Es gibt zwei große Gefahren für einen aufstrebenden Regisseur: Dass er sich mit seiner ersten Großproduktion überhebt. Und dass er seine eigene Geschichte verfilmt.

Ulrich Köhler, Jahrgang 1969, hat beides getan. In Schlafkrankheit , seinem ersten Wettbewerbsfilm auf der Berlinale, bezieht er sich auf seine Kindheitserinnerungen in Afrika. Seine Eltern arbeiteten in den Siebzigern im damaligen Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) als Entwicklungshelfer.

Als "Scheiß-Missionare" beschimpft zu Beginn des Films die 14-jährige Helen ihre Eltern, die seit mehreren Jahren in Kamerun leben. Der Vater Ebbo ist Arzt und leitet ein Programm zur Bekämpfung der Schlafkrankheit. Nun, da die Tropenerkrankung weitgehend eingedämmt und die  Tochter nicht weiter ins Internat abgeschoben werden soll, wollen Ebbo und seine Frau Vera nach Deutschland zurückkehren.

Doch zurückgehen ist nicht so leicht, wenn einem die Heimat längst fremd geworden ist. Ebbo lässt seine Frau und Tochter vorfahren und merkt, dass er ihnen nicht einfach folgen kann.

Der zweite Teil des Films spielt drei Jahre später. Alex Nzila, ein junger Arzt aus Paris, soll im Auftrag der WHO das Schlafkrankheitsprojekt überprüfen. In Kamerun trifft er auf Ebbo, der den Weg zurück nach Deutschland nicht geschafft hat, innerhalb seiner neuen afrikanischen Familie aber auch nur Gast und Geldgeber ist.

Die Sehnsucht der Europäer nach einem einfacheren und sinnstiftenden Leben in Afrika ist zurzeit ein beliebtes Thema unter Filmemachern . Das Scheitern dieser Sehnsucht beschreibt Köhler in Schlafkrankheit zwar schlüssig, doch kommt dem Zuschauer keine der beiden Hauptfiguren nahe. Weder Ebbo, der passionierte Arzt und liebende Ehemann, der gerade nicht der typische Ausländer in Afrika werden möchte - und dann eben doch dazu wird. Noch der aus Frankreich kommende, schwarze Arzt Alex, der zwar äußerlich nicht als Fremder erkennbar ist, aber sich in Afrika noch viel verlorener fühlt als sein deutscher Kollege. 

Der Sprung zur Großproduktion und zum "großen" Wettbewerb ist immer eine zweischneidige Sache. Schafft es ein Filmemacher, seine Handschrift fortzusetzen, zu perfektionieren? Oder verliert er den Überblick und zerfranst sich?

Die Stärke der ersten beiden Filme Köhlers, die 2002 und 2006 in den Berlinale-Reihen Panorama und Forum liefen, lag darin, dass er ganz nah bei seinen Hauptfiguren blieb und sich auf eng umrissene Schauplätze konzentrierte. In Bungalow war es das titelgebende typische westdeutsche Einfamilienhaus, in dem sich ein Bundeswehrrekrut vor der Realität versteckt. In Montags kommen die Fenster entflieht eine Frau ihrer Familie und irrlichtert durch ein seltsames Hotel im Harz

In seinen neuen Film, so scheint es, wollte Köhler die ganz großen Themen hineinpacken: Familienkonflikt, Rassismus, Kolonialismus, das Für und Wider der Entwicklungshilfe.

Seine Filmsprache ist zwar immer noch charakteristisch: die flackernden Kameraeinstellungen, die Landschaft, die immer etwas feindlich und Angst einflößend wirkt, die vielen unausgesprochenen aber gärenden Konflikte zwischen den Familienmitgliedern. Aber sie besitzt in vielen Szenen nicht mehr den Charme des etwas Unfertigen, Unmittelbaren, Gefühlsgeladenen. Vor allem aber verliert die Handlung durch die künstlich herbeigeführte Zweiteilung jegliche Dramaturgie. Die "Schlafkrankheit" befällt streckenweise auch die Zuschauer.

Am Ende der Pressevorführung wurde herzhaft gebuht. Das kommt selten vor. Es ist meist ein Zeichen für einen ganz außergewöhnlichen oder einen sehr enttäuschenden Film. Schlafkrankheit gehört leider zur zweiten Kategorie.