Film "Mein Glück"Wo Glück das Pech der anderen ist

Das Spielfilmdebüt von Sergei Loznitsa ist ein sehr lohnender, aber hoffnungsloser Blick auf den Teufelskreis aus Diebstahl, Gewalt und Elend in der ukrainischen Provinz. von Fokke Joel

Georgi ist Lastwagenfahrer und soll eine Fuhre Mehl transportieren. Aber auf seiner Route durch die ukrainische Provinz wird er an einer Polizeistation angehalten. Der Beamte lässt sich Georgis Papiere geben und es sieht so aus, als wolle er Geld von ihm erpressen. Doch sein Kollege hat kurz vor Georgi eine Frau herausgewunken. An ihr sind die beiden mehr interessiert – Georgi könnte unbemerkt seine Papiere nehmen und wieder verschwinden.

Der Regisseur Sergei Loznitsa wurde in Weißrussland geboren und lebt inzwischen in Deutschland. In seinem Spielfilmdebut ist das Glück des einen das Pech des anderen. Nur wenigen macht das in diesem Film ein schlechtes Gewissen. Georgi ist einer von ihnen und so zögert er, als er die Polizeistation verlässt. Es scheint, als überlege er, ob er der Frau vielleicht helfen könne.

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Mein Glück lief im vergangenen Jahr im Wettbewerb in Cannes. Das Böse ist darin nichts, was man am Ende einfach erledigen könnte wie in einem Hollywoodfilm. Und es ist auch nicht geheimnisvoll und unerklärbar. Es wurzelt in Elend und Gewalt und es führt in den meisten Fällen wieder zu Elend und Gewalt. Die Wahrheit ist hier, wie Brecht gesagt hätte, konkret. Der kriminelle Teufelskreis, der die verarmte ukrainische Provinz prägt, basiert meist auf einfachen Problemen, die aber nicht einfach zu lösen sind.

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Mein Glück zeigt außerdem, wie das Übel, in das Georgi nach und nach auf seiner Fahrt gerät, von der sowjetischen Vergangenheit herrührt. Bei vielen führte sie zu einer Haltung, die Georgi ein anderer LKW-Fahrer nahelegt: "Es ist eine wahre Kunst", sagt der, "zu wissen, wo man sich einmischen kann und wo nicht. Da brauchst du Talent. Aber am besten ist es, du hältst dich aus allem heraus."

Doch auch diesem LKW-Fahrer gelingt es am Ende nicht, sich aus allem herauszuhalten. Auf die düstere Perspektive des Films angesprochen hat Sergei Loznitsa in einem Interview geantwortet, dass für ihn Kunst keine unmittelbare Abbildung der Realität sei. Mein Glück ist eine Verdichtung und Übertreibung der ehemals sowjetischen Verhältnisse. Der Film zeigt in langen Einstellungen die Leere und Weite der ukrainischen Landschaft  und zum Beispiel in einer eindrucksvollen Kamerafahrt über einen ländlichen Markt die Spuren, die das harte Leben auf den Gesichtern der Menschen hinterlassen hat. Die Szenen sind aus subjektiver Perspektive mit einer Handkamera gedreht, der Suggestionskraft dieser Bilder kann sich der Zuschauer kaum entziehen.

Die Fahrt des LKW-Fahrers Georgi durch ein Land voller Armut und Gewalt endet in einer Szene vollkommener Hoffnungslosigkeit. Mein Glück ist ein beeindruckendes Debüt. Wer dem Teufelskreis in der verarmten Ukraine nicht ausweichen will, für den ist dieser Film ein Gewinn.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Film | Glück | Armut | Einstellung | Gewalt | Hollywoodfilm
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