Kulturpolitik Hamburg Politisches Kalkül als Glücksfall
Karin Beier wird Intendantin am Hamburger Schauspiel. Das Publikum kann sich freuen. Die kluge Theatermacherin verheißt Erfolg – und ist politisch unbequem. Ein Kommentar
Karin Beier gilt als derzeit erfolgreichste Regisseurin in Deutschland. Sie wurde schon mehrfach mit ihren Stücken zum Theatertreffen nach Berlin geladen, was als höchste Auszeichnung unter Theatermachern gilt. Auch in diesem Jahr kommen zwei ihrer Inszenierungen in die Hauptstadt. Zurzeit ist sie Intendantin des Kölner Schauspiels. Doch vorzeitig, schon zur Spielzeit 2013/14, wird sie ans Hamburger Schauspielhaus wechseln.
Nach Hamburg? Ausgerechnet in die Stadt, die noch vor wenigen Wochen wegen ihrer aufgeregten Kulturpolitik Schlagzeilen machte? Der seit vergangenem August amtierende Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) muss sein Budget kürzen, weil die Hansestadt wie viele andere Kommunen nach dem Ausbruch der Finanzkrise kräftig spart. Doch anstatt erfrischende Impulse zur Neuorientierung in der Kulturpolitik zu geben, zeugten seine Ideen von wenig Verständnis für die Hamburger Szene. Der Streit wurde sehr laut und eskalierte am Altonaer Museum und dem Schauspielhaus, dessen Intendant Friedrich Schirmer kurz darauf überstürzt das Haus verließ. Und nun holt diese Stadt Karin Beier.
Grund ist wohl weniger die plötzlich entflammte Liebe zum Theater als politisches Kalkül. Am Wochenende sind in Hamburg Wahlen. Die CDU sieht schwierigen Zeiten entgegen. Da wollte der Kultursenator diese Personalie noch rasch als Erfolg für sich und seine Partei verbuchen.
Das belegt auch das Vorgehen bei der Intendantensuche. Üblicherweise wird der neue Kandidat erst bekannt gegeben, wenn die Sache abgemacht ist. Diesmal aber kursierte schon seit Wochen Karin Beiers Name. Damit setzte sich die Hamburger CDU selbst unter Druck – und vermutlich konnte die Regisseurin einige Bedingungen in ihren Vertrag diktieren.
Dem Publikum kann es recht sein. Karin Beier wird keine bequeme Lösung werden. In Köln hatte sie sich vor einem Jahr für ein Bürgerbegehren stark gemacht, das gegen den Abriss des Schauspiels eintrat und den Neubau eines kostspieligen, aber wesentliche Funktionen nicht erfüllenden Neubaus verhindern wollte – mit Erfolg. Das hatte ihr nicht nur Freunde in der Kölner Kommunalregierung verschafft.
Außerdem hat sie im Oktober Den Sturz als eigene Regiearbeit auf ihre Kölner Bühne gebracht. Das Stück von Elfriede Jelinek verhandelt den skandalösen Einsturz des Kölner Stadtarchivs und den unverantwortlichen Umgang der Behörden mit dem U-Bahn-Bau. Seit seiner Premiere ist es ausverkauft.
Karin Beier macht Stadttheater, wie es sein soll: klug, engagiert und sehr erfolgreich. Die Hamburger Zuschauer dürfen sich freuen. Die Hamburger Politiker sollten sich einen warmen Schal umbinden.
- Datum 17.02.2011 - 13:39 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Glück für Hamburg und die ZEIT, die ja dort beheimatet ist. Riesentrauer aber für Köln, wo sich ein weiteres Loch auftut. Karin Beier war ein Segen für unsere Stadt. Sie hat das richtige Theater am richtigen Ort gemacht. Sie hat den Stadtregierungen die Stirn geboten, hat einen Bauskandal erster Güte quasi im Alleingang aufgehalten und dann mit einer Bürgeraktion ohne Gleichen die Katastrophe Schauspielhausabriß verhindert. Ob sie Nämliches in Hamburg schafft? Man kann's nur wünschen, auch da stehen ja ein paar Baustellen herum (ich freu mich schon auf "Der Glaspalast- Ein Scherbengericht" über die Elbphilharmonie, dafür werd ich dann bestimmt hinfahren). Aber in Köln hinterläßt sie auf absehbare Zeit eine nicht zu schließende Lücke an Verstand, Couragiertheit und Qualität. Ich sehe schon den Opernintendanten mit dem Bürgermeister wieder neue Stadtquartiere planen... au weia!
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