Es gibt keine Flucht vor der Vergangenheit. Irgendwann steht sie einfach vor der Tür, begehrt Einlass und stellt alles infrage, was zwischenzeitlich sorgsam aufgebaut wurde.

In Odem , dem israelischem Wettbewerbsbeitrag der Berlinale 2011 des kanadisch-israelischen Regisseurs Jonathan Sagall (bekannt als Schauspieler aus Eis am Stil ), tritt diese Vergangenheit in Person von Inam (Nataly Attiya) nach Jahren in das Musterintegrationsleben von Lara (Clara Khoury). Beide Frauen sind in Ramallah aufgewachsen, waren Schulfreundinnen und sind später nach London emigriert. Die disziplinierte, kluge Lara hat sich dort ein neues Leben aufgebaut: Ihr Ehemann, Michael, ist Engländer und verdient viel Geld in der Werbebranche, der Sohn James geht auf eine elitäre Jungenschule und spricht kein Arabisch. Das beinahe aseptische Haus der Familie könnte der Schöner Wohnen entspringen. Die Freude Laras über den unerwarteten Besuch ihrer einst unvernünftigen und ungezügelten Jugendfreundin hält sich entsprechend in Grenzen.

Denn im Grunde ahnt Lara, dass der schöne Schein und der Wohlstand auch schon alles sind, was von ihren einstigen Wünschen geblieben ist. Freiheit? Leichtigkeit? Bietet das Leben als Ehefrau eines Londoner Neureichen ebenso wenig wie die Jugend in Ramallah.

In langen Rückblenden und in warmen Farben zeigt Sagall das Leben der Schulfreundinnen Lara (Ziv Weiner) und Inam (Moran Rosenblatt) in Ramallah. Doch die gerade ausgebrochene Intifada, die strengen Familien und die herrischen Nonnen in der Schule verleiden den Mädchen das Leben. Und auch der sehnsüchtig herbeigesehnte Ausbruch aus diesem öden Alltag, ein Ausflug ins Kino jenseits der Checkpoints im nahen Jerusalem, endet nicht annähernd so freudvoll, wie sich die beiden dies vorgestellt hatten. Was an diesem Abend genau passierte, darüber sprechen Inam und Lara auch viele Jahre später in London nicht. Beide Frauen pflegen ihre eigene Wahrheit – auch wenn der Preis für das Schweigen das stückweise Zerbrechen der Freundschaft bedeutet.

Die ungleichen Frauen, zerrissen zwischen Neid und Nähe, stehen im Mittelpunkt von Odem . So zerrissen wie Lara und Inam aber ist allerdings auch der Film selbst: Es geht um Freundschaft, Missgunst und Vergangenheit, um Betrug, Liebe und menschliche Schwächen. Und irgendwo im Hintergrund schwelt der Nahostkonflikt, die Tage der Intifada, die Enge der Westbank und der patriarchalischen Palästinenserfamilien.

Genau daran krankt Odem : So richtig kann sich der Regisseur Jonathan Sagall nicht entscheiden, was eigentlich sein Thema ist und mit welchem Anliegen der Zuschauer sich befassen soll. Damit, dass Inam nymphoman veranlagt ist? Mit Laras Alkoholismus schon in jungen Jahren? Mit der Dreieckskonstellation der beiden Frauen und Laras Ehemann? Mit den enttäuschten Erwartungen der Emigrantinnen? Oder bloß mit der Einsicht, dass die Erinnerung immer trügt, jeder seine eigene Wahrheit pflegt und immer nur die anderen glücklich zu sein scheinen?

Die Sprunghaftigkeit der Handlung macht dies nicht besser. Wie in einem Leslie-Nielsen-Film, bei dem in jeder Szene der jeweils albernste Ausgang gewählt wurde, scheint Odem sich in jeder Einstellung für die drastischste und traurigste Entwicklung zu entscheiden. Dass dem Film das Motiv und manche Erläuterung fehlt, muss auch Sagall aufgegangen zu sein: Immer wenn die Handlung ins Erratische abzugleiten droht, zieht der Regisseur einen neuen, oft unsinnig brutal inszenierten Handlungsstrang aus dem Ärmel. Suizid, Abtreibung, Vergewaltigung und Psychosen – welche Tragödie hätten's denn gern?

Spätestens am Ende, als all diese Dramen sich zu einem letzten Höhepunkt aufbäumen, bricht der Film unter seinem inhaltlichen Ballast zusammen. Was schade ist – hätte sich Sagall auf eine Geschichte und einen Aspekt beschränkt, hätte Odem tatsächlich das Zeug zu einem eindringlichen, hintergründigen und feinsinnigen Film gehabt.