Film "Gegengerade" St. Pauli verliert im Kino

Der Regisseur Tarek Ehlail will das großartige Gefühl darstellen, Fan des FC St. Pauli zu sein. In seinem Film "Gegengerade" misslingt dies gründlich.

Gegengerade – Niemand siegt am Millerntor erstmals auf einer Kinoleinwand zu sehen war, musste die Polizei eingreifen. Die Premierenparty in einem Berliner Fünf-Sterne-Hotel war eskaliert, die Gäste zertrümmerten das Inventar und urinierten auf die edlen Teppiche, bis das Hotelpersonal verstört den Notruf wählte. Stilecht könnte man die ausgelassene Feierei nennen. Oder peinlich und einfältig. Wie der Film, der die Sause auslöste.

Ein paar Stunden nachdem

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Eigentlich wollte der Regisseur Tarek Ehlail dem FC St. Pauli ein Denkmal setzen. Am Ende zeigte er einen Film im Stile einer groben Tätlichkeit und nur mit etlichen Flaschen Astra zu ertragen. Es ist fraglich, ob der Hamburger Stadtteilverein, der schon fast penetrant auf seinen Ruf als Hort der Widerständler gegen Rassismus, Sexismus und Kommerz und auf seine Andersartigkeit pocht, sich tatsächlich mit diesem ungewöhnlich gewöhnlichen Prügelfilm schmücken will. Es geht vor allem um Schläge, Fäuste, Kunstblut. Nicht um Tiefe oder Haltung.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Magnus (Timo Jacobs) und Kowalski (Denis Moschitto) gehören zum harten Kern der St.-Pauli-Anhänger. Beide könnten unterschiedlicher, aber auch stereotyper, nicht sein. Magnus aus Blankenese bekommt von seiner ebenso wohlhabenden wie besorgten Mutti jeden Morgen Müsli, O-Saft und zwei Fünfzig-Euro-Scheine gereicht ("Iss was Anständiges!"), während Kowalski im Blaumann auf dem Schrottplatz für seine Stehplatz-Jahreskarte schuften muss. Dramaturgisch zusammengehalten wird das Duo vom Filmfreak Arne (Fabian Busch), der eine Langzeitdoku über die beiden dreht und besonders gerne draufzuhalten scheint, wenn Magnus seiner Freundin (Natalia Avelon) die Zunge in den Hals schiebt.

Gegengerade zeigt, wie die drei den Tag des entscheidenden Aufstiegsspiels verleben. Sie tun, was man eben so tut auf St. Pauli, wenn man sich zu den sogenannten erlebnisorientierten Fans zählt: Bier trinken, zu Punk pogen, tätowierte Frauen küssen und vor der Ordnungsmacht davonrennen. Und sie hauen sich gern, obwohl Kowalskis Kreuz kaum breiter ist als das von Philipp Lahm.

Aufgehübscht wird die schnelle, laute, karge Hooligan-Storyline durch allerlei Nebengeschichten. Sie wirken, als mussten all die Stars, die sich ihren Platz in einem vermeintlichen Kultfilm um einen Kultclub sichern wollten, irgendwo untergebracht werden. Während sich Claude-Oliver Rudolph als lässiger Kiez-Arzt und Moritz Bleibtreu als gentrifzierender Immobilienmakler mühen, sind Dominique Horwitz und mit Abstrichen auch Mario Adorf schauspielerische Lichtblicke. Horwitz gibt einen schmierigen Staatsanwalt, Adorf bringt als Kioskbesitzer mit Sommerhemd, -hut und -gemüt etwas mediterranes Flair in den Norden. Diese Figuren wirken allesamt überzeichnet. So aber wirken, das muss man zugeben, auch die echten Menschen, die man so trifft, rund um die Reeperbahn.

Bislang endete fast jeder Spielfilm, der sich am Fußball versuchte, mit einer bitteren Niederlage. Ob es um den sportlichen Gründungsmythos Nachkriegsdeutschlands ging (Das Wunder von Bern), um kickende Knaben in Schrottplatzoptik (Die wilden Kerle) oder die Verfilmung der Fußball-Bibel schlechthin (Fever Pitch) – noch schaffte es niemand, den Rausch rund um den schönen Sport glaubwürdig auf der Leinwand darzustellen. Liebe funktioniert, Hass auch, Trauer und Wut ebenso. Das Fansein ist eine der letzten großen Emotionen, an der selbst Champions-League-Mimen scheitern.

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Die besten Fußballfilme blieben bislang Dokumentationen. Auch Gegengerade hat seine besten Momente in den dokumentarischen Szenen. Immer dann, wenn die Kamera echte Fans während eines echten Spiels zeigt, kommt wenigsten ein wenig St.-Pauli-Gefühl auf. Doch dann tauchen Jacobs, Moschitto und Busch in der Menge auf und verrenken beim Singen und Jubeln ihren Mund so gekünstelt, dass sie noch vor der Halbzeitpause aus jeder Fankurve verwiesen worden wären. Die Schauspieler passen so gut da rein wie Felix Magath auf die Pauli-Bank.

Ebenso abwegig muten die Sexbezüge des Films an. Sperma spritzt auf den St.-Pauli-Totenkopf eines Autowimpelchens, weil – schon klar – gleich ums Eck, in der Herbertstraße, herrscht reges Treiben. Die Gastauftritte des Pornosternchens Vivien Schmitt und der kürzlich während einer Brust-OP verstorbenen Sexy Cora hätte es nicht gebraucht. Ebenso wenig wie die schon fast bizarr übertriebene Darstellung von Polizeigewalt, die einen gegen Ende des Films noch einmal beherzt in den Fanschal beißen lässt.

Leser-Kommentare
    • ring2
    • 29.03.2011 um 18:14 Uhr

    ... das hat mit Fußball nichts zu tun - gutes Feedback.

    http://stpauli.nu/?p=2324

  1. ...vielen Dank dafür!

    Wer einen gelungenden Fußballfilm sehen möchte, dem sei "The Other Final" ans Herz gelegt. Natürlich eine Doku. Dafür garantiert ohne Eventfans.

  2. zidane a 21st century portrait hat in meinen augen keine bittere niederlage bei dem versuch sich fussball als thema inhaltlich und formal mit tiefe und substanz zu nähern erleidet. die aufgeführten filme sprechen weder für die filmkenntnisse des autors noch für die im vorfeld des artikels betriebene recherche (wenns eine gab ausser sich den film anzuschauen). schade dass an dieser stelle nicht auch auf bildende Kunst wie zb. Harun Farocki^s videoinstallation Deep Play (2007) von der documenta 12 verwiesen wird und somit ein interessanter link zur verbindung von aethetik, kunst und fussball entsteht. würde mir wünschen dass wenn schon nicht durch den film, dann wenigstens durch den kommentar hier weitläufigere gedanken angestossen werden. selber chance nicht genutzt...

    • Opaoma
    • 09.07.2011 um 15:39 Uhr

    Ist zwar auch kein geniestreich und hat auch sonst nicht so viel aussagekraft über fußball, ist aber eben einer diese 90-jahre ruhrpott filme. hat auf jeden fall nichts künstliches, eher nur etwas durchgeknalltes an sich. und versprüht eben schon einigen charme vom Ruhrpott geproll, was beim Fußball dazulande ja numal dazugehört.

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