Film "I Killed My Mother" Mutterhass in Vollendung

Xavier Dolan hat einen erstaunlichen Erstling geschaffen. "I Killed My Mother" erzählt von der leidenschaftlichen Beziehung eines schwulen Sohnes zu seiner Mutter.

I Killed My Mother, der wohl intensivsten, unverblümtesten und wahrhaft jüngsten Education Sentimentale-Geschichte des aktuellen Kinos. Vergangenes Jahr hat es die Festivals der Welt von Kanada aus im Sturm erobert, und es ist dem Engagement des kleinen, aber sehr feinen Kool-Filmverleihs aus Freiburg zu verdanken, dass dieses Meisterstück am 3. Februar in Deutschland anläuft.

Die Kamera hält auf den Mundwinkel, in dem sich etwas Frischkäse festgesetzt hat. Erst im vierten Anlauf kann die Mutter den Essensrest wegwischen und allein dieses Detail bringt den Sohn wieder auf die Palme. Es ist die Eröffnungsszene von

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Der gerade mal 22 Jahre alte Xavier Dolan hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und auch gleich die Hauptrolle übernommen. Hier ist tatsächlich ein Wunderkind am Werk. Stilsicher erzählt I Killed My Mother von der höchst problematischen Beziehung eines (schwulen) Sohnes, Hubert, zu seiner alleinerziehenden Mutter. Das Ende der Adoleszenz, dieser furchtbare Übergang zu dem, was gemeinhin das Erwachsenenleben genannt wird, zeichnet Dolan als ein Schlachtfeld, auf dem sich eruptiv und gänzlich unvorhersehbar, das ganze Spektrum der Emotionen entlädt.

Hubert entwickelt einen geradezu manischen Hass auf seine Mutter, ein Hass, der durchaus auch als Ventil lesbar ist für das anstehende, aber erfolgreich verdrängte Coming-out des 17-Jährigen. Hubert ringt mit diesem Hass, versucht ihn bewusst mit mustergültigem Verhalten in den Griff zu bekommen. Doch die zwiespältigen Gefühle brechen immer wieder aus ihm heraus. Die schöne Textzeile "Ich liebe dich. Das sage ich, damit du es nicht vergisst" bringt sein Dilemma auf den Punkt.

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Die Mutter erfährt von der Homosexualität des Jungen schließlich ausgerechnet von der in jeder Hinsicht aufreizend libertinen Mutter von Huberts gleichaltrigem Geliebten Antonin Rimbaud (erklärtermaßen die Verschmelzung zweier Vorbilder Dolans, der Schriftsteller Antonin Artaud und Arthur Rimbaud). Dieser Vertrauensbruch durch Verschweigen ist für die Mutter, gekonnt zwischen Stoik und Resignation dargestellt von der bekannten kanadischen Schauspielerin Anne Dorval, fast schmerzlicher als alle vorangegangenen Beschimpfungen und Nörgeleien des Sohnemanns zusammengenommen. Antonins Mutter wiederum steht auf geradezu überdeutliche Weise für die berühmten Mütter der anderen, die auf jeden Fall immer interessanter, besser und liebenswerter sind als die eigene.

Obwohl sich Xavier Dolan ganz bestimmt auf die Seite seiner wunderbaren Hauptfigur schlägt, lässt er durch geschickte Perspektivwechsel auch die Mutter immer wieder zu ihrem Recht kommen. Die Szene, in der sie den bornierten Direktor des Internats, auf das Hubert versuchshalber geschickt wird, zusammenstaucht, spricht wohl ganzen Legionen von alleinerziehenden Müttern aus dem Herzen.

Hier ist ein hochintelligenter, sich seiner Mittel sehr bewusster Erzähler am Werk, der die Einflüsse von Francois Truffaut bis Won Kar-wai nicht verbirgt, sondern sie geschickt in diesen ganz und gar erstaunlichen Erstling einarbeitet und dabei eine eigene, ausgesprochen jugendliche Filmsprache entwickelt. Das ist erfrischend und anrührend zugleich, energiegeladen und melancholisch. I Killed My Mother ist ein Film ganz so, wie sich jener Übergang eben anfühlt: tröstlich für das gleichaltrige Publikum, bittersüße Erinnerungen heraufbeschwörend bei uns alten Säcken.

 
Leser-Kommentare
  1. ...wie alt der "alte Sack" ist, der diesen Artikel geschrieben hat und ob seine Kinder schon erwachsen sind, falls er welche hat - aber für mich klingt das alles gar nicht bitter"süß", sondern nur bitter. Nach dieser Rezension werde ich wohl eher einen Bogen um den Film machen, denn die Vorstellung, dass mein Kind vielleicht auch schon einen "manischen Hass" auf mich entwickelt hat, ist alles andere als tröstlich.

