist es also doch so gekommen, wie alle vermutet haben. Das iranische Familiendrama Nader und Simin, eine Trennung hat den Goldenen Bären für den besten Film der Berlinale gewonnen.

Es ist eine folgerichtige Entscheidung, mit ihr schließt sich der Kreis dieses Festivals. Das hatte am 10. Februar mit einem leeren Jury-Stuhl begonnen. Der iranische Regisseur Jafar Pahani hätte dort sitzen sollen. Doch er war in seiner Heimat mit einem 20-jährigen Berufs-, Rede- und Ausreiseverbot bestraft worden. Auf der Berlinale wurde ein Brief von ihm verlesen, in dem er sich wünscht: "Ich hoffe, dass meine Regisseurskollegen in aller Welt so großartige Filme drehen, dass ich beim Verlassen des Gefängnisses begeistert sein werde, weiter in der Welt zu leben, die sie in ihren Filmen erträumt haben."

Was hätte Pahani wohl gesagt angesichts der 16 Wettbewerbsfilme? Von welcher Welt träumen die Filmemacher und Filmemacherinnen? Tatsächlich waren es weniger Träume, als vielmehr Alpträume, die in diesem Jahr vorgeführt wurden.

Der düsterste, Das Turiner Pferd , ein zweieinhalbstündiger Schwarz-Weiß-Moloch, gedreht in der klaustrophobischen Enge einer Steinhütte, gewann die zweitwichtigste Auszeichnung, den Großen Preis der Jury. Das titelgebende Pferd soll im Übrigen jenes sein, das Friedrich Nietzsche 1889 umarmte, bevor er dem Wahnsinn verfiel.

Es war auch eine Berlinale zum Wahnsinnigwerden. Die eine Hälfte der Wettbewerbsfilme handelte von repressiven Gesellschaften, die andere von bröckelnden Beziehungen. Zur ersten Sparte zählten die einzigen drei Höhepunkte des Festivals: Nader und Simin, eine Trennung über zwei iranische Familien vor Gericht, The Forgiveness of Blood über eine albanische Familie unter dem Bann der Blutrache und El Premio , der die Schrecken der Militärdiktatur aus der Sicht eines Kindes zeigt.

In den übrigen Filmen begegnete man vor allem Menschen, die nicht wissen, wohin mit sich: Ein Entwicklungshelfer in Ulrich Köhlers Afrika-Sehnsuchts-Trip Schlafkrankheit , zwei türkische Junggesellen in Our grand despair , ein koreanisches Paar vor der Trennung in Come rain, come shine . Schnarchiger Höhepunkt der Bedeutungslosigkeit war schließlich der argentinische Beitrag Un mundo misterioso ( Eine geheimnisvolle Welt ). Warum man einen Mann 107 Minuten lang dabei beobachten soll, wie er die Zeit totschlägt, verstehen am Ende nicht einmal mehr die Freunde des minimalistischen Films. Das ist Kinoknast.

Kleine Stimmungsaufheller waren Miranda Julys The Future - zwar auch ein Beziehungsdrama, aber zumindest eins mit Handlung - und Wer, wenn nicht wir , der Vorabend-des-Deutschen-Herbstes-Film von Andres Veiel. Ein Film über die RAF als Stimmungsaufheller! Das muss man erst mal hinkriegen.

Was will uns der Festivalleiter Dieter Kosslick mit dieser Auswahl sagen? Dass wir alle Gefangene sind? Die einen in patriarchalischen, repressiven Regimen? Die anderen in ihrer unpolitischen Privatsphäre, wo sie zur Strafe nun an Langeweile zugrunde gehen?