Berlinalebeitrag "Pina"Der Himmel über Wuppertal

Wim Wenders zeigt in seinem 3-D-Film "Pina", wie die Choreografin Pina Bausch in den Körpern ihrer Tänzer weiterlebt. von 

Dass von Wuppertal je eine Revolution ausgehen könnte, hätte man nicht gedacht. Pina Bausch hat von dort aus die Welt verändert. Sie verband ihr Ballett, den reinen Tanz, mit dem Theater. Sie legte eine Dramaturgie unter ihre Stücke, ihre Tänzer tanzen nicht nur, sie sprechen und spielen eine Figur. Ihr Bühnenbild gestaltete Bausch so archaisch wie möglich: Schroffe Felsen türmen sich, Wüstensand fliegt bei jeder Bewegung durch die Luft, Eisschollen treiben, sogar das Meer fließt über den Bühnenboden. Mit einem Wellenschlag hat diese Frau von Wuppertal aus das Ballett in New York und Paris verändert.

Pina Bausch starb 2009 an Krebs. Was für ein Loch ihr Tod in ihr Ensemble gerissen hat, zeigt Wim Wenders in seinem 3-D-Film Pina . Ein Film von und für Pina, heißt es. Er zeigt, wie Pina, die Choreografin, in die Körper der Tänzer eingeschrieben ist. Wie aus den Soli der Tänzer auch immer Pinas seltsame, schon zu Lebzeiten engelhafte Erscheinung spricht.

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Wenders hat in seiner Inszenierung die Arbeitsweise der Choreografin übernommen. Während der Proben stellt sie Fragen, auf die die Tänzer mit Bewegungen antworteten. In seinem Film stellt nun Wenders die Aufgabe: "Tanze etwas für Pina Bausch". Als Bühne wählt er ganz alltägliche Orte in Wuppertal: Ein Paar führt an einer Straßenkreuzung vor der Wuppertaler Hochbahn einen Liebestanz auf. Eine Tänzerin bindet sich in einem Industriegelände die Ballettschuhe um und bespielt den Raum im klassischen Ballettstil. Zwischen kurzen Interviews und sehr sparsam eingesetzten Anekdoten ist es immer der Tanz, der Ausdruck, der im Mittelpunkt steht.

A propos Raum. Für kein anderes Thema hätte sich die 3-D-Technik, die Wenders einsetzt, wohl besser angeboten. Tanz ist ohne den Raum nicht denkbar und dank 3-D scheinen die Tänzer fast aus der Leinwand herauszutreten. Wenders verbindet in Pina zwei Galaxien, die kaum weiter voneinander entfernt sein könnten. Hier die 3-D-Technik, eine Multiplex-Kino-Idee für das Massenpublikum. Dort ein Tanzensemble mit einem Publikumsverkehr, der über eine interessierte Szene nicht hinausgeht. Raumschiff Enterprise meets Fuchsbau. Allein für die Idee möchte man Wenders einfach danken.

Mit seiner geschickten Dramaturgie schafft Wenders es, dass der Zuschauer diese bisher noch so fremde und seit Avatar nur in Hollywood-Produktionen eingesetzte Technik vergisst. Nur stellt sich ein anderes Problem ein. Der Hintergrund rückt in den Hintergrund. Zwischen Betrachter und Bild entsteht eine enorme Distanz. In einer Szene tanzt das Ensemblemitglied Damiano Ottavio Bigi in einem Glaskasten, der in grüner Natur steht, im Hintergrund sieht man eine Art Herrenhaus. Künstlich wirkt das alles. Die Natur, die die 3-D-Technik eigentlich noch realistischer zeigen, den Raum noch echter vermitteln soll, wird plötzlich zu einem raffiniert programmierten Bildschirmschoner. Das kann, gerade wenn es um Tanz geht, ein Stilmittel sein, nervt aber im Laufe der Dokumentation irgendwann.

Leserkommentare
  1. In Wuppertal heißt die Schwebebahn!
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wuppertaler_Schwebebahn

    • diba
    • 14. Februar 2011 16:27 Uhr

    Wim Wenders stützt sich nicht auf drei, sondern auf vier Inszenierungen. Das erste Stück, das im Film gezeigt wird, ist "Le Sacre du printemps".

  2. Man muss immer in Bewegung bleiben, sonst verklumpt das Blut.

  3. Der "Glaskasten, der in grüner Natur steht" mit einer "Art Herrenhaus" im Hintergrund ist der von Tony Cragg gestaltete Skulpturenpark an der Villa Waldfrieden (www.skulpturenpark-waldfrieden.de). Vielleicht mal jemanden fragen, der schon mal in Wuppertal war und auch die Stücke von Pina Bausch nicht nur vom Hörensagen kennt? Ich sag nur: "Hochbahn"!

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