"Den ultimativen Krisenfilm gibt es gleich am zweiten Festivaltag" hatte Berlinale-Leiter Dieter Kosslick versprochen – und tatsächlich, Margin Call mit Kevin Spacey in der Hauptrolle ist genau das: ein Film über die Finanzkrise und ihre Verursacher.

Es ist der Vorabend der Finanzkrise: Eine Bank entlässt mehr und mehr Mitarbeiter, auch erfahrene Banker müssen von heute auf morgen ihren Schreibtisch räumen. Da ist das Unglück aber längst angerichtet. Tausende hochriskante und bereits weitgehend wertlose Papiere befinden sich im Besitz der Bank, als der Nachwuchsbanker Peter Sullivan (Zachary Quinto) in einer Überstunde bemerkt, dass der Verlust durch diese Papiere den Wert der gesamten Bank bereits übertrifft. Eilig werden die Verantwortlichen noch in derselben Nacht aus den Bars der Wall Street zusammengetrommelt und später per Hubschrauber eingeflogen, um bis zum nächsten Morgen herauszufinden: Die Krise ist unausweichlich.

Zur Debatte steht bloß noch, ob die Bank ihren eigenen Bankrott noch verhindern und so den Finanzmarkt vollends aus den Fugen bringen soll – oder ob es Alternativen gibt. Die "netten" Banker dürfen noch darüber sinnieren, wie es zu einem solchen Versagen kommen konnte, während die "bösen" Banker allein ihren Boni hinterher weinen und schulterzuckend auf das Wesen des Bankbetriebes verweisen.

Berlinale - Kevin Spacey und Jeremy Irons über "Margin Call"

Auch wenn das Thema noch halbwegs aktuell ist und der Film durchaus einen politischen Anspruch hegt, ist Margin Call vor allem ein klassischer Finanzthriller. Männer in Anzügen fahren Limousine und Aufzug, die Hochhäuser New Yorks funkeln bei Tag und in der Nacht. In Nebenrollen: Schnelle Autos, große Häuser, ein Hund, eine Exfrau und viele markige Worte.

Vom Finanzvorstand bis zum Junioranalysten darf eigentlich jede Figur einmal zu einer kleinen Rede über das Allzumenschliche, über Gier und Neid und das den Charakter versauende Geld ansetzen. An die legendäre "Gier"-Rede ihres filmischen Vorbildes Gordon Gekko aus Oliver Stones Wall Street kommen sie allerdings nie heran.

Außerdem geht es in Margin Call natürlich um die Moral der Märkte, die Käuflichkeit von Menschen und die Unausweichlichkeit von bestimmten Entscheidungen. Bloß bleibt beim Zuschauer von all der Tragik und Moral nicht viel hängen – denn dafür sind die Figuren zu nah am Klischee.

Kevin Spacey etwa spielt den alten, harten Hund, der einerseits ungerührt von den menschlichen Tragödien seinen Geschäften nachgeht, andererseits aber den Typus des Kaufmanns alten Schlages repräsentiert. Zachary Quinto und Penn Badgley geben die beiden Finanznovizen und natürlich ist einer von beiden voller Zweifel an seinem Tun, während der andere sich tatsächlich nur dafür interessiert, wie er endlich die Millionen-Dollar-Marke im Jahreseinkommen erreichen kann.

Und selbstverständlich ist der Aufsichtsrat der Bank von zynischen, eitlen Fratzen besetzt, die nur das Nötigste von Finanzmärkten verstehen, dafür aber um so mehr von hausinterner Machtpolitik und großspuriger Rede. Kaum eine Figur in Margin Call entwickelt tatsächlich Ambivalenzen und Gewissensnöte. Wie auch?, will man rufen, wer beginnt denn schon eine Bankkarriere aus moralischen Gründen?