Pastellfarben schimmert der Balaton-See in der Abenddämmerung. Über glühenden Kohlen brutzelt der fette Speck einer selbst gemachten Pizza. Ápárd Pusztai kehrt regelmäßig in seine ungarische Heimat zurück. Hier ist er nicht der Biochemiker aus England, den man vor gut zehn Jahren öffentlich durch den Dreck gezogen hat, weil er es wagte, die Sicherheit von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln infrage zu stellen. Die Enttäuschung sitzt tief. Am schlimmsten für ihn war die Erkenntnis, dass viele Wissenschaftler keine Wissenschaftler sind: Als Handlager der Industrie veröffentlichen sie fadenscheinige Studien. Weil sie geldgierig sind und voller Angst.

Der neue Film von Bertram Verhaag trägt den Untertitel Gentechnik im Magnetfeld des Geldes und es geht genau darum. Wie stark ist der Einfluss der Wirtschaft auf die Wissenschaft? Können wir noch von Unabhängigkeit sprechen? Dass der Münchner Dokumentarfilmer die Genforschung herausgepickt, wundert nicht. David gegen Monsanto, Tote Ernte, Der achte Schöpfungstag – immer wieder geht es in seiner Arbeit um Landwirte, Bürgerrechtler und Wissenschaftler, die den Versprechungen der Chemie-Multis nicht trauen. Gentechnik stoppt nicht den Hunger in der Welt, erleichtert nicht die Arbeit auf dem Feld und spart nicht Spritzmittel ein. Gentechnik steigert den Umsatz der Konzerne und stürzt Bauern in eine tiefe Abhängigkeit. Wissenschaftlern ergeht es angeblich genauso. Wer aufmuckt gefährdet seine Karriere.

 
Mit einem Messer schneidet Pusztai Kartoffeln in Scheiben. Genau wie in seinen letzten Jahren am Rowett Research Institute in Aberdeen. Damals wollte er herausfinden, ob Genfood einen Einfluss auf die Gesundheit hat. "Es gab dazu keine Veröffentlichungen", sagt der Biochemiker, "obwohl wir das alle schon aßen". Er verfütterte gentechnisch veränderte Kartoffeln an Ratten, später tötete, sezierte und verglich er die Tiere mit einer Kontrollgruppe. Das Ergebnis: größerer Darm, kleinere Nieren – nur zwei von insgesamt 36 Unterschieden.

Am Institut wurde er gefeiert wie ein Held, in einer Sendung des britischen Senders Channel 4 sollte er die Öffentlichkeit darüber informieren. 150 Sekunden mit zwei zentralen Botschaften: "Ich würde gentechnisch veränderte Nahrungsmittel nicht essen" und "Es ist unfair, Mitbürger als Versuchskaninchen zu benutzen".

Zwei Tage später dann das Aus. Angeblich klingelte das Ministerium des damaligen Premierministers Tony Blair bei Rowett-Direktor Philip James durch. Pusztai musste gehen, seine Ergebnisse wurden dementiert, er habe voreilige Schlüsse gezogen, Versuchsdaten vertauscht, erfunden.

Wer sich an den Fall erinnert, weiß: unumstritten ist Pusztai nicht. Was wusste der Institutsleiter von den Versuchen? Hat er zu dem Fernsehinterview wirklich ja gesagt? Angeblich kassierte James Forschungsgelder von Gentechnikkonzern Monsanto. Und doch verstört die Vehemenz, mit der hier vorgegangen wurde, auch heute.

Auch ist Verhaag clever genug, noch weitere vor die Linse zu ziehen: Ignacio Chapela, Opfer einer virtuellen Hetzkampagne, die den kritischen Mikrobiologen und Berkeley-Professor als unseriösen Aktivisten diffamierte – angeblich im Auftrag der Industrie. Außerdem Andrew Kimbrell, der Leiter des Center of Food Safety in Washington durchforstete 60.000 Dokumente, die belegen, dass die Arzneimittelzulassungsbehörde FDA trotz Bedenken immer wieder grünes Licht für gentechnisch veränderte Nahrungsmittel erteilte. Und Wissenschaftsjournalist Jeffrey Smith, der ebenfalls bestätigt, wie schlapp die Kontrollen sind und wie schwierig es für unabhängige Forscher ist, sich selbst eine Meinung zu bilden. So gibt Monsanto seinen Gen-Mais nicht für Studienzwecke frei und auch die Stammlinie, die noch unveränderte Pflanze, bleibt unter Verschluss.