Einen Monat lang reisten Austin Lynch, 28, Sohn des Regisseurs David Lynch, und der Fotograf Jason S. im Oktober 2010 quer durch Deutschland. Für ihr Interview Project Germany sprachen sie in schwäbischen Vorgärten und ostdeutschen Kleinstädten mit Rentnern, Trampern und Teenagern über deren Leben. Das Ergebnis sind über 50 kurze Interview-Porträts, die von persönlichen Schicksalen handeln und zugleich eine Momentaufnahme Deutschlands darstellen. Jede Woche werden auf der Website Interview Project Germany zwei neue Interviews zu sehen sein.
Eine ähnliche Interviewreihe hatten die beiden Filmemacher schon 2009 in den Vereinigten Staaten gedreht. Ihr Interview Project USA lief erfolgreich im Internet und wurde mehrfach mit Dokumentarfilmpreisen ausgezeichnet.

ZEIT ONLINE: Herr Lynch, Sie haben innerhalb eines Monats fast jeden Winkel Deutschlands gesehen und dabei Interviews mit über 50 Menschen geführt. Hat Sie dieses Land überrascht?

Austin Lynch: Überraschend war, wie offen die Leute hier sind. Bevor wir losfuhren, hatte man uns gewarnt, dass die Deutschen nicht besonders gesprächig wären. Aber unsere Erfahrung war: Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir haben die unglaublichsten Menschen getroffen, die uns in nur einer Stunde einen Einblick in ihr Seelenleben gegeben haben.

ZEIT ONLINE: Dabei stellen sie ausschließlich einfache Fragen, die jeder beantworten kann.

Lynch: Genau das ist der Trick. Wie würdest du gerne in Erinnerung bleiben? Wer waren deine Eltern? Wie ist dein Erwachsenenleben bislang verlaufen? Jeder hat auf diese Fragen eine individuelle Antwort. Das Wunderbare an diesen Fragen ist außerdem, dass sie völlig offen sind. Wir wussten bei keinem Interview, was uns erwartet und was uns der Mensch gegenüber gleich für eine Geschichte erzählen wird. 

ZEIT ONLINE: Viele der Interviews hinterlassen einen Eindruck der Schwere. Ist Melancholie unvermeidbar, wenn Menschen ihr Leben resümieren?

Lynch: Das kommt darauf an, wie man Melancholie definiert. Wir hatten bei den meisten Menschen nicht den Eindruck, dass sie zwangsläufig traurig sind. Sicher kommt immer eine gewisse Form von Nachdenklichkeit auf, wenn man sich mit grundsätzlichen Fragen seines Lebens beschäftigt. Aber wir haben auch mit Menschen gesprochen, die in ihrem Leben sehr viel durchlitten haben und noch immer voller Hoffnung sind. Oft haben gerade diese Leute das Interview mit einem Lächeln verlassen.

ZEIT ONLINE: Sie waren 28 Tage am Stück unterwegs und sind dabei jeder Menge Menschen begegnet. Gab es Kriterien, unter denen Sie Ihre Interview-Partner ausgewählt haben?

Lynch: Nein, wir hatten bei dem gesamten Projekt absolut keinen festen Plan im Kopf. Als wir Anfang Oktober in Berlin losgefahren sind, stand nicht einmal eine Route fest. Wir haben dann jeden Tag eine Münze geworfen und sind so von Stadt zu Stadt gekommen. Ähnlich war es bei den Leuten, mit denen wir gesprochen haben. Wir haben einfach jeden gefragt, der uns über den Weg lief.

ZEIT ONLINE: Vergleichbar häufig kommen in den Episoden dennoch gesellschaftliche Außenseiter zu Wort. Waren diese besonders gesprächsbereit?