Drei Dinge sind Mattie Ross wichtig: Ein gutes Pferd, ein Dach über dem Kopf und Tom Chaney hängen zu sehen. Die 14-Jährige (Hailee Steinfeld) ist nach Fort Smith gekommen, um Familienangelegenheiten zu regeln. Sie will den Leichnam ihres ermordeten Vaters nach Hause bringen und dessen Mörder Chaney (Josh Brolin) an den Galgen. Irgendwann, glaubt Mattie, müssen alle für ihre Taten bezahlen. Und wenn Gott sich zu viel Zeit damit lässt, dem Verbrecher die Rechnung zu servieren, muss das eben ein 14-jähriges Mädchen tun.

True Grit , der neue Film von Ethan und Joel Coen , ist ein Western nach allen Regeln des Genres. Er spielt in der Dämmerstunde des Wilden Westen, am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Sklaverei ist beendet. Der Bison fast ausgerottet. Bald werden Autos die Pferde von den Straßen drängen. In Fort Smith lässt Richter Isaac " The Hanging Judge " Parker so viele Männer hängen, wie kein anderer Richter der USA vor oder nach ihm. Im Jahr 1889 wird die Stadt zum Ausgangspunkt des Oklahoma Land Run werden – der Besiedlung des letzten Indianer-Territoriums im Westen.

Berlinale - True Grit: Die Pressekonferenz mit Jeff Bridges

Es ist eine Zeit gesellschaftlicher Umbrüche. True Grit erzählt vom Vordringen in fremdes Gebiet, von Gewalt und Gerechtigkeit und von der Wiederherstellung der Ordnung. Die Handlung ist schnell erzählt: Mattie bietet U.S.-Marshal Reuben J. "Rooster" Cogburn (Jeff Bridges) Geld, damit er sie auf ihrer Jagd begleitet. Auch der Texas-Ranger LaBoeuf (Matt Damon) ist auf der Suche nach Tom Chaney. Widerwillig bilden die drei eine Zweckgemeinschaft. Mit jedem Tag, den sie weiter Richtung Westen reiten, sich von der gewohnten Zivilisation entfernen, nähern sie sich auch den eigenen Grenzen.

Der Film unterscheidet sich vordergründig wenig von Klassikern wie Ringo , El Dorado oder Die Glorreichen Sieben : Western sind schlichte Geschichten einfacher Leute. Erst die Einsamkeit und Unerbittlichkeit der Landschaft lassen sie zu Epen werden. Die Coens aber sind Männer der Metaphern. Und so ist auch ihr Western – der erste – eine Allegorie. True Grit handelt von der Wiederauferstehung: nicht nur eines Helden, sondern auch des gesamten Genres. Doch zuvor muss erst gestorben werden und Mattie Ross ist der Todesengel, der die Ereignisse in Gang setzt.

Der Wilde Westen der Coens trägt die blassen Töne nachkolorierter Schwarz-Weiß-Fotografien – die Bürger von Fort Smith sind fast ausnahmslos in Schwarz gekleidet. Matties erster Weg in der Stadt führt sie zum Bestatter, um die Leiche ihres Vaters zu identifizieren. Der nächste zu einer öffentlichen Hinrichtung. In Sichtweite des Galgens sitzen Männer in puritanischen Anzügen auf den Dächern. Krähengleich beobachten sie das Geschehen. Auch das Mädchen sieht unbewegt zu, wie die drei Verurteilten hingerichtet werden. Ginge es nach ihr, wird dort auch bald der Mörder ihres Vaters hängen.

Die Coens lieben bizarre Charaktere und schwarzen Humor . In den ersten Minuten des Films spielen sie gut gelaunt ihr Lied vom Tod. Begleitet werden sie dabei von der Musik Carter Burwells . Der Komponist hat ein evangelisches Kirchenlied als musikalisches Thema ausgewählt. Die sakralen Melodien unterstreichen den irrsinnigen Rachezug, auf dem sich Mattie befindet.

Mit Hailee Steinfeld haben die Coens eine ideale Besetzung für dieses Mädchen gefunden. Ihre Mattie Ross ist eine 14-Jährige, die ihre Kindheit nicht hinter sich lassen muss – weil sie nie eine hatte. "Uns war klar, dass es ohne das richtige Kind auch den Film nicht geben würde", sagte Ethan Coen im Interview.