Andres Veiel ist der Psychologe unter den deutschen Filmemachern. Er untersucht nicht nur, warum Menschen etwas tun, sondern, was mit ihnen geschehen sein muss, damit sie es tun.

Veiel hat die Ursachen für den Selbstmord dreier seiner Klassenkameraden erforscht, er hat die Schicksale von vier Schauspielschülern verfolgt, er hat das unfassbare Verbrechen von Potzlow nachrecherchiert, bei dem drei Jugendliche einen vierten gefoltert und mit einem "Bordsteinkick" getötet haben. Und er hat mit Black Box BRD einen der wichtigsten Dokumentarfilme über die RAF gedreht.

Wer, wenn nicht er, sollte also einen guten Spielfilm über den Deutschen Herbst drehen? Wer, wenn nicht er, die richtige Filmsprache finden, einen Gegenentwurf zur Bilderschwülstigkeit eines Baader-Meinhof-Komplex ?

Veiel hat viel richtig gemacht mit seinem Film Wer, wenn nicht wir . Er hat eine Randfigur der RAF ins Zentrum seiner Geschichte gerückt: den Ehemann von Gudrun Ensslin, den Schriftsteller und Verleger Bernward Vesper. Es ist eine kluge Wahl. An der Figur Vespers lässt sich die Zerrissenheit der Kriegskinder-Generation exemplarisch darstellen.

Der Sohn des NS-Dichters Will Vesper fürchtet und verehrt seinen Vater gleichermaßen. "Du bist auch ein Schriftsteller – wie ich", sagt der Vater und besiegelt damit den unheilvollen Pakt zwischen sich und dem Sohn, indem er ihn im nächsten Satz bittet, seine Blut-und-Boden-Dichtung vor dem Vergessen zu retten. Auch Vespers Kommilitonin Gudrun Ensslin ist die "Auserwählte" ihres Vaters. Als einzige von sechs Geschwistern darf sie studieren.

Veiel erzählt diese Vorgeschichte des Deutschen Herbstes als Porträt einer Liebe zweier Menschen, die nicht wissen, wer sie sein sollen. Zweier Menschen, die auf die eine oder andere Weise glauben, das Leben ihrer Eltern zur Vollendung bringen zu müssen. Vesper, indem er den Vater zu rehabilitieren versucht, Ensslin, in dem sie die Dinge "nicht halbherzig" tut. Sie verachtet ihren Vater, einen Pastor, der zwar ein Nazi-Gegner war, sich aber freiwillig an die Front meldete, um die Familie nicht zu gefährden.

Ensslin wird ihre eigene Familie "der Sache wegen" aufgeben. Sie lässt Vesper und den gemeinsamen Sohn Felix zurück, um an der Seite Andreas Baaders’ in den Untergrund zu gehen. Vesper geht an Drogen zugrunde.

Er habe sich bei der Vorbereitung zu seinem Film tief ins "Ursachendickicht" hinein begeben wollen, sagte Veiel dem Tagesspiegel . Die quälenden Fragen beantworten wollen: Warum ging gerade eine Frau wie Ensslin in den Terrorismus? Warum blieb ein Mann wie Vesper gewaltlos?