"Ich schob die Kamera zwischen meinen Bruder und sein Sterben", sagt die Regisseurin Maria Mohr am Anfang zu den seltsam grünstichigen, unwirklich-schönen Bildern von ihrem Bruder Matthias. "Ich verstand die Welt nicht, in die er sich leise zurückzog. Wollte ihn festhalten. Bilder und Töne als Lebensabdrücke. Reliquien." Matthias starb mit 23 Jahren an einer Muskelschwächekrankheit. Die Liebe zu ihrem Bruder, das Unverständnis für seinen Rückzug und dann sein Tod, davon ist Bruder Schwester geprägt. Es ist der erste lange Essayfilm der für Cousin Cousine mehrfach ausgezeichneten Filmemacherin.

Im Zentrum stehen dabei Maria Mohrs Tante Ingrid und der 2009 heilig gesprochene Adlige und Mönch Rafael Arnáiz Barón, dem sie ihr Leben durch die Verbreitung seiner Schriften und Gedanken gewidmet hat. Auch Ingrid hatte sich, indem sie Nonne wurde, in gewisser Weise aus der Welt zurückgezogen. Und Rafael Arnáiz Barón war wie Maria Mohrs Bruder Matthias in jungen Jahren gestorben.

Die Regisseurin begleitet ihre Tante nach Spanien, besucht das Trapistenkloster, in dem Rafael gelebt hat und gestorben ist. Wo auch Matthias zwölf Jahre zuvor gewesen war. Sie erzählt Rafaels Geschichte und zeigt im Film Schwarz-Weiß-Fotos aus seinem Leben, zumeist Szenen außerhalb des Klosters. Ein gutaussehender, wohlhabender Mann, der seine Zeit mit Malen und Reisen verbringt. Der, wie so viele Heilige, dann alles aufgibt und ins Kloster geht. Sie lässt Mönche und Priester zu Wort kommen, die sich um die Heiligsprechung des Adligen bemühen und zeigt dann kurz vor Ende des Films die Zeremonie der Heiligsprechung in Rom 2009.

"Was sucht Rafael im Kloster? Und was suche ich?", fragt Maria Mohr. Auf einem der Fotos, das der Film zeigt, sieht der Zuschauer Rafael auf Eisenbahngleisen, den Hals über eine Schiene gelegt. Sie lässt dieses Foto unkommentiert, fährt fort, seine Geschichte zu erzählen. 1934 war er im Kloster an Diabetes erkrankt, man rechnete mit seinem frühen Tod. Erst später fragt sie: "Ist Todessehnsucht auch Sehnsucht nach ewiger Liebe? Nach absoluter Freiheit?" Und: "Wo liegt die Grenze zwischen Selbstaufgabe und Lebensverweigerung?"

Es ist die stärkste Infragestellung der religiösen Askese in Bruder Schwester . Ein Film, der zwar verstehen will, aber dafür nicht weiter hinter die Kulissen der katholischen Orden und Klöster blickt. Kein aufklärerischer Film, sondern einer, der von der Faszination für die Selbstaufgabe im Glauben an Gott lebt. So erfährt der Zuschauer nichts weiter von den Reibungen zwischen der Regisseurin und ihrer Tante, die sie am Anfang des Films erwähnt.