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    Deshalb habe ich mir auch nie die Muppetsshow angeschaut. Die Vorstellung, dass mich Puppen zutexten und mit mir singen wollen, das hat mich einfach krank gemacht. Hier sind einige Kommentare, die, ähhhhhh, seltsam sind. Fast wie in einem Film.

    Fazit: Trailer gut, Film anschauen. Der ist erst 22. Meine Hochachtung.

    Deshalb habe ich mir auch nie die Muppetsshow angeschaut. Die Vorstellung, dass mich Puppen zutexten und mit mir singen wollen, das hat mich einfach krank gemacht. Hier sind einige Kommentare, die, ähhhhhh, seltsam sind. Fast wie in einem Film.

    Fazit: Trailer gut, Film anschauen. Der ist erst 22. Meine Hochachtung.

  2. Das ist eine krasse Überschrift. "Vollendeter" Hass kann doch nichts anderes heißen, als das Hassobjekt ausgemerzt zu haben.
    Ich wünsche mir mehr Fingerspitzengefühl bei der Wortwahl:)

  3. Ob Hass sich vollendet mit der Zerstörung des Hassobjekts oder dann eben "nur" ein Ende findet könnte für eine philosophische Debatte herhalten. Die Überschrift lässt sich im Einklang mit dem Verlauf des Artikels auf die Darstellung beziehen, daher finde ich sie nicht verwerflich, sondern sehr passend. Mich spricht die Rezension jedenfalls an und ich bin schon neugierig.

  4. Zufälligerweise habe ich gerade ein Filmforum zu Truffaut mit veranstaltet (kann ich allen nur wärmstens empfehlen). Da sehe ich allerdings keinen Zusammenhang mit dem Trailer. Truffaut hat auch die schwierigsten und traurigsten Themen mit einem humorvollen, oft auch liebvollen Blick behandelt und transfortiert eine große Menschlichkeit (nicht im Sinne: "wir sind alle Menschen, also böse", sondern "wie sind alle Menschen, also schwach". Dieser Film hingegen macht den EIndruck, als sei alles sehr dick und frei von Zwischentönen aufgetragen.

  5. Deshalb habe ich mir auch nie die Muppetsshow angeschaut. Die Vorstellung, dass mich Puppen zutexten und mit mir singen wollen, das hat mich einfach krank gemacht. Hier sind einige Kommentare, die, ähhhhhh, seltsam sind. Fast wie in einem Film.

    Fazit: Trailer gut, Film anschauen. Der ist erst 22. Meine Hochachtung.

    Antwort auf "Ich weiß ja nicht..."
    • remail
    • 03.02.2011 um 12:49 Uhr

    Seine Mutter zu töten ist feige, den Konflikt der Genarationen nicht sinnvoll lenken zu können, ist dumm. Erst nach solch einer Tat kann man erkennen wie tief der Keller ist in den man sich gesetzt hat. Wenn einer meiner Söhne Hand an mich gelegt hätte, wäre er postwendent beim Psychologen gelandet. Hoffentlich schmelzen unsere Gesetzt nicht auf nimmer wiedersehen dahin. Ich hätte sofort eine gesunde Angst.

    • jeune
    • 03.02.2011 um 22:08 Uhr

    Schade, dass sich anscheinend nicht jeder in die Zeit zurückversetzen kann, als er oder sie siebzehn Jahre alt war. Die eigenen ambivalenten Gefühle sind wohl schnell in Vergessenheit geraten.
    Ich will nicht die Abneigung gegenüber der eigenen Mutter rühmen, doch sie ist oder kann vorübergehend ein Teil der Findung der seiner Persönlichkeit sein; also nichts, das man ablehnen sollte. Gerade wegen ihrer Auseinandersetzung mit ihrer Umgebung und deren zum Teil eingefahrenen Vorstellungen sollten junge Erwachsene ernst genommen werden. Jeder möchte - auch ich - mit seiner Kritik ernst genommen werden und bei "Gefühlsverwirrungen" nicht als unbeachtenswert abgetan werden.
    Ich bin in jedem Fall auf den Film gespannt!

    Eine Leser-Empfehlung
    • remail
    • 10.02.2011 um 15:18 Uhr

    Was soll man sagen, Tode kann man nicht mehr so leicht lebend machen oder das kann ja nicht mehr Generationskonflikt genannt werden, wenn man jemanden umbringen muss?
    Vor Verrohung zu warnen ist in diesem Fall aus meiner Sicht durchaus angebracht, weil es viele Wege gibt hier hilfreich zu handeln. Schlimmstenfalls geht man sich aus dem Weg.

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